"Es läuft sehr, sehr gut"

Die Behörden suchen nach Licht in den Dunkelziffern der Corona-Epidemie

Die Zahl der am Coronavirus infizierten Menschen in Deutschland überschritt am ersten Aprilwochenende die Marke von 100.000 Infizierten. 1.584 Menschen waren zu diesem Zeitpunkt an dem Virus verstorben. Die Zahl der nachvollziehbaren Fälle in Deutschland liegt damit weit über der Summe der Fälle in China, einem Land mit der siebzehnfachen Einwohnerzahl. Die Zahl der Toten hat sich in Deutschland innerhalb einer Woche verdreifacht. (Quelle: Johns Hopkins University, 06.04.2020, 28.03.2020)

Die Macher der "Tagesschau", Deutschlands führender Nachrichtensendung, warteten angesichts dieser Entwicklung mit einer Erfolgsmeldung auf. "Die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland hat sich verlangsamt", meldete die Sprecherin der "Tagesschau" bereits am Freitagabend.

"Die Zahl der Toten hat sich verdreifacht", wäre die griffigere Schlagzeile gewesen, die sicherlich auch gewählt würde, wenn es um ein fernes Land wie Iran oder China ginge. Lothar Wieler formuliert dies anders. "Das läuft bislang sehr, sehr gut", so der Leiter des Robert-Koch-Instituts in dem Bericht der "Tagesschau" vom Freitag. Die Kontaktbeschränkungen zeigten Erfolge. Und doch: "Ob das ausreicht, ob das Gesundheitssystem nicht überstresst wird, das werden wir sehen."

"Gut" ist in Corona-Zeiten anscheinend auch nicht mehr das, was es einmal war. Hinter der Verlangsamung der Epidemie stünde die sinkende "Reproduktionsrate" des Virus, so der Bericht der "Tagesschau". Doch ob es sich dabei um einen verlässlichen Trend oder nur um eine weitere Verlangsamung der ohnehin bereits schleppend verlaufenden Meldung von Infektionszahlen handelte, dies zu ergründen, dazu reichte der "Tagesschau" nicht die Zeit.

Auch die Dunkelziffer liegt im Dunkeln

Dass die von den Medien publizierten offiziellen Corona-Stände, die tatsächliche Verbreitung von SARS-CoV-2, des neuen Coronavirus, nur sehr ungenau abbilden, dafür haben zahlreiche Beobachter handfeste Belege geliefert. Wie viele Menschen getestet wurden, wie viele infiziert sind, wie viele geheilt wurden und wie viele gestorben sind, ist vielerorts nur noch ein Ratespiel. Jede angeblich noch so aktuelle Fallzahl ist in der Corona-Krise längst Geschichte.

Wiederholt wird auf die Ungenauigkeit der Zahlen zum Corona-Ausbruch verwiesen, die aus dem kommunistischen China kommen. Doch auch in allen anderen Staaten gibt es keine wirklich verlässlichen Fallzahlen zur Corona-Seuche. Die Daten zu spärlich durchgeführter Tests kommen oft nur mit erheblicher Verspätung bei den Entscheidungsträgern an. Währenddessen verbreitet sich das Virus, auch unbemerkt, rapide weiter.

"Für jeden offiziell bestätigten positiven Fall", erklärte Angelo Borrelli, der Chef des italienischen Zivilschutzes, "gibt es zehn, die nicht bestätigt sind." Zehnmal so hoch wie offiziell bekannt gegeben könnte also die tatsächliche Zahl der Infizierten in Italien sein. Dies wären auf dem gegenwärtigen Stand (06.04.2020) nicht 129.000, sondern bereits 1,29 Millionen positive Fälle in Italien.

Dass es eine Dunkelziffer an mit COVID-19 infizierten Menschen gibt, darüber besteht kein Zweifel. Dies liegt schon daran, dass "stille Träger" das Virus übertragen können, ohne sichtbar erkrankt zu sein. Diese Personengruppe, die mangels erkennbarer Symptome nicht getestet wird, taucht in keiner Statistik auf. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn repräsentative Stichproben, die erst jetzt anlaufen, Aufschluss über die tatsächliche Verbreitung der Infektion liefern.

"Weltweit haben wir die Zahl von 1 Million Infizierten überschritten. Doch wir sind der Meinung, dass die tatsächliche Zahl fünf- oder zehnmal so hoch ist." Brendan Murphy, der dies sagt, ist als "Chief Medical Officer" Australiens für die Gesundheit eines gesamten Landes zuständig. Murphy sagt, er traue überhaupt keinen Zahlen, außer, dies muss er wohl sagen, den australischen.

Die Zahlen und die Toten

Lothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, traut anscheinend nicht einmal seinen eigenen Zahlen. "Wir gehen davon aus, dass die Todesfälle unterschätzt werden", schätzt der für die Schätzung der Infektionszahlen zuständige oberste deutsche Seuchen-Sachverständige. Ein Grund dafür liege darin, dass Menschen versterben, ohne vorher auf das Coronavirus getestet worden zu sein. Doch ohne positiven COVID-19-Befund geht ein Todesfall nicht in die Corona-Statistik ein.

Es gibt viele Gründe, warum die Zuordnung der Toten ungenau sein kann: Bei der Meldung von Todesfällen kommt es zu systematischen Zeitverzögerungen. Personen, die nicht auf das Virus getestet wurden, werden überhaupt nicht als COVID-19-Tote registriert. Und wer nicht in einem Krankenhaus, sondern bei sich zu Hause, in einem Pflegeheim oder auf der Straße gestorben ist, taucht vielerorts in der Statistik erst recht nicht auf. Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeine gilt dies flächendeckend für Italien, England, Frankreich und zum Teil wohl auch für Spanien.

Die Sterberate steigt, steigt auch die Zahl der Corona-Toten?

Wie aus Italien (In der Lombardei gibt es viel mehr mit Corona verbundene Tote als offiziell gemeldet) wird auch aus Spanien berichtet, dass die Zahl der Coronavirus-Toten, die tatsächliche Zahl der durch die Krankheit verursachten Opfer nicht korrekt wiedergibt. Die Zeitung El País verweist auf einen Bericht des Gesundheitsinstitutes der Madrider Universität Carlos III, in dem auf einen anormalen Anstieg der Sterberate seit Beginn der Corona-Krise verwiesen wird.

The Economist berichtet unter Berufung auf El País von Ergebnissen spanischer Regierungsstudien, denen zufolge die "Übersterblichkeit", also die erhöhte Sterberate, in der Region Castile-La Mancha dem Doppelten der Zahl der Toten entsprach, die COVID-19 zugeschrieben wurden. Ähnliche Disparitäten seien in der französischen Region Haut-Rhin zu verzeichnen.

Auch aus anderen Teilen der Welt wird bereits ein ungewöhnlicher Anstieg der Sterberate gemeldet. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass die Zahl der Beerdigungen in der indonesischen Hauptstadt Jakarta im März 40 Prozent über dem mehrjährigen Monatsdurchschnitt lag. Die naheliegende Vermutung, die auch der Gouverneur von Jakarta äußert, lautet, dass das Aufkommen der Virusinfektion hinter dem Anstieg der Todesfälle steckt.

Nach Brasiliens größter Tageszeitung Folha de S. Paulo werden in São Paulo täglich 30 bis 40 Menschen beerdigt, die zwar für Coronavirus-Infektionen typische Symptome aufweisen, für die aber in den meisten Fällen keine Testergebnisse vorliegen. Totengräber des größten Friedhofs Brasiliens sprachen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge von der stark zunehmenden Zahl von Personen mit Atemwegsbeschwerden, die starben, bevor ihre Testergebnisse vorlagen. Diese Fälle werden in der Corona-Statistik nicht mitgezählt.

Somit häufen sich die Indizien, dass die Anzahl sowohl der mit Sars-Cov-2, dem neuen Coronavirus, Infizierten als auch der an der Virusinfektion Verstorbenen um ein Mehrfaches von den veröffentlichten Zahlen abweichen können, egal in welchem Land und von welcher Behörde sie derzeit veröffentlicht werden.

PD Dr. Thomas Schuster war fester Autor im Feuilleton der FAZ und Hochschullehrer für Journalistik an der Universität Leipzig. Seine Bücher "Staat und Medien - über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit" und "Die Geldfalle - wie Medien und Banken die Anleger zu Verlierern machen" sind bei Fischer und im Rowohlt erschienen.

(Thomas Schuster)