"Essen ist einverleibtes Wissen"

Harald Lemke zur Philosophie der Ernährung. Teil 1

Bis auf wenige Ausnahmen haben die Philosophen eine Grundvoraussetzung ihres Denkens nicht mitreflektiert: die Ernährung. Sobald man diese mit auf die philosophische Rechnung setzt, entschlüsseln sich auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, meint Harald Lemke, der dazu ein Buch geschrieben hat.

Herr Lemke, Ihr neues Buch trägt den Untertitel "Philosophische Erkundungen". Warum ist Essen denn ein philosophisches Thema?
Harald Lemke: Warum sollte es kein philosophisches Thema sein? Wenn man sich die Philosophiegeschichte ansieht, haben sich die Philosophen über wirklich alle möglichen Dinge Gedanken gemacht. Es stellt sich doch eher die Frage, wie es sein kann, dass man sich Philosoph nennen darf, ohne über das Essen nachzudenken.
Was ist Philosophie und was ihre genuinen Themen? Üblicherweise wird zwischen theoretischer und praktischer Philosophie unterschieden. Die theoretische Philosophie versteht sich als das Streben nach der Wahrheit, nach Erkenntnis und Wissen. Und ich denke, Essen ist einverleibtes Wissen. In allem, was wir essen, steckt sehr viel Wissen. Wir essen Wissen und sogar Unwissen. Dieser Zusammenhang macht das Essen zu einem zutiefst philosophischen Erkenntnisbereich.
Darüber hinaus beschäftigt sich praktische Philosophie um das gute Leben und eine der alltäglichsten Lebensaktivitäten des Menschen ist nun mal das Essen. So ist der Schritt zum Nachdenken über gutes Essen eigentlich zwingend. Ihre Frage ist aber auch berechtigt und zeigt ein großes Dilemma auf, denn aus der Philosophie heraus zu fragen, welche philosophische Relevanz das Essen besitzt, sagt auch einiges über das jeweilige Philosophieren aus. Es zeigt sich, dass sich die Philosophie bislang einer zentralen Thematik ihrer selbst verweigert hat.
Geht es bei Aristoteles, Hegel, Schopenhauer wirklich nie auch um das Essen?
Harald Lemke: Die Beantwortung dieser Frage ist komplex, denn innerhalb des Kanons der philosophischen Meisterdenker vollzieht sich eine gegenläufige Bewegung. Es gibt einesteils von Platon bis Hegel eine Auseinandersetzung, die negativ verläuft. Bei Platon, Seneca und Augustin dreht sich viel um Essen, bei Kant vergleichsweise auch, Hegel drängt das Essen in seinem idealistischen System in den Kontext des Verdauungsprozesses ab, der aber bei ihm ein hochspekulativer Vorgang ist, weil durch den Stoffwechsel aus Materie tatsächlich menschlicher Geist wird und damit letztlich der Weltgeist samt Vernunft in die Welt kommt, was Hegel irgendwie erklären muss. Dieser rätselhafte und fundamentale Vorgang macht aber letztendlich nur eine Fußnote seines Systems aus.
Es gibt also (im großen Bogen betrachtet) eine negative und abwertende Beschäftigung mit dem Essen. In der Gegenwart feiert dieser platonische Kältestrom weiter seine Triumphe: Bei Habermas und Foucault beispielsweise kommt Essen überhaupt nicht vor. Ist es aber wirklich philosophischer, über Kommunikation nachzudenken oder über Sexualität zu reden? Dennoch gibt es auch einen kleinen Wärmestrom, der mit Epikur beginnt und über Rousseau, Marx, Nietzsche und Feuerbach verläuft. Das sind namhafte Philosophen, die sich der Thematik zuwenden. Doch selbst unter diesen gastrosophischen Vordenkern hat keiner das Essen zu einer eigenen philosophischen Theorie ausgearbeitet.
Laufen diese gegenläufigen Bewertungsströme entlang der Trennungslinien von idealistischer und materialistischer Philosophie?
Harald Lemke: Im Prinzip könnte man das so beschreiben. Ich nenne die eine Partei die Diätmoralisten und die andere die gastrosophischen Vordenker. Der Wechsel vom Idealismus zum Materialismus im frühen 19. Jahrhundert wird eingeläutet über Feuerbach und Feuerbach macht sich diesen Wechsel anhand des Essens klar: Der Mensch ist, was er isst. Der Mensch ist nicht nur ein Geistwesen. Philosophisch richtig beschrieben ist der Mensch nicht in erster Linie Geist, sondern ein essendes Wesen.
Was ihn aber nicht in die unmittelbare Nähe des Tieres rückt: Essen ist ein komplexer, kultureller Vorgang. Und wie bereits erwähnt: Essen heißt wissen. Essen ist sogar ein riesiges Wissensgebiet. Bis wir Menschen als instinktlose Tiere eine menschliche Diät entwickelt haben, brauchten es reichlich Geist - eben viel Wissen, um uns vernünftig zu ernähren, Mit dieser gastrosophischen Intelligenz hat sich der homo sapiens allmählich sein großes Gehirn angefuttert, wenn man so will. Unsere Esskultur, unser Essenwissen unterscheidet uns gerade von den Tieren. Im Medium des Essens kommt das Geistwesen Mensch zu sich. Deshalb: Bisher waren alle Philosophen nur Pseudo-Philosophen, einfach weil sie über ihr Essen nicht wirklich nachgedacht haben.
Und wie haben es sich die einzelnen Philosophen schmecken lassen? Welche wussten im Privatleben das Essen zu schätzen?
Harald Lemke: Gut, das ist ein Argument ad personam. Nietzsche sagt ja auch: "Ich gebe nur soviel auf einen Philosophen, wie er seine Theorie selbst vorlebt." Kant und Nietzsche sind hierbei die interessantesten Figuren, weil beide nicht nur in einem anekdotischen Sinne laut über ihre Ernährung nachgedacht haben. Ansonsten wissen wir wenig darüber. Was nur den Umstand bestätigt, dass die Philosophen bislang das Essen als philosophische Sache verdrängen.
Was sagt die jeweilige Essenskultur über den Zustand einer Gesellschaft aus?
Harald Lemke: Wenn man Essen nicht als eine Marginalie begreift, sondern sich klar macht, dass es sich dabei um eine der mächtigsten und allgemeinsten Angelegenheiten des menschlichen Lebens handelt, dann sagt es sehr sehr viel aus, etwa: Wir leben in einer BSE-Gesellschaft, also den systematischen Wahnsinn einer aufgeklärten, hoch technisierten Gesellschaft: Wir zwingen Wiederkäuer, ihre zerschredderten Artgenossen zu fressen, das ist sicher ein Sinnbild für die Produktionsabläufe und die Wirtschaftsweise in unserer Gesellschaft.
Kommentare lesen (38 Beiträge)
Anzeige