"Es gibt seit Jahrtausenden keine ursprüngliche Natur mehr"

Regenwald in Paraguay. Bild: Ilosuna/CC-BY-SA-3.0

Die Ausrufung des Anthropozäns führt in die Irre, schon seit dem Pleistozän haben die Menschen die globale Biosphäre verändert

Mittlerweile hat sich die These herumgesprochen, dass wir in ein geologisches Zeitalter eingetreten seien. Die Menschheit habe seit einiger Zeit, konkreter: seit der Industrialisierung, die Erde durch ihre Lebensweise entscheidend und unabhängig von anderen natürlichen Prozessen verändert, vor allem sichtbar durch die Klimaveränderung, aber auch durch Massenaussterben, Artenmigration und landwirtschaftlicher Kultivierung. Zur Hervorhebung dieser Gestaltung des Raumschiffs Erde durch den Menschen wurde das neue Zeitalter Anthropozän ausgerufen, in das wir eingetreten seien.

Wissenschaftler unter der Leitung von Nicole Boivin, Direktorin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Wissenschaftlerin an der Universität Oxford, sagen jetzt in einem Beitrag für die Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), dass die Menschheit nicht erst seit der Industrialisierung, sondern bereits seit dem Pleistozän tiefgreifend in die globale Biosphäre eingegriffen hat. Damit wird die nächste Stufe des Bilds vom guten Wilden untergraben, nach dem die Menschen früher - vor der Wissenschaft, der Aufklärung, der Industrialisierung, der Vernunft oder was auch immer - eher im Einklang mit der Natur gelebt hätten. Das erweist sich mehr und mehr als romantische, zivilisationskritische Verklärung.

Die Menschen haben Veränderungen von fast allen biologischen Arten bewirkt, sie ausgelöscht, vertrieben, die Zusammensetzung der Arten nachhaltig verändert, was bedeutet, dass die Biosphäre von Menschen gestaltet wurde, wenn auch keineswegs bewusst, vor allem, was die Konsequenzen betrifft. Ursprüngliche Landschaften gäbe es daher schon lange nicht mehr. Die Erde ist schon seit Tausenden von Jahren eine Art des Gartens, in der nur lebt, was die Selektion überlebt hat. Welche Pflanzen, Tiere und Bäume es heute gibt, sind bereits Resultate der Vorlieben unserer Vorfahren. Massenaussterben von Arten gibt es nicht erst in neuerer Zeit, so die These, sondern seit der Zeit, in der sich der moderne Mensch ausgebreitet hat, man muss sagen: als invasive Art.

Belegt werden die geschichtlichen Folgen des menschlichen "Bioengineering" neben archäologischen Funden durch die Analyse von alter DNA, stabilen Isotopen und Mikrofossilien sowie neuen statistischen und Berechnungsmethoden. So zeigt sich, dass die Menschen mit der Kolonialisierung der Welt im späten Pleistozän etwa in Neuguinea bewusst den Regenwald verbrannt oder abgeholzt haben, um andere Pflanzen zu kultivieren. Der Einsatz von Feuer zur Gestaltung der Landschaft, für die Landwirtschaft und Jagd sei auch in Afrika, Amerika, Australien oder Borneo nachzuweisen.

Spätestens vor 23000 Jahren wurden Pflanzen von Menschen von einem Standort an weit entfernte Gebiete verbreitet. Auch die Ratte hängte sich schon früh an die Menschen an und wanderte mit diesen. Zudem breiteten sich schnelle, kleine und schwierig zu fangende Tierarten stärker aus. Schnecken- oder Schildkrötenarten schrumpften, was mit der Verbreitung von Werkzeugen in Verbindung gebracht wird. Und dann gibt es noch das vor 50000 Jahren einsetzende Massenaussterben von großen Tierarten, belegt etwa in Australien oder in Amerika. 100 von 150 Tierarten mit einem Gewicht von mehr als 44 kg wurden zwischen 50000 und 10000 Jahren vor unserer Zeit ausgelöscht.

Mit dem Holozän und dem Beginn der Sesshaftigkeit und der Landwirtschaft vor 12000 Jahren wird die schnelle Veränderung der Artenzusammensetzung und die Verbreitung der von den Menschen bevorzugten und gezüchteten Arten deutlich. Reisanbau und Tierhaltung ließen bereits die Methanemissionen ansteigen, während seit 8000 Jahren die Entwaldung zur Erhöhung des CO2 in der Atmosphäre geführt hat. Getreide- und Tierarten verbreiteten sich jetzt, beispielsweise Schafe, Ziegen, Rinder oder Hühner, aber auch Hunde. Die Zahl der domestizierten Großtierarten gegenüber der von wilden wuchs kontinuierlich an. Dabei verbreiteten als Folge sich auch Pathogene wie die Pest oder die Tuberkulose.

Erosion ergab sich, Veränderung der Lebewesen in den Seen, aber vor allem Umgestaltung der Nischen auf Inseln durch massenhaften Import von nicht heimischen Pflanzen- und Tierarten, was auch als "transportierte Landschaften" bezeichnet wird. Die Globalisierung der Arten und ihrer Zusammensetzung ist ein Prozess, der seit Tausenden von Jahren läuft und das Leben auf der Erde tiefgreifend verändert hat. Das Aussterben oder Ausrotten von Arten nach Besiedlung durch Menschen geschah immer wieder und oft sehr schnell. Seit dem Mittleren Holozän, also seit der Bronzezeit, beschleunigen und vertiefen sich die Eingriffe mit der Entwaldung, Erosion, der Intensivierung der Landwirtschaft, dem Bevölkerungswachstum und dem Urbanisierungsprozess.

Mangoplantage. Bild: Guillermo Buelna Araujo/GFDL

Es gab zwar auch Schwankungen, beispielsweise lässt sich nach Pestepidemien wieder ein Ausbreiten der Wälder feststellen, vor allem aber gab es nicht nur hin und wieder einen Zusammenbruch von Kulturen durch Überausbeutung der natürlichen Ressourcen oder zu starke Eingriffe, sondern frühe Zivilisationen haben auch Ökosysteme erhalten. Die Autoren verweisen auf Teile der Amazonas-Region, die lange als ursprünglicher Regenwald betrachtet wurden, wo aber vor der Ankunft der Europäer für Jahrtausende lang Gebiete von Menschen mit einer hohen Produktivität dicht besiedelt waren. Sie veränderten den Boden so, dass Landwirtschaft und damit Bevölkerungswachstum in Gebieten möglich wurde, die heute als marginal betrachtet würden. So wurden Wälder zu gepflegten Landschaften oder zu Gartenwälder, wie dies auch bei den Mayas der Fall war oder im Nahen Osten, wo Eichenwälder sich anthropogen verursacht ausbreiteten. Überhaupt würden eher negative Folgen des anthropogenen Umbaus der Erde betrachtet, als die auch erfolgende Schaffung von neuen Ökosystemen, die nicht erst in der Moderne "ökologische Güter und Dienste" entstehen ließen.

Die jetzt bestehende Diversität der Arten sei jedenfalls weitgehend ein Produkt der menschlichen Geschichte. Mindestens seit dem frühen Holozän haben menschliche Aktivitäten die Umwelt nicht nur lokal verändert, wie man meist glaube, sondern auch zu geomorphologischen, atmosphärischen, biochemischen und ozeanischen Veränderungen geführt.

Menschliche Aktivität habe auch "stark veränderte und hoch kosmopolitische Artenzusammenzusammensetzungen auf allen Landmassen" geschaffen. Die Autoren kommen zu dem Schluss: "'Ursprüngliche' Landschaften gibt es einfach nicht, und es hat sie in den meisten Fällen seit Jahrtausenden nicht gegeben. Die meisten Landschaften sind Palimpseste, die durch wiederholte Episoden menschlicher Aktivität über geformt wurden."

Man könne auch künftige Entwicklungen der Mensch-Natur-Beziehungen besser verstehen und negative Folgen vielleicht eher vermeiden, wenn man die langfristige Geschichte kennt, was eben auch heißt, gepflegte Vorurteile aufzugeben. So würde etwa eine archäologische Perspektive für den Umweltschutz zu grundlegenden Veränderungen von diesem führen: "Wenn der Wandel die einzige Konstante in den Mensch-Ökologie-Beziehungen ist, dann wird es unklar, welche 'natürlichen' Ziele die ökologische Wiederherstellung anstreben soll."

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