"Es herrscht blanke Willkür"

Die Anwälte von Dogan Akhanli und Asli Erdogan sprechen über die katastrophalen Zustände in türkischen Gefängnissen und die Jagd auf Oppositionelle

Es ist eine kleine Pressekonferenz in Köln, der Ort wurde erst kurz vor dem Termin an geladene Journalisten bekanntgegeben. Am Kopf des Tisches sitzen zwei Anwälte. Ilias Uyar vertritt den deutsch-türkischen Schriftsteller Dogan Akhanli, der nach seiner Festnahme vor knapp einer Woche nun zwar wieder auf freiem Fuß ist, aber in Spanien festsitzt. Die Türkei will seine Auslieferung. Neben Uyar: Erdal Dogan, eigens aus Istanbul angereist. Er vertritt unter anderem die Autorin Asli Erdogan und die nach wie vor dort inhaftierte türkische Amnesty-Chefin Idil Eser.

Erdal Dogan engagiert sich unermüdlich, nicht nur für seine eigenen Mandanten, sondern generell für die in der Türkei verfolgten Oppositionellen, Journalisten, Menschenrechtler. Hat er Angst bei seiner Arbeit? "Ja, habe ich. Nicht nur in der Türkei, sondern auch hier in Deutschland. Aber ich mache weiter, so lange es möglich ist", sagt er.

In das Meeting platzt die Nachricht, dass Interpol die "Red Notice" vom Fahndungsersuchen der Türkei entfernt hat. Damit war eine besondere Dringlichkeit erforderlich, die die spanischen Behörden dazu veranlasst hatte, Dogan Akhanli in seinem Urlaubshotel morgens um halb neun festzunehmen. "Das ist eine Formalität", dämpft Akhanlis Anwalt Uyar die aufkommende gute Stimmung. "Wir müssen nun abwarten, wie die spanischen Behörden reagieren. Aber ich befürchte, dass die türkischen Behörden die vollen vierzig Tage ausschöpfen werden." So lange haben sie Zeit, um ihr Auslieferungsgesuch zu begründen.

Dabei geht es um einen Raubüberfall auf eine Wechselstube im Jahr 1989, an der Akhanli beteiligt gewesen sein soll und bei dem der Besitzer der Wechselstube getötet wurde. "Dogan Akhanli wurde im Prozess 2010 entlastet", führt Uyar aus. "Wir konnten nachweisen, dass er nicht beteiligt war. Die Söhne des Opfers sagten vor Gericht aus, dass der Angeklagte nicht der Täter sei. Es habe sich um zwei Männer gehandelt, Akhanli sei nicht dabei gewesen. Sie saßen ihm im Gerichtssaal gegenüber."

Trotzdem ließ die Staatsanwaltschaft nicht locker, versuchte neue Gründe zu konstruieren. Am Ende stand der Freispruch, der aber 2013 wieder aufgehoben wurde. Der Richter, der damals den Vorsitz hatte, erzählt Uyar, sei später maßgeblich an den Korruptionsermittlungen gegen Erdogan und sein Umfeld beteiligt gewesen und stehe inzwischen selbst auf der Liste der wegen Terrorismus Gesuchten. Er soll in Deutschland Asyl beantragt haben. "Wir haben versucht, ihn zu finden. Dogan Akhanli würde gerne mit ihm sprechen."

Die Festnahme sieht Uyar als politisch motiviert. Er verweist auf den schwedisch-türkischen Journalisten Hamza Yalcin, der eine Woche vor Akhanli in Spanien festgenommen wurde und der noch immer in Untersuchungshaft sitzt. Leider, so Uyar, haben die schwedischen Medien und die Politik nicht so rasch und energisch reagiert wie die deutschen. "Die türkische Regierung will ein Zeichen setzen. Sie hatte gehofft, mit Dogan Akhanli einen weiteren Oppositionellen außerhalb der Türkei in Haft bringen zu können. Das ist zum Glück gescheitert."

Dogan Akhanli selbst geht es den Umständen entsprechend gut, aber der Schock über die erneute Festnahme, noch dazu außerhalb der Türkei, sitzt ihm noch in den Knochen. Er sieht sich nun in Madrid nach einer Wohnung für die nächsten Wochen um. "Ich hoffe, bald wieder nach Deutschland kommen zu können", sagt er am Telefon.

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