"Es ist nicht verboten, sich zum Satanismus zu bekennen"

Kinder verwandeln sich in Paviane, Unbekannte in Schlangen - in Simbabwe geht die Furcht vor Satanismus um. In dem wirtschaftlich am Boden liegenden Land droht eine Verfolgungswelle

Man sollte nicht auf die Idee kommen, Aberglaube sei nur eine Sache mangelnder Bildung. Die rund 12 Millionen Simbabwer sind vielleicht die gebildetste Nation Afrikas, sie haben mit 92 Prozent die höchste Alphabetisierungsquote des Kontinents und ein funktionierendes Hochschulsystem. Gleichzeitig hat Simbabwe derzeit ein Satanismus-Problem.

In dem südafrikanischen Land hat sich in den vergangenen Monaten die Furcht vor Satanismus ausgebreitet. Nachdem es an mehreren Schulen zu Tumulten kam, setzte das Bildungsministerium eine Kommission ein, um die Satanismus-Fälle zu untersuchen.

Die größte Tageszeitung des Landes, der Zimbabwe Herald, beklagt, dass die nationalen Medien in den letzten Monaten von Berichten über Satanisten geflutet wurden. Mal sind teuflische Praktiken schuld, wenn es auffallend viele Verkehrsunfälle gibt, mal, wenn Leute verschwinden, erkranken oder verunglücken. Brandherde scheinen ausgerechnet die Schulen zu sein. Zum Beispiel verdächtigen Eltern die Lehrer, Kinder in Paviane, Kaninchen oder Vampire verwandelt zu haben. Auch als sich eine Schülerin nachts in den Hals schnitt und ihre Zimmergenossinnen in blutgetränkten Laken erwachten, wurde dies als Hinweis auf satanische Zaubereien gedeutet. Ein weiteres Beispiel ist ein Fremder, der sich in eine Schlange verwandelte und über den Mund in einen Schüler eindrang, als dieser seine Schuhe band.

Auch andere Medien berichten von aufgebrachten Eltern, die Schulen stürmen, weil einige Lehrer christlichen Kirchen angehören, die in Verbindung mit Satanismus gebracht werden (zum Beispiel hier oder hier. Besonders skandalös ist der Fall eines Mädchens, das davon berichtet, man habe sie entführt und gezwungen, in Blut zu baden und Menschenfleisch zu essen.

Der Herald ist im Besitz der Regierung und sollte daher auch deren Anordnung wiedergeben. Der Umgang der Zeitung mit dem Thema ist widersprüchlich. Einerseits will sie deeskalieren: Sie stellt fest, dass sich die meisten Angeklagten als "unschuldige Seelen" erwiesen hätten, warnt vor einer Welle der Verfolgung und erinnert daran, dass es strafbar ist, Unschuldige der Hexerei zu verdächtigen. Andererseits stellt der Herald den Glauben an Satanismus nicht infrage. Im Gegenteil: Er droht jedem mit der Strafe des Gesetzes, der mithilfe übernatürlicher Mächte anderen Schaden zufügt.

Solange dies aber nicht geschehe, habe jeder das Recht, sich zum Satanismus zu bekennen, betont die Zeitung. Die freie Wahl der Religion ist Teil der postkolonialen Identität des Landes, was sich in einer ungewöhnlich bunten Kirchenlandschaft äußert: In dem 12-Millionen-Einwohner-Staat gibt es die römisch- und griechisch-orthodoxe, calvinistische, methodistische, presbyterianische, anglikanische, koptische, rastafarische und viele weitere christliche Kirchen. Zugleich sind die christlichen Praktiken mit dem Geisterglaube der Shona und Ndebele verschmolzen, mindestens 20 Prozent der Simbabwer besuchen synkretische Gottesdienste. Das spirituelle Leben ist vital, es entstehen neue Sekten und Kirchen, es gibt immer wieder Propheten. Ein wenig so, als wäre das Christentum wieder jung.

Konsequenterweise landet auch der Herald über kurz oder lang bei Gott, wenn er über Satanismus schreibt: Echte Christen sollten wissen, dass man den Teufel nicht physisch besiegen könne. Den Kampf gegen ihn könne nur Gott gewinnen, das einzige, was helfe, sei zu beten. Am treffendsten ließe sich das Phänomen wohl durch Johannes 8, Vers 44 erklären, rät die Zeitung - und zitiert die ganz und gar nicht deeskalierende Bibelstelle:

Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.

Undenkbar, dass ein Regierungsblatt im aufgeklärten Westen so verkündet. Erstaunlicherweise sind andere Probleme durchaus vergleichbar. Während manche sich in Deutschland fragen, wie mit radikalen Islamisten im Rahmen einer toleranten Religions- und Asylgesetzgebung umzugehen ist, weiß man in einem Gefängnis in der Hauptstadt Harare derzeit nicht, was man mit drei verhafteten Ausländern anfangen soll. Die Flüchtlinge aus Ruanda und dem Kongo bekennen sich offen zum Satanismus, verlangen, ihre Religion frei ausleben zu dürfen, und kündigen obendrein an, im Gefängnis Gefolgsleute zu rekrutieren.

Offiziell sind den Behörden die Hände gebunden. Glaube ist kein Verbrechen, solange die Satanisten keinen Schaden anrichten. Ein Journalisten-Termin im Gefängnis erweckt aber auch den Eindruck, dass die Beschuldigten gezwungen wurden, ein Klischee zu gestehen, ähnlich wie die Hexen im 17. Jahrhundert:

"Ich habe einen Vertrag mit dem Teufel geschlossen", bekannte der Kongolese "und darum kann ich da nicht raus. Satanismus bedeutet, wir sind frei von Gott und können schlechte Dinge tun, ohne uns schuldig zu fühlen. Von uns gibt es 10.000 in der Demokratischen Republik Kongo." Und weiter: "Wenn du einmal ein Satanist geworden bist, wirst du nicht sterben, du wirst beinah wie ein Geist sein. Wir sind auch in Opferrituale involviert und eine andere Bedingung ist, dass man homosexuell wird."

Spätestens bei dieser Kette von Klischees - Sünde ohne Scham, Unsterblichkeit, Opferrituale, sexuelle Abweichung - sollte jeder, der sich mit den deutschen Hexenprozessen beschäftigt hat, aufschrecken. Wenn Geständnisse so eindeutig sind, ging ihnen oft Erpressung voraus. Der geäußerte Tatverdacht entspricht exakt dem, was den Hexen seit Jahrhunderten vorgeworfen wird: Jemand schließt einen Pakt mit dem Teufel, um einem anderem Böses zu tun. Hexen durch Beischlaf mit dem Teufel, Satanisten durch Rituale.

Die europäische Hexenverfolgung des 17. Jahrhunderts ist relativ gut erforscht. Dabei gilt die katholische Kirche mittlerweile nicht mehr als Auslöser der Verfolgungswellen. Stattdessen betrachtet man diese als globales Phänomen, das in allen Kulturen auftritt - als eine Art paranormale Suche nach Sündenböcken. Es kann zu Hexenverfolgungen kommen, wenn eine Gesellschaft, in der magische Denkmuster vorherrschen, in einer tiefen Krise steckt.

So war es in Deutschland im frühen 17. Jahrhundert, dem Höhepunkt der Hexenverfolgung. Das Klima hatte sich im vergangenen Jahrhundert verschlechtert, es gab Ernteausfälle, Teuerungen, Hungersnöte, Pestwellen, brodelnde Konflikte um Religion und Territorium (was letztlich im 30-jährigen Krieg mündete).

In Simbabwe hätte es besser laufen können. Nach der Befreiung von Großbritannien 1980 hatte sich das Land zunächst hervorragend entwickelt: Die Lebenserwartung stieg zügig auf 64 Jahre, der Lehrersohn Robert Mugabe baute das beste Schulsystem Afrikas auf. In den 90ern kam dann die Wirtschaftskrise, die Schulden, der IWF, HIV, die Landreform, die Sanktionen …

Ob es am IWF lag, dessen Sparpläne das Gesundheitssystem gerade dann zerlegt haben, als die AIDS-Seuche ausbrach, oder an Mugabes starrköpfiger, autokratischer und kleptokratischer Politik - um 2000, als es zum Bruch zwischen der Regierung und dem IWF kam, war die Lebenserwartung auf 36 Jahre gesunken. Das BIP schrumpfte Jahr um Jahr um Jahr, während die Inflation stieg und immer weiter stieg, bis sie zur Hyperinflation wurde. Die Preise haben sich 2009 zeitweise in eineinhalb Tagen verdoppelt. Im Happy-Planet-Index landete das Land mehrfach auf dem letzten Platz. Seitdem der Simbabwe-Dollar 2009 abgeschafft und durch Dollar, Euro oder den Südafrikanischen Rand ersetzt wurde, geht es, so der IWF, immerhin wieder aufwärts.

Ob die Simbabwer in ihrer desolaten Situation lediglich Sündenböcke für ein Elend suchen, das sie weder ändern noch erklären können, oder ob sie tatsächlich den Versuch wagen, ihre Lage durch schwarze Magie zu verbessern, ist schwer festzustellen.

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