Essen ohne Kalorienaufnahme

Vor der Abschaffung der Körper: Sex ohne Reproduktion folgt jetzt zunehmend folgenloses Essen

Während man früher versucht hat, möglichst viele Kalorien beim Essen einzunehmen, hat sich diese Strategie in den Zeiten von homo sedens zu einem riskanten Verhalten verkehrt. Im Zuge der Industrialisierung, Motorisierung und Automatisierung verbringen die Menschen immer mehr Zeit sitzend, gleichzeitig gibt es immer kalorienhaltigere Lebensmittel. Die Folge ist bekannt, die Menschen werden fett, das Risiko für Erkrankungen steigt, die Zeit, die für anstrengende körperliche Aktivität aufgewendet wird, sinkt, weil sie durch Maschinen ersetzt wird.

Die Notwendigkeit, sich zu bewegen und schwere körperliche Arbeit zu leisten, muss zunehmend durch Sport und andere kompensative Tätigkeiten ersetzt werden. Das schreibt auch die herrschende Ideologie vor, im Rahmen derer permanent neue Normen entworfen werden, was und wie viel man essen und trinken soll, wie viel man sich bewegen und anstrengen muss, welche Arbeit für die Sorge um den eigenen Körper (und die Psyche) zu leisten ist, um gesund zu bleiben und möglichst lange zu leben.

Inzwischen hat sich der Trend zum "gesunden Leben", entstanden aus der Freisetzung von körperlicher Aktivität und durch mehr oder weniger gut begründetes medizinisches Wissen, zur Sucht in manchen sozialen Schichten entwickelt, ständig mit der Sorge um sich selbst beschäftigt zu sein und ein präventives Leben zu führen. Dürr zu sein, ist nicht unbedingt schön, aber ein für alle sichtbares Zeichen, richtig zu leben und sich kontrollieren zu können. Das Leben wird zur selbst verantworteten Fron, um sich mit allen möglichen Tricks und Verhaltensweisen gesund zu erhalten. Der Jungbrunnen, in den man sich legt und genießt, ist dem Teil der Arbeit gewichen, die aus dem Arbeitsleben für die meisten verschwunden ist. Die Freizeit wird in manchen Kreisen immer weniger Genuss, sondern zur Askese verklärt, während diejenigen, die sich gehen lassen, als unverantwortlich erscheinen.

Jetzt haben Wissenschaftler in diesem Sinne eine Möglichkeit vorgestellt, wie sich Reis, der relativ viele Kohlehydrate in Form von Stärke enthält, beim Kochen kalorienärmer herstellen lässt. Reis ist ein relativ günstiges (Grund-)Nahrungsmittel, das alleine oder als Beigabe durch Aufnahme von Kohlehydraten sättigt, jetzt wird es zu einem Bestandteil einer Mahlzeit, das durch die Menge ein Gefühl der Sättigung erzeugen, aber möglichst wenig Kalorien enthalten soll. Die Funktion des Essens hat sich mithin verkehrt. Wir haben noch einen Körper, der nach Kalorien dürstet und Mengen an Lebensmitteln verarbeiten will, aber wir müssen das "natürliche" Bedürfnis austricksen. So wird dem Körper Süßstoff angedient, um seine Lust an Zucker auszutricksen. Letztlich stört der biologische Körper mit seinen archaischen Bedürfnissen, die jetzt destruktiv werden.

Dr. Pushparajah Thavarajva von der Universität Sri Lanka hat damit experimentiert, dass die Lebensmittelzubereitung die Art der Stärke verändert, und eine Möglichkeit herausgefunden, die Kalorien um 50 Prozent zu senken. Seine Ergebnisse hat er auf der Konferenz über die Chemie der natürlichen Ressourcen der American Chemical Society vorgestellt. Man kocht den Reis wie gewöhnlich, fügt aber vor dem Reis ins kochende Wasser Kokosnussöl zu und kühlt den fertigen Reis dann 12 Stunden im Kühlschrank. Das Kokosnussöl soll die Bildung von Stärke beeinflussen, auch wenn man den Reis nach der Kühlung wieder erwärmt, soll er weniger Kalorien enthalten. Durch diesen eigentlich schon länger bekannten Prozess, dem man auch Kartoffeln, Mais, Getreide, Bohnen oder Erbsen unterziehen kann, enthält der fertige Reis weniger verdaubare und dafür einen höheren Anteil an resistenter, nicht wasserlöslicher Stärke, die nicht in Glukose umgewandelt werden kann. Wenn letztere durch Kochen und anschließende Abkühlung entsteht, nennt man sie retrogradierte Stärke. Allerdings sättigt eben kalorienarmer Reise auch weniger.

Die Wissenschaftler wollen mit weiteren Reis- und Ölarten experimentieren. Es könnte nämlich durchaus von der Reissorte abhängen, welche Ergebnisse herauskommen. In Zukunft könnte es vorgekochten, kalorienarmen Reis zu kaufen geben. Und Thavarajva hofft auch darauf, auf ähnliche Weise kalorienarmes Brot backen zu können. Gesundheit ist halt immer auch eine Geschäftsidee. Möglich wäre wohl auch, gentechnisch veränderten Reis herzustellen.

Monsanto hat beispielsweise die Kartoffelsorte Amflora entwickelt, die nur noch die pflanzliche Stärke Amylopektin enthält, die durch Kochen verdaubar wird und in von der Industrie zum Verdicken und Verbinden genutzt wird. Normale Kartoffeln enthalten etwa vier Fünftel Amylopektin und ein Fünftel Amylose. Eine Kartoffel, die kein leichter lösliches Amylopektin, sondern nur noch schwerer lösliches Amylose enthält, wäre damit eine ideale Kartoffel. Durch Erhitzung wird Amylose löslich und zähflüssig, geht aber bei schnellem Abkühlen in einen mikrokristallinen Zustand über und kann nicht mehr verdaut werden.

Das Ideal für den homo sedens wäre ein weitgehend kalorienfreies, aber sättigendes Essen. Also ähnlich wie die Sexualität, die von der Reproduktion befreit wurde. Letztlich wird der Körper, aus dem man noch nicht aussteigen kann, zum Pflegefall. Essen soll demgemäß möglichst wenig Folgen haben, ähnlich wie Sex mit der Antibabypille. Man isst noch, weil der Körper es wünscht, aber die Folgen der Nahrungszunahme werden ausgeschaltet, falls dies notwendig sein sollte. (Florian Rötzer)