Eskalation der Kämpfe in Syrien

Zerstörungen in Aleppo. Screenshot

Das übliche Spiel der wechselseitigen Schuldzuweisung auf Kosten der Zivilbevölkerung, die noch nicht fliehen konnte oder wollte

Der Waffenstillstand ist mehr oder weniger zu Ende in Syrien, nachdem die Kämpfe um Aleppo wieder zunehmen und die beteiligten Parteien und die Hauptakteure USA und Russland weniger an einer Lösung als an einer Verschärfung des Konflikts interessiert zu sein scheinen. Ob die Friedensgespräche überhaupt weiter gehen können, steht in Frage, zumal eine Lösung sowieso so lange irreal bleibt, so lange die USA und Russland nicht auch über den UN-Sicherheitsrat zusammen arbeiten und die Rolle des Assad-Regimes geklärt wird.

Russland verlangt, dass auch die islamistischen Gruppen Jayish al-Islam und Ahrar al-Sham, die von Saudi-Arabien, Katar und Türkei unterstützt werden und Teil des so genannten Hohen Verhandlungskomitees (HNC) sind, als Terrororganisationen eingestuft werden. Beide Gruppen arbeiten bekanntermaßen eng mit dem al-Qaida-Ableger al-Nusra, auch im Raum Aleppo, zusammen.

Der russische Außenminister Lawrow hatte auch wieder einmal gefordert, die bewaffneten Gruppen nicht in gemäßigte und terroristische zu unterscheiden. Allerdings kooperiert Russland nicht nur mit den syrischen Kurden und den von ihr kontrollierten SDF, die ebenfalls von den USA unterstützt werden, aber von der Türkei und Saudi-Arabien als Terroristen bezeichnet werden, sondern auch mit den Assad-Truppen, zu denen auch Milizen aus dem Iran und der Hisbollah gehören.

Die Kämpfe um Aleppo sind jedenfalls wieder entflammt - und wie immer ist die Lage umstritten. Russische Medien berichten, "Terroristen" hätten einen Raketenangriff auf den Stadtteil Midan ausgeführt: "Die Raketen haben die Häuser neben dem Krankenhaus im Viertel Midan getroffen. Mehrere Gebäude sind eingestürzt. Es gibt Tote und Verletzte. Das Militär und die Volksmiliz erweisen Hilfe und bringen die Toten weg", berichtet Sputniknews. Das Stadtviertel, in dem vor allem christliche Araber und Armenier leben sollen, werde ebenso wie die Nachbarschaft mit einer kurdischen Bevölkerung praktisch täglich beschossen. Zuvor habe die syrische Luftwaffe in der Nähe des Krankenhauses Zahi-al-Azraq eine Stellung von "Terroristen" bombardiert und dabei 20 Kämpfer getötet.

Sputnik verweist zwar auf Ärzte ohne Grenzen, die berichtet haben, dass ein Krankenhaus durch einen Luftangriff zerstört und dabei 14 Personen, darunter Ärzte und Patienten, getötet worden seien, ohne zu sagen, ob der Luftangriff der syrischen Luftwaffe dieses Krankenhaus getroffen hat. Ärzte ohne Grenzen erklären, das von der Organisation unterstützte al-Quds-Krankenhaus mit 34 Betten sei durch mindestens einen Angriff bombardiert worden. Das Krankenhausgebäude sei "direkt" getroffen und zerstört worden, auch in der Nähe seien Ziele bombardiert worden.

Westliche Medien wie die New York Times sprechen von Luftangriffen der syrischen Luftwaffe, die das Krankenhaus in Aleppo zerstört hätten, worauf die "Rebellen" mit Raketenangriffen geantwortet hätten. Während Ärzte ohne Grenze von 14 Toten berichten, sind es für die NYT 27 Tote. Die NYT wiederum sagt, dass es 14 Tote durch Granatbeschuss der Rebellen in den von der Regierung kontrollierten Stadtvierteln gegeben habe. Die Tagesschau spricht von "mindestens 30 Toten" durch den Luftangriff auf das Krankenhaus in dem "von Rebellen gehaltenen Gebiet" im Stadtviertel Al-Sukari.

Igor Konaschenkow, der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, weist die Vorwürfe zurück. Russische Flugzeuge seien nicht über Aleppo unterwegs gewesen. Vielmehr sei ein Flugzeug der US-geführten Anti-IS-Koalition über Aleppo geflogen. Von welchem Land verriet er nicht. Die syrische Armee bestritt, dass sie das Krankenhaus in al-Sukari bombardiert hat, und verwies auf die "Terroristen", die Stadtviertel beschossen hätten. John Kirby, der Sprecher des US-Außenministeriums, beschuldigt die syrische Luftwaffe. Das alles ist eine Wiederholung der Konfliktlage vor der Sicherheitskonferenz in München, wo es auch um den Beschuss von MSF-Krankenhäuser ging.

In der letzten Woche seien mehrere medizinische Einrichtungen das Ziel von Angriffen geworden, wobei 5 Rettungskräfte getötet worden seien. Aus den Stadtteilen, die nicht von der Assad-Regierung kontrolliert werden, gebe es nur noch eine Straßenverbindung nach außen. Würde diese gekappt werden, seien diese Stadtteile eingeschlossen. 250.000 Menschen würden noch in Aleppo leben. Allerdings beschuldigen Ärzte ohne Grenzen niemanden direkt. Es scheint mal wieder darauf anzukommen, auf welcher Seite man steht, was sich schon daran zeigt, dass die einen pauschal von "Rebellen" sprechen, was auch Islamisten einschließt, und die anderen von Terroristen, was alle beinhaltet, die das Assad-Regime bekämpfen. (Florian Rötzer)

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