"Es fehlt der Wille, die Morde aufzuklären"

Maider Martin Goena. Bild: R. Streck

Mit den Stimmen der spanischen Sozialdemokraten wurde abgelehnt, die Verbrechen der staatlichen Todesschwadrone zu untersuchen und den früheren Regierungschef González zu vernehmen

In den 1980er Jahren hatte Spanien staatliche Todesschwadrone aufgestellt, die vor allem im französischen Baskenland Jagd auf angebliche Mitglieder der Untergrundorganisation ETA machten. Die Mehrzahl der Morde, die allein auf das Konto der "Grupos Antiterroristas de Liberación" (GAL) gehen, wurde bis heute nicht aufgeklärt und das gilt auch für die ähnlicher Organisationen.

Am Dienstag wurde im spanischen Parlament ein Antrag mit den Stimmen der Sozialdemokraten (PSOE), der rechten Volkspartei (PP) und der ultrarechten VOX abgelehnt, eine Untersuchungskommission zu den Vorgängen einzurichten, um auch den früheren PSOE-Chef und Ministerpräsident Felipe González vorzuladen. Denn kürzlich hatten freigegebene Dokumente des US-Geheimdienstes das offene Geheimnis bestätigt, dass González hinter den Todesschwadronen stand, für die Söldner angeheuert wurden. Telepolis sprach mit Maider Garcia Goena, Tochter des offiziell letzten GAL-Opfers Carlos García Goena, über die Vorgänge.

Jetzt sagen auch Dokumente des US-Geheimdienstes CIA, dass der frühere Regierungschef González der "Señor X" war, der hinter den Todesschwadronen GAL in Spanien stand. Überrascht Sie das?
Maider Garcia Goena: Nein, kein bisschen. Das ist etwas, von dem wir seit langem ausgehen. Mich quält aber wirklich das Schweigen dazu, dass das niemanden in Spanien wirklich interessiert, die Gleichgültigkeit, die insgesamt vorherrscht. Sogar die Organisation von Terrorismusopfern Covite, in der meine Mutter Vizepräsidentin war, sagt dazu praktisch nichts.
Was fordern Sie, als Angehörige des vermutlich letzten GAL-Opfers, von der politischen Klasse?
Maider Garcia Goena: Zuallererst erwarte ich von der PSOE, dass sie die Verbrechen anerkennt. Ich weiß, dass das heute eine andere Generation ist, aber die Partei weiß doch, was sie zu verantworten hat und dass ihr Name beschmutzt ist. Es würde sie ehren, die Wunden zu reinigen, würde sie die Grausamkeiten anerkennen. Und zudem müsste sie von González eine Erklärung und Aufklärung der Vorgänge fordern.
Ihre Mutter Laura Martín, die aus dem Fenster beobachtet hat, wie Ihr Vater am 24. Juli 1987 von einer Bombe in seinem Auto im französisch-baskischen Hendaye zerrissen wurde, hat einst erklärt, sie würde der PSOE verzeihen, wenn aufgedeckt würde, wer die Täter waren. Gilt das auch für Sie?
Maider Garcia Goena: Verzeihen kann ich die Verbrechen nicht. Ich glaube auch, das wäre eine Missachtung meines Vaters. Ich könnte aber akzeptieren, wenn man uns um Vergebung bitten würde. Das heißt nicht, dass ich jemanden hassen würde. Aber es handelt sich um einen Vorgang, der einfach unverzeihlich ist. Ich könnte aber damit leben, wie andere damit leben, dass Mitglieder der Untergrundorganisation ETA nach Verbüßung ihrer Strafe hier aus dem Gefängnis kommen und hier im Baskenland leben.
Geht es nicht ohnehin eher um die Hintermänner wie den "Señor X", als der González bezeichnet wird? Sogar geständige GAL-Mörder haben erklärt, nur abgedrückt zu haben, "organisiert haben andere".
Maider Garcia Goena: Der oder die Täter sind wahrscheinlich ohnehin längst tot, irgendein Söldner der angeheuert wurde, der inzwischen bei einem "Autounfall" ums Leben kam oder so. Für mich geht es vor allem darum, dass die PSOE öffentlich und klar die Verbrechen anerkennt und keine halben Sachen macht. Wie wollen wir denn ein Zusammenleben organisieren, weiter kommen, wenn das Grundsätzlichste verweigert wird: Aufklärung und Anerkennung.
Wie kommt das bei Ihnen an, dass die Linkspartei Podemos, die die "Kloaken säubern" und mit dem Regime von 1978 aufräumen wollte, nun erklärt hatte, dass ja längst alles über die GAL bekannt sei, von "Ablenkung" sprach, weshalb sie eine Untersuchungskommission ablehnen wollte? Die Podemos-Kandidatin im Baskenland und Angehörige eines GAL-Opfers hat erklärt: "Ich löse mich von Podemos, ich kann diese Verachtung nicht ertragen."
Maider Garcia Goena: Das schmerzt extrem. Es fühlte sich wie ein Feuerball in mir an, als ich das erfahren habe. Vielleicht weiß Podemos, was passiert ist. Ich weiß es nicht. Ich weiß bis heute nicht, warum mein Vater vor 33 Jahren ermordet wurde. Podemos hatte stets von der Wiederherstellung der historischen Erinnerung gesprochen, gefordert, Folterern die Auszeichnungen zu entziehen, und die Partei will plötzlich keine Untersuchung. Bei González und der GAL darf der Dreck unter dem Teppich bleiben? Mich hat das total verstört.
Und wie bewerten Sie das Verhalten der Sozialdemokraten?
Maider Garcia Goena: Aussagen, wie von der Parteisprecherin Adriana Lastra, schmerzen auch, doch deren Vorgehen verwundert mich weniger. Allerdings hätte ich mir auch von der PSOE heute etwas anderes erwartet. Für mich sieht es so aus, dass die Partei weiter stolz über die Vorgänge ist. Sonst würde sie sich anders verhalten. Und selbst wenn wir alles wüssten, dann fehlt immer noch, dass González die Verbrechen anerkennt, er die Verantwortung dafür übernimmt, die Schuld anerkennt. Mir ist aber auch klar, dass der dafür keine Strafe verbüßen wird. Die PSOE hatte nun eine einmalige Möglichkeit aufzuräumen, doch die wurde verspielt und sie haben dabei auch noch Podemos mit herunter gezogen. Ist es so schwer, Verantwortung zu übernehmen?
Was ist denn bisher über den Anschlag gegen Ihren Vater klar? Angeblich ist ja die GAL gegen Mitglieder der ETA im französischen Baskenland vorgegangen, doch Ihr Vater war Antimilitarist und ist vor dem Kriegsdienst über den Grenzfluss nach Hendaye geflohen.
Maider Garcia Goena: Nichts ist klar. Es laufen Jahre um Jahre Ermittlungen. Aber es fehlt der reale Wille, die Morde wirklich aufzuklären. Der Nationale Gerichtshof in Spanien ermittelt offiziell zwar wieder, er hat ein Rechtshilfeersuchen an Frankreich gestellt, um einen Fotografen eines Fotostudios in Hendaye zu vernehmen. Doch seit 2016 passiert nichts. Auch Frankreich hat man kein Interesse die GAL-Geschichte aufzuklären.
Glauben Sie die Aussagen des Ex-Polizisten José Amedo, einer der GAL-Anführer, dass ein französischer Polizist "Jean Louis" den Anschlag koordiniert haben soll, der mit einem "Carlos", Mitglied der Guardia Civil, und dem spanischen Geheimdienst zusammengearbeitet haben soll? Bekannt ist, dass der Schwager des Fotografen in Hendaye bei der Guardia Civil in der berüchtigten Kaserne in Intxaurrondo stationiert war, in der auch GAL-Opfer zu Tode gefoltert wurden. Und die GAL benutzte das Familienfoto, auf dem auch Sie abgebildet sind und das in dem Studio gemacht wurde, zur Identifizierung ihres Vaters.
Maider Garcia Goena: Das ist alles ziemlich wirr, denn Amedo spricht ja keinen Klartext. Er spricht immer wieder davon, auspacken zu wollen, er tut es aber nicht. Wir halten es für möglich, dass er diesen Jean Louis einfach erfindet und dass er in Wirklichkeit diese Person ist. Von den fast 30 Fällen wurden real zwei aufgeklärt. In unserem Fall laufen wir ständig gegen Wände, überall tauchen Hindernisse auf. Amedo hat immer wieder klar gesagt, dass man über den Mord an meinen Vater den ehemaligen Staatssekretär für Sicherheit Rafael Vera befragen müsse. Doch das macht die Staatsanwaltschaft nicht ...
Guardia Civil Kaserne Intxaurrondo. Bild: R. Streck
… dabei wurde Vera tatsächlich mit Innenminister José Barrionuevo wegen GAL-Verbrechen verurteilt.
Maider Garcia Goena: Genau. Und obwohl der Name Vera im Fall meines Vaters immer und immer wieder in Aussagen auftaucht, passiert einfach nichts.
Wie erklärt sich Ihre Familie den Anschlag auf ihren Vater?
Maider Garcia Goena: Eine wirkliche Erklärung gibt es nicht. Es versteht keiner, wie die Entführung des Unternehmers Segundo Marey, für die Vera und Barrionuevo bestraft wurden. Es ist paradox, dass mein Vater, der vor dem Kriegsdienst geflohen ist, der keine Waffe in die Hand nehmen wollte, dagegen war, auch nur Spielzeugwaffen zu kaufen, umgebracht wurde. Vielleicht war er nur ein einfaches Opfer. Da er sich anders als andere Flüchtlinge in Hendaye frei bewegte, offen auftrat, mich in die baskische Schule geschickt hat.
Einmal, das hat mir meine Mutter erzählt, kamen sogar Leute aus dem ETA-Umfeld zu uns, um etwas über meinen Vater zu erfahren, weil sie ihn für einen möglichen Polizisten hielten. Er saß zwischen allen Stühlen. Meine Eltern hatten mit Politik nichts zu tun. Der Traum meines Vaters war, möglichst schnell nach Tolosa zurückkehren zu können, vor allem um Karneval zu feiern. Er hatte sogar schon erste Schritte unternommen. Wie ich mich noch genau an das Fotostudio noch erinnern kann, erinnere ich mich auch, mit ihm dafür im spanischen Konsulat gewesen zu sein.
Wie erlebt man einen solchen traumatischen Vorgang als fünfjähriges Kind?
Maider Garcia Goena: Ich habe praktisch einen Blackout über drei Jahre. Ich kann mich an viele Sachen aus dieser Zeit einfach nicht erinnern, nicht einmal an die Geburt meiner kleineren Schwester. Ich erinnere mich nur noch an die Angst meiner Mutter. Sie hatte unter dem Bett alles Mögliche liegen, Schraubenzieher, Messer, Scheren … um sich im Notfall verteidigen zu können. Ich erinnere mich auch noch an die Eingangstür, von oben bis unten voll mit Schlössern und Ketten.
Meine Mutter hatte mir gesagt, mein Vater sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen, doch eine Mitschülerin sagte mir schließlich, dass er in die Luft gesprengt worden ist. Als dann 1995 die sterblichen Überreste von Joxean Lasa und Joxi Zabala identifiziert wurden, die von der GAL ermordet und in ungelöschten Kalk verscharrt worden waren, begann meine Bewusstwerdung.
Meine Mutter weinen zu sehen, leiden zu sehen und kämpfen zu sehen, ihre Verzweiflung, das war für mich härter, als der Tod meines Vaters, den hatte ich verdrängt, obwohl ich meinen Vater verehrt und geliebt habe. Doch ich erinnere mich einfach an einen Zeitabschnitt nicht. Ein völliges Vakuum ist da entstanden.
Sie beschäftigen sich nun ausgiebig mit den Vorgängen, Sie klären auch in Schulen darüber auf und treffen auch mit Angehörigen von ETA-Opfern oder von Polizeigewalt zusammen. Wie stellt sich das dar? Gibt es große Unterschiede oder eher Ähnlichkeiten?
Maider Garcia Goena: Ich hatte das schon über meine Mutter erlebt, die sich stets mit anderen Angehörigen oder Opfern traf. Für mich ist das problemlos. Ich mache keinen Unterschied zwischen Opfern. Wir alle haben stark gelitten, das ist bei uns allen gleich. Alle haben einen geliebten Angehörigen verloren und leiden unter einer großen Ungerechtigkeit. Aber Unterschiede gibt es natürlich. Klar, die GAL wurde nie als Terrorismus bezeichnet, deren Opfer nicht als Terrorismusopfer anerkannt, genauso wenig wie die Opfer von Polizeigewalt, um von den "Strafen" nicht zu sprechen. Lasa und Zabala sollen ETA-Mitglieder gewesen sein. Das ist mir aber egal, sie wurden einfach umgebracht, es sind Opfer. Aber ich habe auch mit Angehörigen von ETA-Opfern kein Problem. Gerade hat mir Naiara Zamarreño geschrieben, um mir angesichts der Vorgänge Kraft zu wünschen. Wir treffen uns mit verschiedenen Leuten immer wieder und das ist sehr gesund. Man stellt dabei fest, dass es kaum Unterschiede gibt.
Wollen letztlich nicht alle Angehörigen die Wahrheit erfahren? Eigentlich sind Wahrheitskommissionen ein zentrale Bestandteil von Friedensprozessen, die es hier nicht gibt.
Maider Garcia Goena: Klar, denn es gibt auch viele Morde der ETA, die nicht aufgeklärt sind. Was mich aber persönlich ganz besonders mitnimmt, ist die Frage der Folter. Die wühlt mich besonders auf. Es ist für mich absolut unverständlich, dass man die Folteropfer nicht als Opfer anerkennt.
Es gibt einige, die sich mit den Vorgängen nicht beschäftigen wollen, aber wir müssen die Geschichte aufschreiben, sie erzählen und zwar aus allen Blickwinkeln und Gesichtspunkten. Als Terrorismus wird nur das Vorgehen der ETA bezeichnet, nicht aber der GAL oder anderer Gruppen, die es zuvor gab. Dabei gehören auch die Toten und Verletzten der Polizeigewalt, die Folter-Opfer … all das gehört zu einem Kontext und all das sind Opfer für mich.
Und auch diese Opfer müssen anerkannt werden und Verantwortung für diese Verbrechen übernommen werden. Hier im Baskenland ist über die Vorgänge noch einigermaßen viel bekannt, aber in weiten Teilen Spaniens nicht. Doch wie sollen wir weiter kommen, eine Geschichte abschließen und dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholt, wenn die Wahrheit nicht auf den Tisch kommt? Und die Wahrheit impliziert, dass ich mir Sachen anhören muss, die mir nicht gefallen, dass ETA-Opfer sich Sachen anhören müssen, die ihnen nicht gefallen. Nur so können wir voranschreiten und verhindern, dass sich die Vorgänge wiederholen. (Ralf Streck)