"Es ist wahnsinnig schwer, anständig zu bleiben"

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Interview mit Filmemacherin Yulia Lokshina über Sprachlosigkeit und Ausbeutung

Yulia Lokshina hat den richtigen Riecher bewiesen. Drei Jahre lang arbeitete sie an einem Dokumentarfilm über Arbeits- und Lebensbedingungen in deutschen Schlachtbetrieben, lange bevor der Corona-Ausbruch bei Tönnies die Missstände von Werkvertragsarbeitern offenbaren konnte. Ihr Film "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" premierte im Januar 2020 beim Filmfestival Max Ophüls Preis und wurde als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Doch Filmschaffende wie Lokshina haben es im Corona-Jahr schwer, insbesondere wenn sie wie in diesem Fall den Film der Stunde liefern, den niemand zu Gesicht bekommen kann. Nun kommt ihr hochintelligenter Dokumentaressay - wer weiß für wie lang - doch noch in die Kinos. Zum bundesweiten Kinostart sprach Telepolis mit Yulia Lokshina über ihren Film und ihre Einblicke in die Welt jener, die für den Schweineschlachtungs-Europameister Deutschland systemrelevant sind.

In deinem Film geht es um die weitestgehend gesellschaftlich akzeptierten asozialen Verhältnisse in der Fleischindustrie in Deutschland. Gleichzeitig begleitest du eine Theatergruppe einer Münchner Schule, die Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" inszenieren will. Wie passt das zusammen? Was haben die Schülerinnen im Vorort mit Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben zu tun? Beide Welten scheinen entfernter nicht liegen zu können.

Yulia Lokshina: In unserem Film geht es um innereuropäische Leiharbeiter und Arbeitsmigration, um Werkvertragsarbeiterinnen, die aus Osteuropa kommen und in unserem Fall in Westdeutschland in den Fleischbetrieben arbeiten. Es geht um die Hilflosigkeit und Ausbeutung von bestimmten Gesellschaftsgruppen, wie sich bestimmte Probleme und Ausbeutungssysteme halten und nicht auflösen lassen.

Im größeren Zusammenhang geht es auch darum, wie eine Gesellschaft sich strukturiert und wie Bessergestellte Verantwortung übernehmen für schlechter Gestellte - oder eben auch nicht. Wie bestimmte Gesellschaftsschichten sich überhaupt verbunden fühlen in so einem größeren gesellschaftlichen Gefüge. Deswegen gibt es in dem Film auch eben zwei Stränge mit den Schülerinnen und mit den Arbeiterinnen. Zwischendurch geht es ganz viel um Wirtschaftssysteme, Lebenssysteme, Kapitalismus und Sozialismus.

Die Schüler fahren nicht nach Rheda-Wiedenbrück, sondern nehmen den Weg des Schultheaters, um sich den real existierenden Problemen anzunähern. Gelingt ihnen das?

Yulia Lokshina: Die Schüler sind durchaus sehr entfernt von diesen Lebens- und Arbeitsbedingungen migrantischer Biografien, die man in den Schlachtbetrieben vorfindet. Sie haben aber diesen sehr engagierten Theaterlehrer, der die Idee hatte, "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" zu spielen und darüber nachzudenken, was der historische Text mit der heutigen Wirklichkeit zu tun hat.

Diese Schüler übernehmen so etwas wie die Rolle von der Mehrheits- oder Wohlstandsgesellschaft, also von den Nichtbetroffenen, jenen, die sich als nicht betroffen verstehen. Und sie versuchen, sich dazu ins Verhältnis zu setzen und überhaupt erstmal eine Sprache und einen Ausdruck dafür zu finden, denn zu Brechts Zeiten waren schließlich bestimmte Begriffe einfach da und selbstverständlich. Man sprach von Klasse, von Klassenkampf, von Arbeiterkampf, und fragte nach Möglichkeiten eines radikalen Systemwechsels. Genau diese Begriffe sind heute nicht mehr da. Man glaubt allerdings daher, die hinter sich gelassen zu haben.

Wir lernen ja in der Schule, dass wir einen Sozialstaat haben, der für uns sorgt, und eine soziale Marktwirtschaft und dass damit alles geregelt sei, und zwar alternativlos. Dass dieses System aber auch große Lücken produziert, in dem das "Soziale" nicht mehr greift, dafür haben wir oft keine Sprache mehr und sehen dadurch oft auch keinen Handlungsraum. Das wird nicht viel hinterfragt. Das wird also verhandelt in diesem Strang.

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"Es gibt den Traum innerhalb der EU, dass man nicht wie Material behandelt wird"

Heute gibt es wohl auch mehr Arbeitsmigration als zu Zeiten Brechts, Deutschland war damals aber auch nicht Exporteuropameister für Schweinefleisch. Das geht nur mit EU-Bürgern, die 200 Stunden im Monat arbeiten für 1200 Euro...

Yulia Lokshina: Nun ja, Konzerne wie Tönnies, bzw. die dazugehörigen Subunternehmen, werben ja aktiv in osteuropäischen Ländern für diese Arbeit. Aber auch YouTube-Channels und Blogger werben dafür und verbreiten diese Idee: Man kann nach Deutschland kommen und hier richtig gutes Geld verdienen und hier arbeiten, und es ist alles gar kein Problem.

Ein Land wie Deutschland hat einfach eine unangefochten starke Position. Es ist ein Land, das mit einer sozialen Marktwirtschaft eine große Attraktivität ausstrahlt, sodass im Ausland die Idee existiert, dass man auch als jemand, der nicht da hineingeboren ist, davon profitieren kann. Es gibt natürlich diese verbindende Idee oder diesen Traum innerhalb der EU, dass man nicht wie Material behandelt wird, sondern ja eben als EU-Bürger und -Bürgerinnen mit entsprechenden Rechten. Dass aber bestimmte Leute keinen Zugang dazu haben, das wird dann nicht mit kommuniziert.

Und sie landen in den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, in den Händen von Konzernen, ihren Subunternehmen und Subsubunternehmen. Als im Juni es in Tönnies-Werken eine Masseninfektion mit Covid-19 gab, schien sich was zu verändern.

Yulia Lokshina: Anscheinend musste erst eine Pandemie kommen, damit über die Missstände gesprochen wird, die doch seit Jahren bekannt sind. In der Politik und an der Fleischtheke musste man sich für einen kurzen Moment dazu verhalten. "Wir haben es nicht gewusst" sagte man dann. Das hat ja auch eine historische Tradition, dass man etwas nicht gesehen hat, was hinter den Zäunen passiert.