Ethnische Kolonien

In vielen deutschen Großstädten haben sich Viertel mit hohem Migrantenanteil und separaten Strukturen herausgebildet, Begriffe wie Ghetto oder Parallelgesellschaft sind dafür ungeeignet

Parallelgesellschaft oder Ghetto, diese Begriffe haben sich eingebürgert, wenn die Rede ist von deutschen Stadtvierteln in denen vor allem türkisch- oder arabischstämmige Zuwanderer wohnen. Moscheen stellen ebenso, wie die ethnischen Cafés, wichtige soziale Orte, Zentren der Kommunikation und des Austausches dar. Anhand von Interviews die Rauf Ceylan in Moscheen, Cafés und Teestuben geführt hat, zeichnet der Autor nach, wie sich ein Viertel in den vergangenen Jahren verändert hat. Er fordert ein Anerkennen der dort gewachsenen Strukturen, Engagement der Mehrheitsgesellschaft und Zusammenarbeit, insbesondere mit den Moscheevereinen, um eine weitere Absonderung, Radikalisierungstendenzen und den Abstieg der Viertel zu verhindern.

Duisburg-Hochfeld, dieser einst reiche Stadtbezirk ist heute ein sozialer Brennpunkt mit einer hohen Zahl an Einwanderern. Von den 16.000 Einwohnern sind 40 Prozent Ausländer ohne deutschen Pass. Die Hälfte von ihnen stammt aus der Türkei. Auf der Hauptstraße sieht man viele türkische Geschäfte, in Cafés sitzen Männer bei grellem Neonlicht und spielen Karten. Ceylan wehrt sich dagegen, solche Stadtviertel als Ghetto zu bezeichnen. Denn diese "ethnischen Kolonien" seien nicht in sich geschlossen, es fehle der Zwangscharakter und nur rund ein Drittel der Bevölkerung seien Immigranten. Außerdem bestehen Kontakte zur Außenwelt, in ihren wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen sei die Ethnische Kolonie offen.

Ceylan beobachtete, wie sich die Viertel verändern. In den 70er und 80er Jahren seien die Cafes auch Orte politischer Diskussion und Polarisierung gewesen. Dieser Charakter sei verschwunden. Mit zunehmender Arbeitslosigkeit stellten die Cafes heute in erster Linie einen sozialen Schutzraum dar:

Wenn man mit den Menschen dort spricht - die sagen: Ja stimmt, ich sitze hier 15 Stunden, 20 Stunden. Aber ich bin arbeitslos, habe sozusagen kaum eine Perspektive. Bevor ich zuhause auf meine Frau und auf meine Kinder losgehe, sitze ich lieber hier und spiele Karten, hab meine Freunde hier und gehe nach Hause schlafen. Das heißt: Es sind sozusagen Strategien entwickelt worden, um vor bestimmten Problemen auszuweichen. Es ist ein chronisches Ausweichen.

Rauf Ceylan

Normalerweise sind die Männer unter sich, doch beobachtete Ceylan, dass seit einiger Zeit Frauen, meist türkische Bulgarinnen mit Dreimonatsvisum, dort unter prekären Verhältnissen arbeiten: „15 Stunden für 20 Euro, sie werden ausgebeutet.“ Der Autor thematisiert in seiner Studie auch Prostitution und - als Folge des verbreiteten Glücksspiels - Suchtverhalten - und in der Folge Verschuldung und illegale Beschaffungskriminalität.

Die Betroffenen nähmen aber keine professionelle Hilfe an, deutsche Sozialarbeiter bekommen keinen Zugang zu den Menschen, die Berührungsängste sind zu groß. Ein wichtiges Potential sieht Ceylan deshalb in den Moscheevereinen. Auch ihre Rolle hat sich in den letzten Jahren gewandelt von rein sakralen Einrichtungen hin zu multifunktionalen Zentren. Sie bieten Hausaufgabenhilfe und Sprachförderung und sind in der Jugendarbeit aktiv. Sie könnten zwischen Mehrheitsgesellschaft und Kolonie vermitteln. Daher plädiert der Sozialwissenschaftler dafür, die Vereine in den Integrationsprozeß einzubeziehen.

Größtes Hindernis sei aber, neben einer oft passiven oder islamfeindlichen Politik in Deutschland, die Schlüsselperson der Moschee selbst, der Vorbeter, der Imam. Damit integrative Maßnahmen im Stadtteil hiervon profitieren, muss der Iman die deutsche Sprache beherrschen. Noch werden die meisten von ihnen für einige Jahre aus der Türkei geschickt. Neben den Sprachschwierigkeiten haben sie auch sonst Probleme, sich hierzulande zurechtzufinden Rauf Ceylan plädiert dafür, muslimische Geistliche hierzulande auszubilden. In Hochfeld fand er einen solchen Iman, sozusagen einen Prototyp:

Das war ein Imam, der Sozialarbeiter war und zugleich auch Deutsch sprach. Der nicht nur eine gute Beziehung zu den Jugendlichen hatte, sondern auch im Stadtteil sehr engagiert ist, sprich: am runden Tisch auch an anderen Maßnahmen. Aber auch selbst Projekte leitete. Das sind sozusagen Prototypen. Im Grunde genommen bräuchten wir Imame, deren Sozialisation hier stattgefunden hat. Und Imame, die hier ausgebildet worden sind.

Rauf Ceylan

Das Fazit des Duisburger Wissenschaftlers fällt nach Abschluss der Studie ernüchternd aus: Überlässt man die ethnischen Kolonien weiter sich selbst, ohne gegenzusteuern, wächst der Nährboden für ethnisch kulturelle Konflikte und politisch extremistische Tendenzen. Da ethnische Kolonien aber keine statischen Gebilde und in sich geschlossen sind, sondern, wie die Studie zeigt, dynamisch und entwicklungsfähig, scheint eine positive Entwicklung möglich. Sie erfordert jedoch langen Atem und sollte insbesondere die Integrationschancen der Jugend zu verbessern mit systematischer Sprachförderung im Vorschulalter, Förderunterricht an den Schulen und Projekte der Straßensozialarbeit einschließen.

Also wir müssen davon ausgehen, dass diese Stadtteile sich nicht auflösen werden. Das zeigt die Erfahrung: In jedem pluralen Land bestehen ethnisch geprägte Wohnviertel, und ich glaube auch, dass wir auch in den nächsten 20, 30 Jahren über dieses Thema sprechen werden. Das heißt: Wir brauchen einen Perspektivenwechsel. Wir müssen viel stärker auf die Potentiale kucken, auf das Binnenleben.

Rauf Ceylan

Eine Einschätzung die Prof. Dr. Hartmut Häußermann Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität teilt, er bezeichnet gegenwärtige Politik gegenüber den Migranten als eine „Ad-hoc-Politik" ohne klare Analyse und eine eindeutige Haltung gegenüber der entstandenen Einwanderungssituation mit widersprüchlicher Politik und Signalen zwischen Integration und Ausgrenzung.

Es muss viel, viel mehr getan werden. Es ist ein Mythos, daß die Migranten sich nicht integrieren wollen. Überall, wo es das Angebot von Sprachkursen gibt, wird es auch wahrgenommen. Diese Leute sind zu schwach, um Brücken zu bauen. Das ist auch die Sache unserer Gesellschaft. Wenn Muslime dämonisiert werden, werden sie sich in der Diskriminierung noch mehr solidarisieren.

Hartmut Häußermann

Neben der Frage, wie ethnische Kolonie und Mehrheitsgesellschaft zusammenarbeiten können, geht Ceylan nur am Rande auf kulturellen Eigenarten der türkisch und arabisch geprägten Gruppen ein, welche die Ausgrenzung ihrerseits begünstigen. Er stellt die zugrundeliegenden Verhaltensnormen nicht in Frage, sieht die Männer vielmehr in einer doppelten Ausgrenzung: sprachlich, kulturell aus der Mehrheitsgesellschaft und als ökonomisch impotente Arbeitslose auch als Verlierer innerhalb des eigenen kulturellen Rollenverständnisses:

Diese Menschen ziehen sich immer mehr zurück, weil sie ja die Rolle des türkischen Vaters, des Familienernährers, nicht mehr erfüllen können. Und Cafés bieten - das ist paradox - auch zugleich eine Schutzfunktion für diese Leute. Das heißt: Sie sind dem Leistungsdruck ja nicht ausgesetzt, auch der sozialen Kontrolle. In Cafés ist man unter Leuten, also unter Gleichgesinnten, und ist sozusagen dem Druck nicht ausgesetzt.

Rauf Ceylan

Hier setzt die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek an, sie fordert, dass sich Migranten lösen vom Würgegriff tradierter Rollenmuster, die nur vermeintlich Geborgenheit schaffen, in Wirklichkeit aber die eigene Ausgrenzung und Chancenlosigkeit befördern und fortführen. Auch der türkische oder arabische Mann müsse sich befreien, da er innerhalb des Wertekanons genau wie die Frau keine wirkliche Chance auf Selbstbestimmung seines Lebens hat. Andererseits trägt er durch seine früh anerzogene Rolle als Wahrer der traditionellen paternalistischen Strukturen zu deren Erhalt bei:

In der Welt der traditionell lebenden Muslime steht nicht das Individuum, sondern das Kollektiv im Mittelpunkt. Der Einzelne ist ein Sozialwesen, das der muslimischen Gemeinschaft mit ihren speziellen Werten und Normen gehört. Eines der wichtigsten Prinzipien ist, dass die Älteren zu respektieren sind und ihnen widerspruchslos zu gehorchen ist. Diese Erziehung verhindert eine Persönlichkeitsentwicklung, die den Jungen echte Freiheit ermöglicht. ... Schon früh leben sie faktisch von den Mädchen und Frauen getrennt. Sie werden dazu erzogen, die Wächter der Ehre ihrer Schwestern und Mütter zu sein. Wenn sie versagen, bekommen sie das auch mit Schlägen zu spüren. Trotzdem stellt niemand das Gewaltmonopol des Vaters in Frage.

Necla Kelek

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Jahrzehntelang wurde von „Gastarbeitern“ gesprochen und damit unterstellt, der Aufenthalt von Migranten sei nur zeitlich befristet und damit Handlungsbedarf nicht nötig. Die Fehlentwicklungen in den ethnischen Kolonien, Verarmung, Bildungsmisere und Geschlechterdiskriminierung machen deutlich: Eine aktive Einwanderungspolitik ist notwendig, sei es unter Einbeziehung der ethnischen Strukturen, wie Ceylan vorschlägt, oder durch normative Vorgaben durch den Staat, um den Migranten und ihren Kindern durch Sprachkenntnisse und verbindliche Orientierungsmaßstäbe zu ermöglichen, endlich hier anzukommen.

Literatur:

Ethnische Kolonien, Rauf Ceylan, Vs Verlag 2006, 272 Seiten.

Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes, Necla Kelek, Kiepenheuer & Witsch 2006, 217 Seiten.

An den Rändern der Städte: Armut und Ausgrenzung, Hartmut Häußermann, Suhrkamp-Verlag 2004, 300 Seiten.

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