Etikettenschwindel

Der Axel-Springer-Verlag lässt "Sounds" wiederauferstehen

1982 war Sounds wahrscheinlich die einzige Musikzeitschrift, die die Bildzeitung nicht nur regelmäßig zitierte, sondern auch ausgiebig lobte. Vielleicht war es diese Tatsache, die den Axel-Springer-Verlag dazu bewegte, letzte Woche eine "Neuauflage" des Magazins auf den Markt zu bringen, die nun vierteljährlich erscheinen soll.

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Die historische Sounds hatte, grob unterteilt, vier unterschiendliche Phasen. Davon zu sprechen, dass das neue Magazin gar nichts mit dem alten zu tun hat, wäre deshalb nicht ganz richtig. Allerdings ähnelt das in Kooperation mit dem Rolling Stone herausgegebene neue Heft mehr jener Phase Mitte der 1970er, in der die Zeitschrift als eher langweilig galt, und nicht der, in welcher die Texte produziert wurden, für die der Name Sounds heute steht: 1979 bis 1983, als die Zeitschrift nicht nur journalistische und literarische, sondern auch kulturtheoretische Pionierleistungen vollbrachte.

1983 wurde Sounds an den Schweizer Verleger Jürg Marquard verkauft, der sie dem Namen nach mit dem konventionellen "Musikexpress" vereinigte, aber den Inhalten und Autoren so wenig Platz und Freiheit einräumte, dass die Kölner Spex der eigentliche Nachfolger wurde. Vor acht Jahren entfernte der Musikexpress das "Sounds" auch aus seinem Logo, so dass der Name seitdem für eine Neuauflage frei war.

Zielgruppe dieser Neuauflage, die Springer als "Wissensmagazin unter den Musikmagazinen" vermarkten will, sind laut Pressesprecher Dirk Meyer-Bosse "musik- und kulturinteressierte Leser ab 25, in erster Linie Männer", bei denen er ein "noch nicht genutztes Potenzial im Markt" sieht. Inwieweit dies trotz einer Fülle von Magazinen wie Rolling Stone, Eclipsed oder Good Times und eines stetigen Abflusses der Sammleraufmerksamkeit in Richtung Fachblogs und Wikipedia zutrifft, wird sich erweisen.

Die vorige Woche mit einer Startauflage von 50.000 an den Start gegangene, 6,90 Euro teure und 116 Seiten dicke Ausgabe heißt "Paint it black!". Sie soll sich damit beschäftigen, "wie die schwarze Musik den weißen Pop prägte". Was dabei herauskam, ist allerdings überwiegend vorhersehbares Promi-Gewäsch ohne jeglichen analytischen Gehalt, zum Beispiel von "Smudo". Der Ausblick auf das Thema der nächsten Ausgabe, "Rebellen der populären Musik", lässt ähnliches erwarten.

Stattdessen die alten Sounds-Autoren der frühen 1980er wieder in einem Heft zu versammeln, wäre zwar schwieriger gewesen, aber wahrscheinlich interessanter: Vielleicht weniger bei Georg Seeßlen, Diedrich Diederichsen oder Peter Glaser, die bis heute mehr oder weniger ohne Brüche dort weitermachten, wo sie beim Ende von Sounds standen - aber hätte beispielsweise Joachim Lottmann erklären können, warum sein im August 1982 angekündigtes Buch mit dem Titel "Port Stanley ist gefallen" immer noch nicht erschien?

Was würde "Kid P" Andreas Banaski über die cargokultartige Vereinnahmung der von ihm erfundenen Stilmittel (http://mitglied.lycos.de/RaFuchs/ndw/sounds/sounds18.htm) durch Ulf Poschardt und Konsorten sagen? Was Diedrich Diederichsens redaktioneller Gegenspieler Michael O. R. Kröher (später Mitarbeiter des Manager-Magazins) zu seinen weinerlichen RAF-Sympathieartikeln von damals? Was könnte die Monitor-Moderatorin Sonia Mikich, die seinerzeit viel über Frauenbands wie die Slits schrieb, 2008 musikalisch empfehlen? Und was wurde aus vielversprechenden Autoren wie Reinhard Kunert, die derart in der Versenkung verschwanden, dass sich kaum Spuren ergoogeln lassen.

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In der Blütezeit der Zeitschrift lobte Sounds – wie bereits eingangs erwähnt - die Bild-Zeitung. Das lag vor allem an Andreas Banaski und dessen Subversion durch Affirmation. Nachdem Diedrich Diederichsen den penetranten Leserbrief- und Fanzineschreiber (eine Art Foren und Blogs der frühen 1980er) in die Redaktion geholt hatte, stürzte "Kid P.", der vermeintliche Punk, erst einmal auch die neuen Idole vom Altar, räumte in einer ausgesprochen lesenswerten Städteserie derart mit der gehätschelten Neuen Deutschen Welle auf, dass ihm vielerorts Prügel angedroht wurden, und begegnete den Rock-Fachsimpelei-Phrasen mit einer unbefangenen Auseinandersetzung mit all jenem, was die Alternativkultur der 1970er mit quasi-religiösen Tabus belegt hatte: Neben der Bild-Zeitung waren das auch der Klatsch (von Banaski in einem Artikel über die "Royals" als edelste Waffe des kleinen Mannes gelobt), der Stil, die "großen Gefühle" und die kleinbürgerlichen Genüsse. Heute gibt es wahrscheinlich noch mehr und noch verhärtetere Tabus als zu Anfang der 1980er. Die neue Sounds taugt nicht dazu, sie vom Sockel zu stoßen. (Peter Mühlbauer)

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