Es geht gegen Papst Franziskus

Amtsübergabe: Der emeritierte Erzbischof von Köln Joachim Kardinal Meisner überreicht den Petrusstab an seinen Nachfolger Rainer Kardinal Woelki. Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Wie bayerische Bischöfe und ein Amtsbruder in Sachsen unter der Leitung des Kardinals von Köln einen Spaltkeil in die Kirche treiben - Ein katholischer Blick auf jüngste Entwicklungen

Im Februar dieses Jahres hatte die Deutsche Bischofskonferenz mit Zweidrittelmehrheit den Entwurf einer Pastoralen Handreichung beschlossen, die einen kleinen Schritt auf dem Weg zu mehr ökumenischer Gemeinschaft unter Christen befördert: Konfessionsverbindende Ehepaare sollen unter bestimmten Voraussetzungen gemeinsam die Kommunion empfangen können.

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Dies geschieht schon seit Langem in zahllosen Gemeinden - nicht nur in Deutschland. Bei einer Befragung aller Getauften würde eine Mehrheitsentscheidung für das bescheidene Zeichen wohl noch viel deutlicher ausfallen als in der Bischofskonferenz.

Außenstehende können allerdings kaum nachvollziehen, dass um solche Ausnahmeregelungen immer noch so viel Aufhebens gemacht wird. Die römisch-katholische Weltkirche versteht sich als Dienerin an der Einheit der Menschheit, wobei Bischof Franziskus von Rom mit Blick auf die drängenden Zivilisationsfragen die Gemeinschaft in Verschiedenheit dick unterstreicht.

Wie aber sollte dieser Kirche eine solche Fähigkeit des Gemeinschaftsdienstes an der gesamten menschlichen Zivilisation zugetraut werden, wenn in ihren Räumen selbst so nahe Verwandte wie etwa lutherische Mitchristen beim "Sakrament der Liebe" exkommuniziert werden?

Die Bischöfe Rainer Maria Kardinal Woelki (Köln), Ludwig Schick (Bamberg), Konrad Zdarsa (Augsburg), Gregor Maria Hanke (Eichstätt), Wolfgang Ipolt (Görlitz), Rudolf Voderholzer (Regensburg) und Stefan Oster (Passau) tragen den DBK-Beschluss nicht mit.

Sie haben in der letzten Woche einen Brief nach Rom geschickt. Der Glaubenspräfekt und der "Ökumene-Minister" sollen dort prüfen, ob der von ihren Mitbrüdern hierzulande vereinbarte Weg noch richtig "katholisch" ist.

Nachträglich bekam auch DBK-Vorsitzender Reinhard Marx das Protestschreiben nach München übersandt. Der Kirchenrechtler Prof. Thomas Schüller hat dazu eine scharfe Bewertung abgegeben:

Dieses Vorgehen ist stillos und in der Geschichte der Bischofskonferenz einzigartig.

Thomas Schüller

Aus immer mehr Bistümern kommen Wortmeldungen, die ein ähnlich großes Befremden zum Ausdruck bringen. In Kommentaren wird ein Bruch in der Bischofskonferenz wie zu den streitbarsten Zeiten von Kardinal Joachim Meisner (1933-2017) konstatiert. Kardinal Rainer Woelki will aber im Nachhinein ganz erstaunt sein über die ganze Aufregung, die sein Schreiben ausgelöst hat.

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Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick teilt sogar mit, seine Unterschrift bedeute keine Verweigerung gegenüber dem Anliegen der neuen Handreichung zur Kommunionfeier. (Das ist eine wirklich neue Note!)

Oberflächlich sieht es so aus, als stelle sich eine Minderheit unter "Leitung" des Kölner Kardinals gegen eine imponierende Mehrheit unter Einschluss des Kardinals von München, welcher der Bischofskonferenz als Vorsitzender dient. Wer einmal ein Konveniat von Klerikern miterlebt hat, kann sich gut vorstellen, dass es auch um persönliche Befindlichkeiten, Animositäten und Machtspielchen geht.

Zudem sind ja auch Bischöfe - wie wir alle - nicht vor der Versuchung gefeit, sich angesichts großer Brandherde auf dem Globus vor allem dem "Kleinen und Kleinlichen" zuzuwenden.

Der Sache nach handelt es sich jedoch um eine Attacke gegen den Bischof von Rom, was eigentlich keinem Unterzeichner des Brandbriefes entgangen sein kann. Denn bei seinem Besuch in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms am 15. November 2015 hat Franziskus deutlich zu erkennen gegeben, dass er das Anliegen der großen Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz teilt.

Seine damalige Antwort an die evangelische Christin Anke de Bernardinis, die mit ihrem römisch-katholischen Ehemann gemeinsam zur Kommunion gehen wollte, ist für jeden auf der Internetseite des Vatikans nachlesbar. Mit großem Nachdruck verweist Franziskus auf das Band der einen Taufe.

Einem Focus-Bericht zufolge sieht auch Ulrich Ruh, ehemals Chefredakteur der renommierten Herder-Korrespondenz, die DBK-Mehrheit in völligem Einklang mit dem Papst. (Die kirchenrechtlichen Aspekte beleuchtet jetzt u.a. ein Beitrag von Heribert Hallermann.)

Im 19. Jahrhundert ist im Vatikan der Zentralismus zementiert worden und hat der Weltkirche dann - statt mehr Gemeinschaft - viel Unfrieden, Niedergedrücktheit und Handlungsunfähigkeit in Krisenzeiten der Menschheit eingebracht. Franziskus ermutigt hingegen die Ortskirchen heute, insbesondere pastorale Fragen vor Ort zu entscheiden. Dem ist die Bischofskonferenz hierzulande im Februar gefolgt.

Der "Protest der Sieben" ist formal gesehen zugleich ein Votum gegen den Kurs der Dezentralisierung in der Weltkirche, in welchem nicht zuletzt die neuzeitliche Degradierung der Ortsbischöfe zu bloßen Befehlsempfängern wieder rückgängig gemacht wird.

Aus einem in dieser Woche veröffentlichten neuen Lehrschreiben des Papstes stellt ein FR-Bericht besonders die Warnung "vor der Überheblichkeit der selbsternannten Retter der reinen Lehre" heraus. Franziskus stiftete bereits im Juni 2013 zur Freiheit in der Kirche an, als er Ordensleuten signalisierte, sie sollten sich auch durch etwaige Schreiben der obersten Glaubenskongregation nicht in Angst versetzen lassen.

Er zeigt höchsten Respekt vor Gewissensentscheidungen der Getauften. Er will nicht alle Bereiche und Lebenslagen durch Paragraphen bzw. Dogmen in Schwarz-Weiß-Manier reglementieren, so dass für ein Wehen des Heiligen Geistes gar kein Raum mehr bleibt.

Die Strategie der rechten Flügel und der Vertreter einer "Priesterselbstanbetungs-Theologie" besteht nun darin, all diese Signale des Bischofs von Rom einfach zu ignorieren. Man neidet Franziskus den jetzt von Wim Wenders auf die Leinwand gebrachten Rückhalt durch Menschen auf der ganzen Welt und schreibt ihm scheinbar arglose Briefe, mit denen man ihn dazu zwingen will, sich doch in Schwarz-Weiß-Manier festzulegen.

Würde er sich dann zur Freiheit bekennen, wäre er in den Augen seiner Gegner endlich als Häretiker und Zerstörer der Kirche entlarvt. Würde er aber jeweils im Sinne der selbsternannten Inquisitoren antworten, wäre er selbst dazu verurteilt, dass sich in der Zeit seines Petrus-Dienstes nichts in der Kirche bewegt. Auch wenn hinter dem Brief der Bischofskonferenz-Minderheit zumindest teilweise andere Intentionen stehen, so arbeitet er doch den Fallenstellern zu, die Franziskus ein Bein stellen wollen.

Der Theologe Prof. Thomas Söding, Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz, sieht gleichwohl gute Aussichten dafür, dass sich in der aktuellen Streitsache alles ohne Komplikationen und Dramen aufklärt. Seine Prognose: Rom lässt sich Zeit mit einer Antwort.

Die neue Handreichung der Bischofskonferenz tritt derweil schon in Kraft. Außerdem erhält Franziskus Gelegenheit, seinen ohnehin schon bekannten Standort noch einmal vorzutragen. Falls einige der sieben "Prostest-Bischöfe" in ihren Bistümern dann aber eine gegenteilige Anordnung erlassen, sollten sie damit rechnen, dass es in der Kirche noch so etwas wie einen "frommen Ungehorsam" von unten gibt.

Die auffällig starke Beteiligung bayerischer Bischöfe am Einspruch gegen die neue, ökumenisch ausgerichtete Pastoral nährt mannigfache Spekulationen, zumal der weltkirchlich engagierte Bamberger Hirte nicht unbedingt zu den Erzkonservativen gezählt wird.

Weitaus höhere Wellen schlagen allerdings die aktuellen Geschehnisse im Erzbistum Köln. Kardinal Rainer Woelki hat sich schon im letzten Jahr in der Herder-Korrespondenz als Skeptiker (bzw. Bremser) in Sachen Ökumene offenbart und verbietet in seinem Bistum die Beteiligung am ökumenischen Modell für den schulischen Religionsunterricht, das andere nordrhein-westfälische Bischöfe mittragen.

Der Ortsbischof von Köln ist also keineswegs rein zufällig die erste Absender-Adresse beim Brandbrief gegen die "Kommuniongemeinschaft" von christlichen Ehepaaren. Zeigt er seit dem letzten Herbst immer mehr so etwas wie ein "wahres Gesicht" als extrem rückwärtsgewandter Oberhirte?

R. Woelkis Promotion erfolgte 2000 an der römischen Universität des Opus Dei, was ohne eine gewisse Affinität zum umstrittenen "Werk" bzw. entsprechende Vernetzung wohl kaum möglich gewesen wäre. Ob man seine theologische Doktorarbeit, die sich durch ein für laufende Pastoralpläne relevantes Thema auszeichnet, wirklich nicht per Fernleihe zu Gesicht bekommen kann, erprobe ich seit zwei Wochen. (Am einfachsten wäre es, wenn der Erzbischof seine wissenschaftliche Untersuchung zur "Pfarrei" allen Gläubigen als PDF zugänglich macht, was ja ohne jeden Einsatz von Geldmitteln möglich ist. Auch Druckausgaben mit ISBN können heute ohne vorgängige Investitionen angeboten werden.)

Der noch unter Kardinal Meisner ernannte Kölner Weihbischof Dr. Dominik Schwaderlapp bekennt sich zum Opus Dei, auch wenn er diesem als Weltpriester nur indirekt angehören kann. Vor drei Wochen hat Erzbischof Dr. Rainer Woelki den zuvor von ihm eigentlich in den Hintergrund gerückten Opus-Dei-Mann Dr. Markus Hofmann zu seinem Generalvikar erwählt, so dass das "Werk" jetzt auch die Verwaltungsspitze des Bistums Köln stellt.

Im Opus Dei stellen sich Theologen wie Martin Rhonheimer oder der peruanische Kardinal Juan Luis Cipriani gegen die befreiungstheologisch inspirierte Kapitalismuskritik von Papst Franziskus, stellen dabei mitunter sogar Grundsäulen der katholischen Soziallehre in Frage.

Wie weit reicht die Identifikation von Kardinal Rainer Woelki mit dem in Francos Spanien mächtig gewordenen und von Aussteigern z.T. als totalitär kritisierten Opus? Verspricht er sich angesichts der überwältigenden Herausforderungen in seinem riesigen, milliardenschweren Bistum etwas von durchgreifenden Leuten mit fundamentalistischen Ambitionen? Oder üben fundamentalistische Netzwerke im Bistum gar Druck aus? Die jüngsten Entwicklungen geben Anlass zu vielen Spekulationen.

Ein hauptamtlicher Kirchenmitarbeiter hat mir vor zwei Wochen folgende Einschätzung zur Lage der Kirche mitgeteilt: "Der Kölner Winter ist zurück!" Da es trotz des Kirchenauszugs vieler reformwilliger Christen noch immer genügend bekümmerte Katholikinnen und Katholiken gibt, ist für Öffentlichkeit gesorgt.

Kardinal R. Woelki bezahlt einen hohen Preis für seinen neuen Bistumskurs und den vor allem mit seinem Namen verbundenen Brandbrief gegen die Teilnahme evangelischer Ehepartner an der Eucharistiefeier. Die Sympathie offener Katholiken und vieler Außenstehender schmilzt dahin - eine Sympathie, die ihm wegen seines Einsatzes für das Menschenrecht aller Flüchtlinge und der zunächst vom Opus Dei am Ort keineswegs begrüßten Hilfe für Migranten zukam.

Jetzt traut ihm wohl keiner mehr zu, in der Kirche zwischen unterschiedlichen Flügeln zu vermitteln. Ein bis zum 16. April abrufbarer aktueller WDR-Beitrag fällt denkbar deutlich aus.

Noch größere Auswirkungen als die Verbindungen mit dem elitären, als extrem finanzstark geltenden Opus Dei könnte vielleicht der Einfluss der ebenfalls aus Spanien kommenden Bewegung "Neokatechumenaler Weg" zeitigen. Das "Neokatechumenat" unterhält im Bistum Köln eine eigene Priesterausbildungsstätte und wurde von Kardinal J. Meisner pro Einzelfamilie so wertgeschätzt wie auf der Gegenseite drei muslimische Familien und ist mit Weihbischof Ansgar Puff, der schon als junger Diakon in Köln-Nippes fest zu seinem Klerus-Team gehörte, im Kreis der Bistumsleitung vertreten.

2013 habe ich in einer zuvor von Ansgar Puff gegründeten und geleiteten Düsseldorfer "Neokatechumenat-Gemeinde" die Osternacht besucht. Familienväter dankten Gott vor der ganzen Gemeinde in langen Bekenntnissen dafür, dass ihre Familien so ganz anders als andere Familien seien. Zu einer der biblischen Lesungen erklang zur Gitarre ein Lied mit dem Text: "Fessele mich Vater, fessele mich, / damit ich mich nicht wehren kann."

In Köln wird Weihbischof A. Puff derzeit wegen einer als "verdeckt" empfundenen Werbeaktion kritisiert. Man sollte sich einmal anhören, was er in einer seiner Plauderstunden für das Dom-Radio über Segen für homosexuell Liebende zu sagen hat.

Unter einem "achtsamen" Umgang mit homosexuellen Frauen und Männern versteht er seine Aufklärung über die Unheiligkeit "gelebter" (bzw. "ausgelebter") Homo-Sexualität. Zu solchen gruseligen bzw. tragikomischen Katechesen werden viele Eltern ihre Töchter und Söhne wohl nicht so gerne schicken wollen.

Ansgar Puff hält beharrlich am fundamentalistischen Dogma fest, dass alle Homosexuellen mit oder ohne Partnerschaft ihr Leben enthaltsam - ohne Sexualität - zu vollbringen haben. Aufgrund dieser Opferlehre haben sich im Laufe der Geschichte schon viele Leute, darunter auch Priester, selbst das Leben genommen.

Kardinal Joachim Meisner, der sich Ansgar Puff 2013 als Weihbischof gewünscht hat, wollte ausdrücklich auch keine Homosexuelle im ganzen Priesterstand sehen. Das waren indessen schon vor Jahrzehnten reine Hirngespinste. Denn gleich zwei (!) von J. Meisners Priesteramtskandidaten aus seiner "Berliner Zeit" sind mir ohne zu fragen an die Wäsche gegangen, als ich Theologiestudent war und noch keine Aufklärung über homosexuelle Praxis erfahren hatte.

Es wird viel geheuchelt, es wird viel gelogen. Das machen die Menschen, die eine wahrhaftige Kirche suchen, aber nicht mehr mit.

Schnell ist vergessen, wieviel Angst und Druck in den letzten beiden Pontifikaten geherrscht haben. Wenn aber Franziskus heute ein Minimum an Loyalität einfordert, gilt das schon als päpstliche Kirchendiktatur. Vielleicht sollte man die Zunahme aggressiver Attacken aus den erzkonservativen und rechten Flügeln als Zeichen dafür nehmen, dass sich jetzt endlich etwas bewegt?

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller präsentiert sich seit letztem Jahr in Interviews mit großer Tragik, versteht aber überhaupt nicht, warum sein so selbstgewisser Weg mit dem neuen "Franziskus-Weg" nicht zusammenpasst.

Erschreckend ist auch, wie der vom Papstamt zurückgetretene und trotzdem immer noch wie ein Papst gewandete Joseph Ratzinger einem so angesehenen Theologen wie Peter Hünermann förmlich den kirchlichen Sinn abspricht.

Der aus dem Sauerland stammende emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes bekommt in manchen Bewegungen viel Beifall, wenn er Reflektion besonders sparsam einsetzt und stattdessen umso deftiger wird. Mitbrüder, die etwas Gutes über homosexuelle Paare zu sagen wissen oder Lutherischen die Eucharistie reichen, würde er wohl am liebsten exkommunizieren. Sie sind Frevler, missachten in seinen Augen "die eindeutige Offenbarung Gottes" und degradieren durch Irrlehren das Sakrament zum "bloßen Mittel".

Dankbar ist der Verfasser dieses Beitrages allen Gemeindeseelsorgern und Bischöfen, die den Weg eines offenen Katholizismus gehen und von der Freiheit der Kinder Gottes nicht lassen wollen. Indessen ist ein uneingeschränkter Beifall oft nicht angebracht. Die als "liberal" geltenden Kirchenleitungen überlassen zentrale Anliegen des Franziskus-Pontifikates nicht selten einigen erzkonservativen Mitbrüdern (Widerstand gegen ein todbringendes Wirtschaftssystem, Kritik der Kriegsmaschine und Rüstungsprofite, Solidarität mit allen Elenden und Flüchtlingen, radikales Engagement für den Lebensraum Erde in Verantwortung gegenüber künftigen Generationen).

Würden die bürgerlich bzw. "liberal" geprägten Bischöfe hierzulande den Aufbruch hin zu einer Kirche der Armen glaubwürdig befördern, blieben uns Possenspiele wie derzeit unter Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz mit einiger Sicherheit erspart. (Peter Bürger)

Der Verfasser ist Theologe und Publizist; er gehört der römisch-katholischen Kirche an

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