"Esoterisches Wasser wird zum Lifestyleprodukt"

"Keiner der Tischfilter ist empfehlenswert"

Es nehmen Angebote zu, die Wasserqualität im eigenen Haushalt zu verbessern. - Alles nur Humbug oder gibt es einen rationalen Kern?
Helge Bergmann: Für die Verbesserung der Qualität des Trinkwassers zuhause sind auf dem Wassermarkt vor allem zwei Möglichkeiten zu finden: eine weitergehende technische Aufbereitung oder eine esoterische Behandlung.
Die weitergehende technische Reinigung von normalem Leitungswasser ist in vielen Betrieben wegen besonderer Anforderungen gängige Praxis. Alle diese Techniken sind wissenschaftlich-technisch erprobt. Für den Haushalt wünscht man sich jedoch eine praktische und preiswerte Lösung. Dafür werden vor allem kleine Wasserfilter als Standgeräte angeboten. Sie verringern u.a. die Wasserhärte oder Schwermetalle im Trinkwasser. Ein Problem haben alle diese Geräte gleichermaßen: Die gewünschte Reinigungsfunktion lässt bald nach.
Das Umweltbundesamt in Berlin berichtete 2015, dass mindestens neunundneunzig Prozent der Trinkwasserproben die Anforderungen für die Qualitätsparametern eingehalten haben. Eine Notwendigkeit, Tischfilter in Haushalten flächendeckend einzusetzen, lässt sich daraus sicherlich nicht ableiten. Die Stiftung Warentest hat ebenfalls in 2015 eine Reihe solcher Tischfilter getestet. In ihrem Testbericht ist zu lesen, dass keiner der Tischfilter empfehlenswert ist.
Manche Firmen und Personen behaupten in ihrer Werbung, dass die Qualität unseres Trinkwassers aus der öffentlichen Versorgung nicht genügt. Als Gründe werden vor allem aufgeführt: "Das Trinkwasser macht krank" und "das Trinkwasser ist nicht mehr lebendig", "es ist energetisch tot". Dies wird propagiert, ohne dass dafür jemals ein Nachweis gebracht wird. Es soll Unsicherheit und Ängstlichkeit erzeugen.
Stellen Sie sich selbst einmal die Frage: Wie viele Personen kennen Sie, die nachweislich durch Trinkwasser krank geworden sind? Von wenigen lokalen Problemen abgesehen ist nicht bekannt, dass bei uns sachkundig aufbereitetes Trinkwasser die Gesundheit gefährdet. Alles andere sind Behauptungen mit dem Ziel, auf unseriöse Weise Geld zu verdienen. Eine esoterische Behandlung des Wassers bringt keine Verbesserung der Trinkwasserqualität, sie ist Humbug ohne realen Kern.

"Linksdrehendes Blut"

Warum gibt es überhaupt einen solchen Esoterik-Boom um das Wasser?
Helge Bergmann: Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum Einen ist die Werbung für esoterisches Wasser voller falscher Behauptungen über unser angeblich krankes Wasser, wie schon erwähnt. Die Verunsicherung führt dann bei vielen Menschen zum Wunsch nach einer Verbesserung des ganz normalen und einwandfreien Trinkwassers.
Weiterhin werden durch falsche und unsinnige Behauptungen Unsicherheit und Angst erzeugt mit dem Ziel, ein besseres Wasser trinken zu wollen. Zum Beispiel soll krankes Blut linksdrehend sein (was immer das ist), also wird empfohlen, dagegen rechtsdrehendes Wasser zu trinken.
Ein weiterer Punkt betrifft Angebote wie etwa Edelsteinwasser, Vollmondwasser, Grander-Wasser in einem Wellnesshotel. Solch ein Wasser ist wirkungslos, aber es wird beispielsweise suggeriert, es könnte ja vielleicht doch besser sein. Dieses Wunschdenken bedeutet, dass das Etikett wichtiger ist als der Inhalt. Esoterisches Wasser wird dann durch die Werbung zum Lifestyleprodukt. Ob es tatsächlich besser ist oder der Gesundheit dient, wird zur Nebensache.
Letztlich liegt der Esoterik-Boom für Wasser auf einer ähnlichen Linie wie der viel größere Trend zu anderen Esoterikprodukten, aber auch zu Nahrungsergänzungsmitteln und Wellnessprodukten. Geld spielt bei solchen Kaufentscheidungen wohl keine entscheidende Rolle, eher der Glaube daran.

"Der Umsatz wird im Jahr 2020 bei 35 Milliarden Euro liegen"

Wie viel Geld wird damit verdient?
Helge Bergmann: Mit Esoterik und Spiritualität insgesamt lässt sich offenbar viel Geld verdienen. Diese Ideen sind seit Jahren bundesweit auf dem Vormarsch. Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung etwa glaubt an Astrologie, Kartenlesen oder Wünschelruten. Selbst vor Hochschulen macht diese Entwicklung nicht Halt: "Esoterik sickert in unsere Hochschulwelt und wir müssen vehement laut Einhalt gebieten", sagte Professor Josef Pfeilschifter von der Universität Frankfurt am Main.
Es werden Alternativen zu unserer verbreiteten Lebensart gesucht. Es gibt Seminare und Ratgeber für Aura, Wünschelruten, Energieübertragung aller Art und noch viel mehr. Ausstellungen für Spiritualität und Esoterik locken Tausende von Besuchern an. Die Umsätze der Esoterikbranche in Deutschland wachsen dementsprechend: Im Jahr 2000 waren es 9 Milliarden Euro, 2010 bereits 20 Milliarden. Der Heidelberger Zukunftsforscher Eike Wenzel schätzte, dass der Umsatz im Jahr 2020 bei 35 Milliarden € liegen wird.
Das esoterische Wasser ist mit seinem vielfältigen Angebot mitten drin in dieser Entwicklung. Über den Anteil am Gesamtmarkt kenne ich keine Angaben, sondern nur einzelne Daten. So hatte ein früherer Mitarbeiter der Firma Grander vor einigen Jahren erwähnt, dass der Umsatz der Grandergeräte schon damals bei 10.000.000 € gelegen hatte. Robert Zach, der Hersteller des "eClypsi", bestätigte 2013, dass dieses simple Plastikstück ihm einen Umsatz von ebenfalls rund 10.000.000 € gebracht hatte. Das Erstaunliche dabei ist: Sowohl das Grander-Wasser wie der Plastik-eClypsi sind wirkungslos. Ich bin immer noch auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Käuferverhalten. (Reinhard Jellen)