Esso verkündet das "Öldorado 2003"

Laut Esso-Studie ist Kanada quasi über Nacht zum zweitreichsten Ölland der Erde geworden

Während europäische Ölmultis wie Shell und BP sich zunehmend offen für alternative Energien zeigen, halten amerikanische Ölmultis wie ExxonMobil am Erdöl fest. Kein Wunder also, wenn Esso, der europäische Ableger von ExxonMobil, der Menschheit weismachen will, dass wir 2003 plötzlich viel mehr Öl als im Vorjahr haben. Der Trick: Kanada hat aus "Ressourcen" "Reserven" gemacht. Eine genaue Untersuchung der Zahlen in der am 17.6.2003 veröffentlichten Studie "Öldorado" bringt jedoch Ungereimtheiten ans Licht. Eine bewusste Manipulation seitens der Firma - oder einfach ein Machwerk?

Schöne Aussichten verkündet Esso gleich auf dem Titelblatt der Studie: Kanadischer Ölsand mit einem Bagger im Hintergrund. Doch was dem unbedarften Leser als eine verseuchte Landschaft nach einer Katastrophe bisher unbekannten Ausmaßes vorkommen könnte, ist in Wirklichkeit eine Art Garzweiler, nur mit Ölsanden statt Kohle. Und davon hat Kanada reichlich viel.

Doch Ölsande sind keineswegs mit dem Erdöl am Persischen Golf zu verwechseln, denn während die Gewinnung jenes Erdöls wenige Dollar pro Barrel kostet, kann die Gewinnung von Öl aus Ölsand mehr kosten, als ein Barrel heute einbringt: 2002 brachte ein Barrel rund 25 US-Dollar im Schnitt ein, während ein Barrel aus Ölsand bis zu 40 US$ bei der Herstellung kostete. Die niedrigen Gewinnungskosten machen das Erdöl am Persischen Golf besonders attraktiv, denn die Gewinnung des Erdöls anderswo - zum Beispiel an der Küste Westafrikas - kann locker 10 US$ kosten, also das Fünffache; Erdöl aus der Nordsee ist im Schnitt sogar noch teuerer.

Kanada als neues OPEC-Mitglied?

Die plötzliche Aufnahme Kanadas in die obersten Ränge der ölreichsten Länder bezeichnete Jörg Schindler, ein Mitautor des sehr empfehlenswerten Buches Ölwechsel, schlicht als "Taschenspieltrick". Schindler, der Vorstand vom Global Challenges Network, wies darauf hin, dass bereits seit Ende der 60er Jahre der Ölsand in Kanada abgebaut und daraus Öl gewonnen werde. Bis vor kurzem galt jedoch dieser Prozess als zu teuer, um konkurrenzfähig zu sein. Deshalb galten diese Ölmengen als "Ressourcen" statt als "Reserven", denn letztere können gewinnbringend abgebaut werden, erstere jedoch nicht. Die Ölsande Kanadas bestehen zu 10-20% aus Öl; der Rest ist vor allem Sand und ein wenig Wasser. Die Ölgewinnung aus Ölsand ist deshalb vergleichsweise teuer und Energie-intensiv.

Sie ist aber vor allem Ressourcen-intensiv, denn man braucht Unmengen an Wasser, um das leichte Öl vom schweren Sand zu trennen. Werner Zittel, ein weiterer Mitautor von Ölwechsel und Physiker bei der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH in Bayern, betonte gegenüber Telepolis, dass ein Viertel des Süßwassers in Alberta/Kanada schon jetzt für den Abbau von Ölsanden verbraucht wird. Eine Steigerung der Produktion sei also nur begrenzt möglich und gehe zunehmend mit verheerenden Umweltschäden einher. Auf die Frage, ob der Abbau von Ölsanden mit Garzweiler vergleichbar sei (verwiesen sei auf das Bild auf der Titelseite der Esso-Studie), meinte Dr. Zittel lapidar: "mindestens".

Wie viel Öl allein in den Ölsanden Kanadas steckt, zeigen die neuen Statistiken, denn Kanada hat laut "Öldorado 2003" seine Ölreserven von 654 Millionen Tonnen Erdöl im Jahre 2001 auf 24.235 Millionen Tonnen im Jahre 2002 erhöht, und ist damit das zweit reichste Ölland der Erde nach Saudi-Arabien (35.409 Millionen Tonnen) und vor dem Irak an dritter Stelle (15.095 Millionen Tonnen).

Als hätte man die Ölmengen des Irak 1,67-fach neu entdeckt

Damit geht 2002 in die Geschichte als das Jahr ein, in dem die Ölreserven am meisten gestiegen sind. Es wurde jedoch kaum neues Öl gefunden, sondern bisher unwirtschaftliches Öl plötzlich für wirtschaftlich befunden. Theoretisch ist das möglich, denn die Förderungstechnik wird immer besser, und - zumindest wenn man Esso Glauben schenken darf - die steigenden Preise für Öl machen immer mehr "Ressourcen" wirtschaftlich. Kritiker würden darauf hinweisen, dass der Barrelpreis inflationsbereinigt keineswegs seit 1980 teurer geworden ist, aber lassen wir dieses Argument vorerst außen vor, um die Zahlen in der Esso-Studie näher zu betrachten.

Die Ölförderung ist von 3.585,6 Millionen Tonnen 2001 auf 3.552,4 Millionen Tonnen 2002 gesunken. Der Ölverbrauch stieg in derselben Zeit von 3.526,8 Millionen Tonnen auf 3.543,2 an und die Reserven wuchsen von 140.117 Millionen Tonnen auf 164.532.

Wie man sieht, ist der Anstieg der gesamten Reserven allein dem plötzlichen Anstieg in Kanada zuzuschreiben. Anders gesagt: Die Reserven sind sonst weltweit konstant geblieben, obwohl immer mehr verbraucht wird. Das ist zwar auch theoretisch denkbar, wenn zufällig genauso viel neu entdeckt (oder wirtschaftlich gemacht) worden ist, wie verbraucht wurde, doch wird bezweifelt, ob alle Länder und Ölfirmen mit offenen Karten spielen. Schließlich basiert die Sollfördermenge innerhalb der OPEC auf den geschätzten Reserven eines Landes, und Ölfirmen wie ExxonMobil hätten kein Interesse daran zu beweisen, dass das Öl ausgeht, denn die Investoren würden sonst abwandern. So jedenfalls manche Kritiker.

Bei diesen Argumenten kann man durchaus geteilter Meinung sein, doch das eigentlich Haarsträubende an diesen Zahlen ist, dass sie sich selbst widersprechen. Zum Beispiel sank die Menge des geförderten Öls zwischen 2001-2002 um 33,2 Millionen Tonnen (von 3.585,6 auf 3.552,4 Millionen Tonnen). Die Erklärung von Esso dazu wirft einige Fragen auf:

Gründe liegen im Wesentlichen in der schwachen Konjunktur in einigen Weltregionen sowie der anhaltenden Förderdisziplin der OPEC.

Was hat eine schwache Konjunktur mit der Fördermenge zu tun? Man würde eher erwarten, dass bei einer Konjunkturschwäche der Verbrauch - nicht unbedingt die Fördermenge, zumal die Förderkapazität im gleichen Zeitraum gestiegen ist - sinken würde, doch der ist um immerhin rund einen halben Prozentpunkt gestiegen. Und hat man nicht im Vorfeld des Angriffs auf den Irak davon gesprochen, dass Saudi-Arabien seine Produktion erhöht hat, wie die Washington Post im Dezember 2002 berichtete?

Saudi Arabia has quietly taken steps to protect or even increase its already dominant influence in the world oil market in the face of growing uncertainty about the effect of a war in Iraq on global energy supplies and prices, according to U.S. and Middle Eastern officials and experts. Saudi Arabia has reclaimed its position as the No. 1 foreign supplier of crude oil to the United States in recent months and offered to further increase sales in December, the Energy Department reported. To keep competitors from taking away customers, the Saudis have boosted production by an estimated 1 million barrels a day above the quota set by the Organization of the Petroleum Exporting Countries, according to a New York industry analyst.

Betont sei hier, dass Saudi-Arabien seine Sollmenge "quietly" - also heimlich - überschritt. Soviel zum Thema OPEC-Disziplin.

Schließlich geht aus den Esso-Zahlen hervor, dass 2002 rund 9,2 Millionen Tonnen Öl mehr gefördert als Verbrauch wurden. Das heißt, die Lagerbestände sind gewachsen. Doch liest man bei Esso:

Der Ölverbrauch in der Welt stieg um rund 16 Millionen Tonnen auf 3.543 Millionen Tonnen. In Verbindung mit dem Sinken der Förderung führte dies zu einem sichtbaren Abbau der weltweiten Lagervorräte.

Wo sind diese 9,2 Millionen geförderten und nicht verbrauchten Tonnen Öl denn hin? Das verrät uns Esso nicht. Gemeint ist wohl, dass der Ausbau der Vorräte gesunken ist. Angesichts solcher klaren Unstimmigkeiten ist Skepsis bei allen Aussagen von Esso angebracht.

Esso im Vergleich zu BP

Die Esso-Studie ist jedoch nicht nur anscheinend ein Widerspruch an sich, sondern wird ausgerechnet nicht von der neuesten BP-Studie Statistical Review 2003, die 7 Tage (!) vor Erscheinen der Esso-Studie veröffentlicht wurde, unterstützt. Haben die Kanadier auf das Erscheinen der BP-Studie gewartet, um Esso die exklusive Story zu ermöglichen?

Wie dem auch immer sei, BP listet Kanada mit rund 900 Millionen Tonnen Öl statt rund 25.000 Millionen. Interessant ist dort auch, dass die angegeben Ölreserven sich in verdächtig vielen Fällen gar nicht geändert haben. Dass der Irak nach wie vor 112,5 Milliarden Barrel haben soll, wundert vielleicht nicht, aber in keinem OPEC-Land gab es 2002 weniger Reserven. Im Gegenteil: In nur zwei OPEC-Ländern kam es überhaupt zu einer Veränderung, und zwar in Ecuador (von 2,1 auf 4,6 Milliarden Barrel, eine glatte Verdoppelung der Reserven) und Venezuela (von 77,7 auf 77,8 Milliarden Barrel). Das heißt, die Angaben haben sich zwischen 2001-2002 für sonst kein OPEC-Land überhaupt geändert: also nicht für den Iran, Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Gabun und Indonesien. Außerdem kam es 2002 in keinem einzigen afrikanischen Land zu einer Veränderung der Ölreserven, also nicht in Nigeria, Libyen, Angola oder Algerien, um nur einige der größten Ölproduzenten Afrikas zu nennen. Anscheinend schicken all diese Länder jedes Jahr den gleichen Brief an BP ab, in dem nur das Datum geändert wird.

Insgesamt dürften die für 2002 ermittelten Reserven laut BP bei der heutigen Verbrauchsrate noch rund 40,6 Jahre ausreichen. In der Vorjahresstudie von BP waren es 40,3 Jahre. Ob auch diese Zahlen manipuliert sind - von den Ländern, den Firme, oder beiden - kann Telepolis kaum ermitteln. Aber sie sind nicht gerade vertrauenerweckend.

Eines scheint auf jeden Fall klar: Das billige Öl wird zunehmend von sehr teuren Alternativen abgelöst, die nach und nach wirtschaftlich werden. Selbst wenn man den Zahlen von BP und Esso glaubt, bedeutet dies ein langsam, aber unaufhaltsam herannahendes Ende des billigen Öls. (Craig Morris)

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