"Es geht darum, sich dem Wandel anzupassen, nicht darum, der Stärkste zu sein"

Jeffrey H. Guyton, Präsident und CEO der Mazda Motor Europe GmbH, über die Herausforderung der Robotik und des autonomen Fahrens

Der Amerikaner Jeffrey Guyton, geboren im Jahr 1967, studierte Asian Studies und Business Administration an der University of Michigan. Seine berufliche Laufbahn begann er bei Ford und wechselte im Jahr 2000 zum japanischen Hersteller Mazda. Seit März 2009 leitet er den europäischen Zweig des Konzerns, der 1920 in Hiroshima gegründet wurde. Die Gelegenheit zum Gespräch ergab sich bei der von Mazda Europe veranstalteten dritten "Challengers Conference" Ende September 2015 in Barcelona.

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Für einen Journalisten ist es generell problematisch, über eine Veranstaltung zu berichten, zu der er vom Veranstalter eingeladen wurde. Aber die Aussicht, hier in Barcelona einen Referenten wie Federico Pistono zu treffen, der in seinem Buch ("Roboter stehlen deinen Job - aber das ist ok") unter anderem empfiehlt: "Schmeiß dein Auto weg" - das hat mich dann doch neugierig gemacht. Ich habe mich gefragt: Was für eine Art Public Relations ist das denn?
Jeffrey H. Guyton: Der Sinn dieser ganzen Übung ist es, eine Haltung zu demonstrieren. Unsere Haltung. Kleine Gruppen von Menschen oder einzelne Personen können die Welt verändern und große Verbesserungen bewirken. Ich persönlich oder das Unternehmen teilen nicht unbedingt die Ansichten und politischen Forderungen, die hier vorgestellt werden. Es sind herausfordernde Ideen, aber so lange sie darauf abzielen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, stimmt das mit unseren Absichten und unserer Haltung überein.
Jeffrey Guyton. Bild: Mazda
Wenn Sie eine Trägerin des Friedensnobelpreises wie Jody Williams einladen, ist das ohne weiteres nachvollziehbar. In den anderen Vorträgen und Diskussionen zur Zukunft der Arbeit war jedoch wiederholt von autonomen Fahrzeugen die Rede. Diese Technologie wird es uns früher oder später ermöglichen, mit erheblich weniger Autos auszukommen als heute. Sägen Sie nicht an dem Ast, auf dem Sie selbst sitzen?
Jeffrey H. Guyton: Wir verkaufen Autos an Leute, die gerne fahren. Daher richten wir viel Aufmerksamkeit darauf, wie das Fahrzeug sich verhält. Solange Menschen Freude am Autofahren haben, wird es weiterhin Käufer für Mazdas geben. Selbst in einer Welt, in der es ungesetzlich wäre, selbst zu fahren, gäbe es immer noch Unterschiede in der Art, wie man transportiert wird. Es wird autonome Fahrzeuge geben, in denen die Fahrt mehr Vergnügen bereitet als in anderen, Fahrzeuge, die nüchtern und zweckmäßig gestaltet sind, und solche mit Luxusausstattung. Selbst wenn kein Mensch mehr das Lenkrad hält, wird es noch unterschiedliche Vorlieben bei den Konsumenten geben.
Ich gehe auch davon aus, dass sich an der Strecke, die insgesamt mit Autos zurückgelegt wird, nicht viel ändern wird. Obwohl heute viele Autos die meiste Zeit herumstehen, bewältigen sie doch die von den Nutzern gewünschten Entfernungen, bis sie irgendwann verschlissen sind. Vielleicht haben wir zukünftig einen erheblich größeren Anteil an jungen Fahrzeugen, denn sie werden sich schneller abnutzen, weil sie ständig gefahren werden.
Raúl Rojas, Informatiker an der Freien Universität Berlin, hat ein Szenario entworfen, in dem die Menschen sich Autos in der Größe und Ausstattung rufen, die sie gerade benötigen, und sich auf optimierten Routen zu ihren Zielen transportieren lassen. Die Straßen könnten frei von parkenden Fahrzeugen sein und die Mobilitätswünsche ließen sich mit einem Viertel der heute in Berlin vorhandenen Autos befriedigen.
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Jeffrey H. Guyton: Aber diese Autos fahren die ganze Zeit und verschleißen dadurch schneller. Diese Seite der Gleichung wird von vielen noch nicht gesehen. Alle erwarten den Untergang der Automobilindustrie. Aber das muss nicht so kommen.
Sie wird vielleicht nicht untergehen. Aber sie muss sich verändern. Was halten Sie von der Idee, dass aus den Anbietern von Fahrzeugen Anbieter von Mobilitätskonzepten werden müssten?
Jeffrey H. Guyton: Als Konzept wird Mobilität zweifellos an Bedeutung gewinnen. Es ist aber die Frage, ob Autohersteller diese Aufgabe übernehmen müssen. Nehmen Sie etwa die Firma Uber: Sie hat ein neues Mobilitätskonzept entwickelt, ohne sich im Geringsten um die Hersteller der dabei verwendeten Fahrzeuge zu kümmern. Im Zentrum steht vielmehr das Netzwerk der Personen, die über das Internet miteinander verbunden werden.
Es gibt verschiedene Sichtweisen, ob ich als eingeführte Marke selbst so etwas schaffen soll - oder mit meinem Produkt bereit stehe, wenn andere irgendwo eine Mobilitätslösung entwickelt haben und sagen: Dafür hätten wir gerne einen Mazda. Viele der großen Konzerne investieren stark in eigene, umfassende Mobilitätssysteme und treten damit untereinander in den Wettbewerb. Es kann funktionieren, aber es erfordert einen hohen finanziellen Aufwand. Unternehmen wie Uber brauchen nicht viel Geld und kommen mit wenig Personal aus. Es ist das Engagement des Netzwerks, das die Attraktivität ausmacht und die Effizienz hervorbringt.
Fühlen sich große Autokonzerne durch Firmen wie Google oder Apple stärker herausgefordert als kleinere wie Mazda?
Jeffrey H. Guyton: So klein sind wir nicht. Das mag Ihnen in Deutschland so vorkommen. Weltweit sind wir mit BMW ungefähr gleichauf. Ich sage auch nicht, dass uns die Veränderungen nicht betreffen. Aber wir verfolgen gegenwärtig eine andere Strategie.
Der Markt für Kameras ist durch die Digitalisierung völlig umgekrempelt worden. Traditionsfirmen mussten aufgeben, weil auf einmal ganz andere Kompetenzen erforderlich waren. Neue Marken, die zuvor nichts mit Fotografie zu tun gehabt hatten, wurden rasch zu marktbeherrschenden Größen. Das müsste einem Autohersteller doch zu denken geben.
Jeffrey H. Guyton: Nun, so ist es doch immer gewesen. Um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es etwa 125 Firmen, die Autos herstellten. Heute existiert davon so gut wie keine mehr. Dagegen gibt es 90 Prozent aller japanischen Firmen, die jemals gegründet wurden, immer noch. Die Kaufhauskette Mitsukoshi etwa begann ihre Geschäfte im 17. Jahrhundert. Es geht darum, sich dem Wandel anzupassen, nicht darum, der Stärkste zu sein.
Wie kann eine Organisation sich wandeln und gleichzeitig ihre Identität bewahren? Wie wird Mazda in 50 Jahren aussehen?
Jeffrey H. Guyton: Die Werte werden die gleichen sein. Der Challenger Spirit, der aus der Erfahrung von Hiroshima erwachsen ist, wird weiter wirken. Wir sind kleiner als andere, in Deutschland haben wir einen Marktanteil von nicht einmal zwei Prozent. Aber wenn Sie sich genauer ansehen, in welchen Segmenten wir auftreten, sind es in der Passat-Klasse fünf Prozent. Bei kompakten SUV wie dem Tiguan sind es ebenfalls fünf Prozent. In wichtigen Marktbereichen halten wir also ganz gut mit.
Unser Gesamtanteil ist klein, weil wir keine kleinen und keine billigen Wagen anbieten. Wir mögen winzig sein, verglichen mit diesen Riesenkonzernen. Aber wir haben den Challenger Spirit, wir haben diese Geisteshaltung. Solche Werte werden Bestand haben. Ob die Produkte dann noch so aussehen wie heute, ist eine andere Sache.
Winfried Kretschmann sagte nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg vor vier Jahren, weniger Autos seien allemal besser als mehr Autos. Was halten Sie davon?
Jeffrey H. Guyton: Weltweit produzieren wir 60 bis 80 Millionen Autos pro Jahr. Sie können natürlich fragen, ob das wirklich notwendig ist. Aber diese Anzahl an Fahrzeugen wird von unseren Kunden nachgefragt.
Ich fühle mich in meiner Freiheit jetzt schon massiv eingeschränkt durch die vielen Fahrzeuge, die mir im Weg stehen oder mich auf dem Fahrrad bedrängen.
Jeffrey H. Guyton: Wie viele Autos sich in den Städten konzentrieren, hat natürlich nur zum Teil mit den Produktionszahlen zu tun. Aber es ist zweifellos ein gesellschaftliches Problem.
Jeffrey Guyton. Bild: Mazda
Wie gehen Sie als Chef von Mazda Europa damit um? Zwingt Sie der Markt nicht, so viele Autos wie möglich zu verkaufen?
Jeffrey H. Guyton: Natürlich habe ich Umsatzziele und Verkaufszahlen, die ich erreichen muss. Und im Geschäftsleben gilt im allgemeinen: je mehr, desto besser. Aber wir bauen Autos nicht als Selbstzweck. Wir bauen Autos, die Kunden kaufen möchten. Es gibt Wartelisten für unsere Fahrzeuge und die Fabrikhallen sind voll. Aber sie sind es nicht, weil wir sie füllen müssten, sondern weil es eine Nachfrage nach den Produkten gibt.
Es gibt Plätze auf der Welt, auf denen Zehntausende neuer Autos geparkt sind und auf Käufer warten. Es wird Eisenerz, Erdöl, Plastik und viel Energie verbraucht, um diese Fahrzeuge herzustellen. Auf diesen Plätzen werden Sie keine Mazdas finden.
Das muss ich Ihnen jetzt wohl einfach mal glauben.
Jeffrey H. Guyton: Wir verfolgen ein etwas anderes Geschäftsmodell. Wir produzieren nicht einfach Unmengen von Autos, um sie zu stapeln.
Können Sie mit der Unterscheidung von Arbeit und Arbeitsplätzen etwas anfangen, wie sie in den Vorträgen, etwa von Guy Standing, angesprochen wurde? Als Firmenchef werden Sie bestrebt sein, die Zahl der Arbeitsplätze möglichst zu erhalten, damit Ihre Mitarbeiter sich den Lebensunterhalt verdienen können. Wenn aber mehr und mehr Arbeiten durch Maschinen und Roboter ausgeführt werden können, sind Arbeitsplätze für den Lebensunterhalt vielleicht bald nicht mehr erforderlich.
Jeffrey H. Guyton: Als diese Frage diskutiert wurde, habe ich daran gedacht, dass wir vermehrt dazu übergehen, Netzwerke von Personen zu bilden, statt Projekte bestimmten Abteilungen zu übertragen. Es war davon die Rede, dass man die wirklichen Fähigkeiten und Potenziale der Menschen erkennen müsse, statt sich nur an ihren Berufsbezeichnungen zu orientieren. Diesem Weg versuchen wir bereits zu folgen.
Jemand mag als Buchhalter eingestellt worden sein, hat aber ein besonderes Talent, das an ganz anderer Stelle bei einem Projekt von großem Nutzen sein kann. Dann werde ich ihn bitten, einen Teil seiner Zeit diesem Projekt zu widmen, statt Tag für Tag nur Buchhaltung zu betreiben. Auf diese Weise schaffen wir, wie ich hoffe, sowohl Werte für die Menschen als auch fürs Geschäft.
Wie würde ein bedingungsloses Grundeinkommen Ihr Geschäft beeinflussen?
Jeffrey H. Guyton: Das ist sicherlich faszinierend. Ich kann das nur persönlich kommentieren, nicht als Mazda-Chef. Die Resultate der Experimente, die bisher dazu unternommen wurden, sind zweifellos ermutigend. Man müsste nun sehen, wie sich die Idee in einem größeren Rahmen bewährt. Wir haben nichts über Experimente erfahren, bei denen das Konzept möglicherweise gescheitert oder auf Probleme gestoßen ist. Möglicherweise gab es so etwas nicht, aber wir wissen es nicht.
Jody Williams hat heute von der Kampagne gegen Killerroboter gesprochen. Das ist ein Thema, bei dem die ethischen Dimensionen der Robotik geradezu ins Auge springen, schließlich geht es um Leben und Tod. Mir scheint aber, dass dieser militärische Aspekt mehr und mehr als Teil einer größeren Entwicklung wahrgenommen wird, in deren Verlauf intelligente Roboter auch die zivile Gesellschaft massiv umkrempeln werden. Als Autohersteller haben Sie in der Produktion und mittlerweile auch bei den Fahrzeugen selbst viel mit dieser Technologie zu tun. Wie gehen Sie mit dieser gesellschaftlichen Sprengkraft um?
Jeffrey H. Guyton: Ein Punkt scheint mir bei der Diskussion nicht ausreichend bedacht worden zu sein. Ich weiß nicht, wie sich die Bevölkerungszahlen in Deutschland aktuell entwickeln, aber in Japan gehen sie rasch zurück. Es ist schwierig, junge Leute zu finden, die in einer Autofabrik arbeiten möchten. Es ist harte, körperliche Arbeit, bei der viel gelaufen wird und schwere Gegenstände gehoben werden müssen. In einer solchen Situation sind Roboter eine wertvolle gesellschaftliche Stütze, keine Bedrohung. In Japan gibt es zudem die Erwartung, dass sie mehr und mehr die Betreuung von alten Menschen übernehmen werden. Ich sehe daher auch eine positive Seite bei der ganzen Geschichte.
Im Zusammenhang mit Militärrobotern wird zumeist über ihre Rolle bei der Optimierung der Kriegführung gesprochen. Die Möglichkeiten der Robotik zur Optimierung des Friedens sind dagegen eher selten ein Thema. Aber je nachdem wie die Produktivitätsgewinne der Automatisierung verteilt werden, können sie die Polarisierung der Gesellschaft massiv zuspitzen und damit das Gewaltpotenzial erhöhen oder zum sozialen Ausgleich beitragen.
Jeffrey H. Guyton: Eine der wichtigsten Anregungen, die ich von Jody Williams mitgenommen habe, war die Bedeutung der Haltung. Wenn dich etwas beschäftigt, dich aufwühlt, musst du etwas tun. Einige wenige Menschen, die mit einer Vision und mit Leidenschaft etwas beginnen, können viel verändern. Auch für die großen Fragen, mit denen wir konfrontiert sind, gibt es Lösungen, wenn Menschen sich dafür einsetzen.
Sie haben Ihren Teil beigetragen, indem Sie diesen Raum für Begegnungen und Gespräche geschaffen haben. Vielen Dank dafür und für dieses Gespräch. (Hans-Arthur Marsiske)
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