zurück zum Artikel

Eugen W. Smith und Walter Benjamin

W. Eugene Smith und Aileen. Bild: Consuelo Kanaga / Brooklyn Museum. Walter Benjamin (1928). Bild: Akademie der Künste, Berlin - Walter Benjamin Archiv / Public Domain

Der letzte Held der Silberhalogenide

Die Bewunderung, die Walter Benjamin und seinen Schriften zu Teil wurde und wird, rührt auch vom Nimbus des Intellektuellen als unbeugsamen Essayisten und Schriftsteller her, unbeugsam, was seine Weigerung betraf, andere als literarische Arbeiten zu verrichten. Die Folge war nach dem Scheitern seiner universitären Karriere beziehungsweise Habilitation und den Verfolgungen und seinem Exil während der Nazi-Zeit eine permanente prekäre soziale Lage, hervorgerufen durch finanzielle Notlagen, weit entfernt von jedweden festen Einkommen.

War Walter Benjamin so mehr ein Opfer der sozialen und politischen Verhältnisse in den 1930er Jahren in Deutschland, so war Eugene W. Smith seit den 1950er Jahren eher ein Opfer seiner Hingabe an das Medium der Fotografie, seiner Profession. Ähnlich wie Benjamin litt Smith nach seiner Scheidung von den kommerziellen Bild-Agenturen unter prekären Verhältnissen und finanziellen Notlagen.

Teil 1: Eugen W. Smith und das Quecksilber von Minamata [1]

Wie sein französischer Kollege Willy Ronis kündigte Smith als Wegmarke seines fotografisch-künstlerischen Lebenswegs die Zusammenarbeit mit den etablierten Medien auf und lebte ein radikales Leben für seine fotografischen Projekte. Ein Engagement, das Smith bei seiner Arbeit über den Minamata-Umweltskandal in Japan 1972 schließlich mit dem Verlust seiner Gesundheit bezahlte, als er von Handlagern des für den Skandal verantwortlichen Unternehmens angegriffen und verletzt wurde.

Lassen wir die biografischen Stationen der beiden intellektuellen respektive handwerklichen (dies bezieht sich auf ihren Zugang zur Fotografie) Hungerleider kurz Revue passieren. Walter Benjamin scheiterte 1925 mit seiner Habilitation an der Frankfurter Universität, damit beginnt für den 33-Jährigen, der in einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus in Berlin aufwuchs, die Zeit der prekären Existenz als freiberuflicher Intellektueller. Als eine "demütigende und materiell verheerende Niederlage" beschreibt sein Biograf Jean-Michel Palmier diese Situation.

"Ich bin frei, aber leider im doppelten Sinne des Wortes: von Verpflichtungen und von Einkommen", schreibt Benjamin 1928 an einen Freund. In diesem Jahr erscheint auch sein Buch "Einbahnstraße" - ein hoffnungsloses Bild der Weimarer Republik. 1933 muss Benjamin vor den Nazis nach Paris flüchten und lebt dort in der Armut des Exils. 1940 nimmt er sich auf der Flucht vor der Gestapo an der französisch-spanischen Grenze das Leben.

Eugen W. Smith hatte sich während des Zweiten Weltkrieges als Frontberichterstatter einen Namen gemacht und war 1945 in Okinawa durch einen Granatsplitter schwer verwundet worden. Nach zwei Jahren Aufenthalt im Hospital und nach seiner Genesung arbeitete er von 1947 bis Mitte der 1950er Jahre an einer Reihe von Fotoreportagen für die Zeitschrift "Life", die ihn weiter bekannt machten, darunter die Serie "The Country Doctor" von 1948. Darin schilderte er den Arbeitsalltag eines Landarztes, es entstand eine einfühlsame fotodokumentarische Studie über Geburt, Unglücksfälle, Tod. Ähnlich eine Geschichte zwei Jahre später über eine schwarze Hebamme in North Carolina.

1949 ging Smith nach Großbritannien um für "Life" über die dortigen Parlaments-Wahlen zu berichten. Aus diesem Auftrag heraus entstanden auch die Fotografien über die Bergarbeitersiedlungen in Wales, darunter das Bild von den drei Bergleuten, die mit kohlegeschwärzten Gesichtern von der Schicht heimkamen, von Frauen, die in den Hinterhöfen ihrer Häuschen die Wäsche trockneten und von den Abraumhalden der Minen, die die Arbeiterhäuschen überragten.

Großbritannien wurde seit Kriegsende unter Premierminister Clement Attlee von einer Koalition unter Führung der Labour-Partei regiert, Schwerpunkte seiner Politik waren die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und der Ausbau der Sozialversicherungen. Smiths Sympathien lagen auf Seiten der Labor-Regierung und damit anders als die der Life-Redaktion, die in einem Editorial erklärte: "Wir hoffen, dass die Sozialisten verlieren; ihre Niederlage wäre eine gute Sache für Großbritannien und eine gute Sache für die USA."

Smith fotografierte Attlee in einem Augenblick, als dieser versunkenen den Wahlergebnissen lauschte. Smith sah einen Mann, der die Last von Millionen Menschen auf sich nahm, die Life-Redaktion hingegen sah einen Mann, der die "Ruinen seines Sieges" besichtigte.

Der Streit über die Möglichkeiten des Fotografen, die Kontrolle über seine Bilder zu behalten, setzte sich 1954 bei der Fotoreportage über das Lepracamp von Albert Schweitzer in Afrika fort und führte schließlich zum Bruch mit "Life". 1955 schloss sich Smith der von Robert Capa und Henry Cartier-Bresson mitgegründeten Fotoagentur "Magnum" an.

Zum Beispiel die Obsession, sich einem Gegenstand hinzugeben, bei Benjamin ist es die Stadtlandschaft von Berlin mit ihren zu entziffernden doppelgesichtigen Zeichen, wie sie Benjamin in Berliner Kindheit, Einbahnstraße oder dem Passagen-Werk schildert. Bei Smith die Hingabe an eine Stadt wie Pittsburgh (siehe Folge 3), die ihm fast das Rückgrat bricht. Und gemeinsam haben sie die Verachtung, "nach der Wurst zu springen" (Gerhard Gundermann), ihr Leben und ihr schöpferisches Dasein nach den Regeln des Kommerz zu leben und sich zu verkaufen.

Den Preis, den beide dafür zahlen, ist bekannt: Ein Leben in Armut. Heute sind die Verhältnissee ja schon andersherum: Obwohl man nach der Wurst springt, bleibt es prekär. Und schließlich gibt es noch die Achse der Fotografie, auf der sich Eugen W. Smith und Walter Benjamin treffen. Smith macht dies praktisch mit der Kamera in der Hand - manche bezeichnen ihn als den Märtyrer der modernen Fotografie. Benjamin macht dies theoretisch und schreibt 1931 seine "Kleine Geschichte der Fotografie" und darin Sätze, die sich kritisch zur Fotografie stellen: "Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die [Fotografie] nicht mehr heraus." Da haben wir also die beiden Märtyrer: Der Fotograf und der Intellektuelle.

Folgt: Das Desaster in Pittsburgh - Teil 3


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4178578

Links in diesem Artikel:
[1] https://heise.de/-4177316