Es geht schlecht aus, für fast alle hier

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"The Counselor": Ridley Scott kümmert sich um verdorbene Männer und schöne Frauen und Cormac McCarthy hilft, damit es keine Erlösung gibt

Mit anspruchsvollem Genrekino wie "Alien" oder "Blade Runner" wurde Ridley Scott bekannt, mit Werken wie "Thelma & Louise" und "Gladiator" feierte der in Großbritannien geborene, seit fast 40 Jahren in Hollywood lebende Regisseur seine größten Erfolge. Jetzt hat Ridley Scott einen neuen Film gedreht. "The Counselor" spielt unter Gangstern und Anwälten und kann mit großem Staraufgebot aufwarten.

"Are You Awake?"
Damit geht es los, und weil die Frau, die das sagt, auch früher mal, vor vielen Jahren in einem Film namens "Abre los Ojos" mitgespielt hat und zwar gemeinsam mit Cameron Diaz, die hier auch vorkommt, wie später auch in dessen US-Remake "Vanilla Sky", in zwei Filmen also, die ziemlich genauso losgehen, was zumindest Ridley Scott natürlich weiß, daher also ist man versucht, zu vermuten, dass alles, was folgt, nur ein böser Traum sei, der Alptraum eines Anwalts, der unter Gewissenbissen und Jetlag leidet. Mag sein.

Aber wie alle Träume verrät uns auch dieser etwas über uns selbst, über unsere Nähe zur Wildnis, unsere Gewissenbisse und unseren moralischen Jetlag, den wir zur Zeit gerade Burn-Out nennen, und natürlich darüber, dass die Welt, in der wir leben, bald untergeht - und sei es nur, weil diese Welt eben immer nur die ist, die wir erschaffen haben. Und offensichtlich wollen viele gerade den Bauplan ändern.

Die Musik weiß eigentlich von Anfang an, dass bald etwas Schlimmes passieren wird. Dunkel dräuen die Bässe unter der schon in sich doppelbödigen Heiterkeit der Mariachi-Musik. Man sieht ein Paar im Bett, man sieht vor allem Penelope Cruz und Michael Fassbender, die Schönheit von Gestern und den Schönling von Morgen.

Oder ist auch Fassbender schon von Gestern. Fast hat man ein wenig den Eindruck, als setze ihn Ridley Scott hier bewußt so ein: Ein aalglattes Stück Oberfläche, belanglos, inhaltsleer, eine Hülle von Mensch ohne echte Menschlichkeit.

Einmal böse, immer verdammt

Scott zeigt ihn passenderweise in seinem weißgetünchten, leeren Appartement, das auch sonst so aussieht wie ein Apple-Shop: viel teures Design, Kaffee, Orangensaft, Rühreier und natürlich Apple-Produkte. Zuvor schon hatte er zugestanden, dass er einmal "sehr verdorbene Frauen kannte". Damit wissen wir: Er war böse. Einmal böse, immer verdammt. In der Welt von Cormac McCarthy gibt es keine Erlösung.

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Die Voraussetzungen sind schon in sich komplex: ein Anwalt, die Drogenmafia, Schulden und schmutzige Geschäfte, verwirrende Machenschaften und schöne Frauen, die alles andere sind als nur das Beiwerk einer Männerwelt - dies sind die Zutaten für einen in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Thriller des "Alien"- und "Gladiator"-Regisseurs.

Ungewöhnlich an diesem Film ist seine Stardichte. Es sind nicht allein die Hauptdarsteller Michael Fassbender, Brad Pitt, Cameron Diaz, Penelope Cruz und Javier Bardem, mit denen dieser Film überaus hochkarätig besetzt ist. Darüber hinaus sieht man auch bekannte Gesichter bis in kleine Nebenrollen. Etwa Bruno Ganz, der in einem nur knapp fünfminütigen Auftritt einen Amsterdamer Diamantenhändler spielt.

Einer der dunkelsten Autoren der Gegenwartsliteratur

Ungewöhnlich sind aber auch die Machtart und die düstere Atmosphäre des Films sowie die Dialoge, die oft einen geradezu philosophischen Tiefsinn haben. Diese Qualität ist einer weiteren ungewöhnlichen und in diesem Fall entscheidenden Tatsache geschuldet, die mehr als alles andere "The Counselor" über den seichten Durchschnitt üblicher Hollywood-Unterhaltung unserer Tage hinaushebt: Denn dieser Film ist das Drehbuch-Debüt des weltberühmten amerikanischen Schriftstellers Cormac McCarthy.

Zwar hatte der schon öfters für gute Filme die Romanvorlage geliefert, für "All the pretty horses", "No country for old men" und schließlich "The Road". Doch noch nie hatte er ein Orginaldrehbuch verfasst - für einen fast 80-jährigen ist dies eine erstaunliche Premiere.

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Das Ergebnis ist überaus spannend. Schon mit seinem ersten Roman "Blood Meredian", deutsch "Die Abendröte des Westens", etablierte sich McCarthy als der Apokalyptiker des zeitgenössischen amerikanischen Romans - einer der dunkelsten Autoren der Gegenwartsliteratur. Immer aufs Neue entlarvt und zerlegt McCarrthy in seinen Büchern in scharfer und zugleich gnadenloser Weise den Mythos des Westens und Amerikas.

Seine Sprache ist mal lakonisch, um die emotionale Kargheit der von ihm heraufbeschworenen Welt zu untermalen, mal literarisch verdichtet, um die Ausweglosigkeit der Lage seiner Figuren hervorzuheben - aber sie ist immer sarkastisch und nihilistisch.

Das gilt nun auch wieder für "The Counselor". McCarthy hat die ungewöhnliche Kraft, einen in einer düsteren Welt in Bann zu halten, und zugleich immer einen - wenn auch sehr kleinen - Schimmer Hoffnung aufkommen zu lassen.

"Warum kam Jesus nicht aus Mexico?"

Angesiedelt ist alles im Border-Country, jenem südwestamerikanischen Grenzland am Nordrand von Mexiko, in dem außer fast allen Romanen dieses Autors auch viele neuere Kinofilme, vor allem die Spätwestern von Sam Peckinpah und Don Siegel, aber auch bereits Orson Welles "A touch of evil" ("Im Zeichen des Bösen") spielen.

Mexiko und die Mexikaner, egal ob legal oder illegal, eingewandert oder als Drogenmafia fungieren in diesen Stoffen als das Andere der USA, als die Farce eines längst verblassten amerikanischen Traums. Wie schattengleich ist Mexiko präsent in den Hoffnungsträumen wie in den Ängsten der Amerikaner. In "The Counselor" sind all diese nordamerikanischen Menschen vom Schicksal verflucht - glücklich sind nur die Mexikaner.

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Brad Pitt, der hier offenkundig einen Kirchenmann spielt - "Ich kann alles in einer Sekunde zurücklassen. Ich kann auch ins Kloster gehen" -, fragt einmal: "Warum kam Jesus nicht aus Mexico?" Und gibt selbst die Antwort: "Er konnte keine drei Weisen finden und nicht eine Jungfrau."

Das kam in Amerika nicht bei allen gut an: Mindestens hysterisch wirkt die dortige Aufregung über den Film. "Der schlechteste Film der je gemacht wurde", dröhnte der sonst so besonnene Andrew O'Hehir vom Online-Magazin Salon.com, ohne Frage eine der wichtigsten Stimmen unter den anspruchsvollen US-Kritikern. In der New York Times wiederum wurde gejubelt.

So ist das eben bei Apokalyptikern

Die Debatte kreist um Dinge, die einem Europäer fremd vorkommen: Dass keine positive Figur im Film vorkomme, keiner, mit dem man sich identifizieren könne. Und dass er ein so negatives Weltbild zeichne - so ist das eben bei Apokalyptikern. Manche wollen McCarthy gar nicht ernst nehmen.

Die Deutschen Filmkritiker beten die US-Kritik nun nach. Jedenfalls die schlechteren, oberflächlicheren unter ihnen. Sie werfen dem Film "Konstruiertheit, seine Kälte, sein Peepshowtum" vor, was sie noch nie gestört hat, wenn der Regisseur Michael Haneke, Lars von Trier oder Apichatpong Weerasethakul heißt.

Und wenn es dann poetisch oder philosophisch wird und heißt "Wahrheit hat keine Temperatur" oder "Vor der Trauer verblasst der Wert", dann überlegt der deutsche Kritiker nicht, was das meinen könnte, sondern fordert "unser Amüsement" und beschwert sich über das "Bedeutungsschwangere" der Dialoge, darüber dassScott "nur Hochglanzbilder liefere "wie in einem zweistündigen Werbespot für kriminellen Lifestyle".

Stimmt ja alles. Aber seit wann soll das schlimm sein? Und war Fassbinder wirklich weniger bedeutungsschwanger?

Wer so etwas hasst, sollte einen Bogen machen

Was McCarthy immer interessiert, ist wichtig: der Tod. Wie stirbt einer? Dieses Interesse am Tod verbindet den Film mit dem Film Noir. Und so ist dies ein sehr konsequenter "Film Noir", hoffnungslos und bitter und zynisch.

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"The Counselor" ist großes Kino. Ein actionreicher, dabei tiefsinniger psychologischer Thriller um Schuld und Sühne und darüber, dass keiner seinem Schicksal entgeht. Er handelt davon, dass Taten Konsequenzen haben und jeder die Welt in der er sich befindet selber schafft: "You are the world, you created".

Darum gilt auch: Es geht schlecht aus für fast alle hier, selbst für die, die am Leben bleiben. Erstaunlich stark wirken in diesem Film die Frauen - und das ist zumindest bei McCarthy erstaunlich. Weniger bei Ridley Scott, der in "Alien" und "Thelma & Louise" immer wieder von Überlebenskünstlerinnen erzählt. Hier wird so eine Femme Fatale von Cameron Diaz gespielt. Mit Sätzen wie "You should be careful what you wish for Angel - because we all have secrets" ist sie das kalte, schwarze Herz dieses Films.

Oder so etwas, bei der Erinnerung an ihre zwei zahmen Geparden: "The hunter has grace and beauty. There is no distinction between what he is and what he does." Womit sie klarerweise nicht nur die Tiere meint. Wer so etwas hasst, der sollte um diesen Film besser einen Bogen machen. Selber schuld! (Rüdiger Suchsland)