"Es geht um die Anpassung des Individuums an die vorherrschende Normalität"

Der Psychologieprofessor und Bestsellerautor Paul Verhaeghe erklärt, wie Psychologie und Psychiatrie auf soziale Anpassung ausgelegt sind

Paul Verhaeghe ist Professor für Psychodiagnostik an der Universität Gent in Belgien. Außerdem ist er seit Jahrzehnten als klinischer Psychologe tätig, der aus einem psychoanalytischen Ansatz heraus arbeitet. In jüngerer Zeit wird er immer mehr wegen seiner gesellschaftskritischen Haltung in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Inzwischen schrieb er mehrere Bestseller, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen zum Beispiel "Liebe in Zeiten der Einsamkeit" (2009, Neuauflage 2017), "Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft" (2013) sowie "Autorität und Verantwortung" (2016).

Professor Verhaeghe, fangen wir einmal ganz allgemein an: Worum geht es eigentlich im Bereich der psychischen Gesundheit?
Paul Verhaeghe: Wenn Sie es historisch betrachten, dann gab es erst andere Schwerpunkte als heute. Ursprünglich ging es in der institutionalisierten Psychiatrie - neben Religion und Gesetzgebung - um den Schutz der gesellschaftlichen Ordnung.
Später ist daraus ein zweites Ziel entstanden: der Schutz des Individuums vor sich selbst. Wie man das macht, ist aber keine so einfache Frage. Heutzutage geht es vor allem um die Anpassung eines Individuums an die vorherrschende Normalität, damit der oder die Betroffene sich besser in die Gruppe einordnen kann. Das ist das offizielle Ziel.
Sie sprechen auch in Ihren Büchern häufiger von "durch die Gesellschaft auferlegten Normen." Woher kommen diese genau? Lässt sich das etwas präziser sagen?
Paul Verhaeghe: Es geht um Konventionen, die sich in der Gesellschaft entwickelt haben, beispielsweise aus der Religion oder der Gesetzgebung heraus. Das ist auch kein Zufall, wenn man sich beispielsweise die Herkunft des Worts "Moral" anschaut: Lateinisch mores bezeichnete Sitte und Bräuche, ethos im Griechischen dasselbe. Das war die einfache Antwort.
Die schwierigere Antwort, die lange Zeit ein Tabu war und erst in jüngerer Zeit wieder untersucht werden darf, ist der biologische Einfluss auf unsere Moral. Denken Sie beispielsweise an die Forschung des Primatologen Frans de Waal, der gezeigt hat, dass unser Umgang miteinander - etwa im Bereich der Empathie - auch biologisch angelegt ist. Besonders hervorstechend ist sein Befund, dass sozial veranlagte Säugetiere bei ungleicher Behandlung spontan eine negative Reaktion zeigen. Ebenso unterhaltsam wie grundlegend ist etwa die Beobachtung, dass sich ein Kapuzineräffchen nicht länger mit Gurken abspeisen lässt, wenn ein anderes Tier für dieselbe Aufgabe zur Belohnung eine Weintraube erhält.
Sie haben bisher zwei Schwerpunkte der psychischen Gesundheit angesprochen. Gibt es noch mehr?
Paul Verhaeghe: Ja. Wenn man sich anschaut, mit welchen diagnostischen Verfahren Psychologen in der Praxis arbeiten, dann kommt noch ein drittes Ziel dazu, das ich wichtiger finde: Wie können wir dem Individuum mit den Problemen helfen, die es erfährt. Das ist nicht immer dasselbe wie das, was aus der äußeren, gesellschaftlichen Sicht festgestellt wird.
Schließlich lässt sich aus psychoanalytischer Sicht, also so, wie ich selbst arbeite, noch ein viertes Ziel identifizieren: Dass nämlich jeder Mensch im Inneren ein "verteiltes Wesen" ist…
Was heißt das genau?
Paul Verhaeghe: Dass man im Widerstreit mit sich selbst ist. Bei Freud ging es um die Unterscheidung zwischen bewusst und unbewusst. Lacan sprach vom "verteilten Subjekt" (franz. le sujet divisé). Im allgemeinen Sprachgebrauch kennen wir das daher, dass man über sich selbst überrascht sein, sich über sich selbst wundern kann. Man kann sich selbst begegnen oder über sich selbst ärgern. Oft geht es auch um den Widerstreit zwischen dem Triebhaften und dem Rationalen. Bei vielen von uns führt das früher oder später zu Problemen.
Es geht also vor allem um Konflikte?
Paul Verhaeghe: Ja. Und dann geht es darum, jemandem zu helfen, mit seiner inneren Verteiltheit umzugehen. Ein sehr klassisches Verständnis ist übrigens die Unterscheidung zwischen Körper und Geist und den Konflikt zwischen beiden - wie geht man damit um? Das ist insbesondere bei jungen Menschen ein Problem, mit dem sie zum Psychologen kommen, auch wenn sie das nicht immer so ausdrücken können.
Eine wichtige Diskussion über psychische Gesundheit ist zurzeit, wie der Anstieg der Diagnosen in den letzten zwanzig, dreißig Jahren zu erklären ist. Umstritten ist unter Fachleuten, ob Menschen nun wirklich mehr Probleme haben, ob es wirklich mehr psychische Störungen gibt als früher. Wie denken Sie darüber?
Paul Verhaeghe: Hier gibt es wieder eine einfache und eine komplexere Antwort. Die Einfache ist, dass auch die Anzahl der unterschiedenen psychischen Störungen zunimmt und deren Kriterien im Laufe der Zeit immer mehr aufgeweicht werden. Stellen Sie sich ein Fangnetz vor: Wenn Sie mit einem größeren Netz fischen, dann fangen Sie wahrscheinlich auch mehr Fische.
Man kann sich natürlich fragen, inwiefern es hierbei um Scheindiagnosen geht. Ein gutes Beispiel hierfür ist "Intermittent Explosive Disorder" (auf Deutsch vielleicht Jähzorn, Anm. S. Schleim). Die amerikanische Psychiatrievereinigung hat diese "Störung" erst 2013 in ihr Diagnosehandbuch aufgenommen. Sind Phänomene wie verbale oder körperliche Aggression, mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten, wirklich hinreichend für eine psychiatrische Diagnose? Das ist meiner Meinung nach ein klares Beispiel für die normalisierende und disziplinierende Funktion der heutigen Psychiatrie: Verhalten oder Gefühle, die sich nicht gehören, werden zu einer psychischen Störung erklärt.
Davon abgesehen gehe ich aber davon aus, dass die Menschen heute tatsächlich mehr Probleme haben als früher - und es auch andere Probleme sind. Die Ursache hierfür ist eine Kombination von Traumata und Stress. Daraus entstehen sowohl körperliche als auch psychische Symptome. Freud sprach beispielsweise von der "Aktualneurose" und meinte damit, dass wenn bestimmte Erfahrungen nicht psychisch verarbeitet werden, sie sich auch körperlich ausdrücken können. Heute nennen wir das in der Wissenschaft "Medically Unexplained Symptoms", also medizinisch nicht erklärbare Symptome. Und die Gruppe der Menschen mit solchen Problemen steigt rasant an.
Lässt sich das auch empirisch stützen oder ist es eher eine Vermutung?
Paul Verhaeghe: Das lässt sich nicht mathematisch beweisen, in der Form "1+1=2". Wir stellen aber immer wieder fest, dass Betroffene, die wegen solcher medizinisch unerklärbarer Symptome Hilfe suchen, eine Vorgeschichte mit Traumata und sehr vielen Stressfaktoren haben. Dasselbe haben Sie bei Burn-out: Man kann zwar nicht ganz genau den Finger in die Wunde legen und sagen, das ist die Ursache. Es lassen sich aber starke statistische Zusammenhänge zu Arbeitssituationen und Stressfaktoren herstellen.
Wenn Sie jetzt aber behaupten, psychische Störungen würden wegen Traumata und Stress zunehmen, dann wirft das die Frage auf, ob Menschen heute traumatisierter und gestresster sind als früher.
Paul Verhaeghe: Hier müssen wir natürlich aufpassen, was wir mit "Trauma" meinen. Der amerikanische Arzt und Wissenschaftler Vincent Felitti machte hierzu seit den 1990er Jahren wegweisende Forschung, die leider viel zu wenig bekannt ist. In seiner ACE-Studie (für Adversive Childhood Experience, deutsch "schlimme Kindheitserfahrungen", Anm. S. Schleim) untersuchte er für längere Zeit die Gesundheit von über 17.000 jungen amerikanischen Arbeitnehmern mit Krankenversicherung.
Diese Daten sind von großer Bedeutung. Man muss aber um den kommerziellen Hintergrund dieser Forschung wissen: Felitti führte diese nämlich für einen großen amerikanischen Versicherungskonzern aus. Dieser wollte mehr Informationen darüber, welche Personen besser nicht versichert werden, um Kosten zu senken. Die wissenschaftliche Fragestellung lautete darum: Wer wird krank, wer nicht?
Zum Beginn der Studie wurden die Teilnehmer ausführlich untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass zwei Drittel eine traumatische Vorgeschichte hatten. "Trauma" bezog sich dabei auf körperlichen und sexuellen Missbrauch aber etwa auch die Frage, ob ein Elternteil in psychiatrischer Behandlung war. Und was fand der Forscher nun heraus? Diejenigen mit einer traumatischen Vorgeschichte hatten ein viel größeres Risiko für eine ganze Reihe körperlicher oder psychischer Erkrankungen.
Können Sie hierfür ein paar Beispiele nennen?
Paul Verhaeghe: Wer mindestens vier schlimme Kindheitserfahrungen hatte, dessen Risiko für Alkoholabhängigkeit war siebenmal so groß, das für eine Krebserkrankung verdoppelt. Bei mindestens sechs solcher Erfahrungen war das Risiko für einen Suizidversuch verdreißigfacht! Nähere Details können Sie auch auf Wikipedia nachlesen.
Das zeigt zweierlei: Erstens haben sehr viel mehr Menschen, als man denken würde, eine traumatische Vorgeschichte. Und zweitens gibt es einen sehr starken statistischen Zusammenhang. Dieser Befund wurde inzwischen übrigens mehrfach repliziert. Natürlich ist damit, streng genommen, noch kein Kausalzusammenhang bewiesen. Es handelt sich um Korrelationen. Diese sind hier aber wirklich sehr stark.
Wir sprechen jetzt von Traumata. Sie erwähnten aber auch noch Stress. Wie verhält es sich damit?
Paul Verhaeghe: Es gibt hierzu einen sehr schönen Briefwechsel zwischen Freud und Wilhelm Fliess von 1895. In diesem beschreibt der Psychologe einige Ideen, die später leider kaum ausgearbeitet wurden. Mir geht es hier um die Annahme eines "Reiz-Schutzes", der äußere Reize abwehrt. So gesehen sind unsere Sinnesorgane eine Art Schutzschild, der dafür sorgt, dass nicht zu viel nach innen dringt. Hieran sieht man übrigens auch Freuds neurologischen Hintergrund. Wenn ich das jetzt mit den Gedanken über Traumata verbinde, dann ist so eine traumatische Erfahrung ein massives Durchbrechen des Reiz-Schutzes, der Spuren im Körper hinterlässt.
Es müssen aber nicht gleich traumatische Erfahrungen sein. Immer dann, wenn ein Überfluss an Reizen auf uns einwirkt, kann das zu Problemen führen. "Reize" können wir hier übrigens ganz wörtlich verstehen: über die Haut, die anderen Sinnesorgane aber auch auf psychischer Ebene. Nun sind wir in unserer heutigen Gesellschaft förmlich rund um die Uhr, sieben Tage die Woche solchen Reizen ausgesetzt.
Fällt Ihnen hierzu vielleicht ein konkretes Beispiel ein?
Paul Verhaeghe: Es gibt etwa Forschung zu Menschen, die in der Nähe einer stark befahrenen Straße wohnen und darum Tag und Nacht Lärm ausgesetzt sind. Diese haben konstant höhere Cortisolwerte. Cortisol ist ein Hormon und wiederum ein deutlicher Hinweis auf Stress. Oft verneinen die Betroffenen selbst übrigens die Frage, ob sie Stress erfahren. Im Körper ist das aber sehr wohl messbar.
Nun wissen wir aus medizinischer Forschung auch, dass sich Stresserfahrungen aufaddieren: Denken Sie an den Lärm, die vielen Staus, die Kinder, die zu einer bestimmten Zeit in der Schule sein müssen, während man selbst am Arbeitsplatz und in Beziehungen funktionieren muss. Das kommt alles zusammen und führt zu den konstant höheren Cortisolwerten. Und diese stehen wiederum in Zusammenhang mit Krankheiten, auch auf der körperlichen Ebene.
So wurde bereits experimentell gezeigt, dass das Risiko für Erkältungen dann erhöht ist oder die Wundgenesung länger dauert. Schon bei so etwas Simplem wie einer Erkältung lässt sich das zeigen, aber auch für Auto-Immun-Erkrankungen. Diese Zusammenhänge werden immer deutlicher. Insbesondere die neuen Forschungsgebiete der Psychoneuroimmunologie und Psychoneuroendokrinologie beschäftigen sich hiermit. Vereinfacht gesagt geht es um den Zusammenhang von psychischen Vorgängen mit dem Nerven-, Hormon- und Immunsystem.

Im zweiten Teil des Gesprächs geht es darum, wie psychopharmakologische Behandlungen wirken und neuere Forschung einen immer engeren Zusammenhang zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit nachweist.

(Stephan Schleim)