Europa: Gas-Zufuhr wird knapper

Drohende Verknappung

Der Konflikt, den sich Spanien mit seinem bisher wichtigsten Gaslieferanten Algerien liefert, weil es sich auch in der Frage der Westsahara an die Seite des autokratischen Marokkos stellt, führt schon zu deutlich höheren Preisen für Spanien, da Algerien Spanien nicht mehr als bevorzugten Partner einstuft.

Seit der plötzlichen Entscheidung der sozialdemokratischen Regierung, sich dem Kurs des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump anzuschließen und faktisch die Souveränität Marokkos über die völkerrechtswidrig besetzte Westsahara anzuerkennen, hat Algerien den Gashahn schon teilweise zugedreht.

"Noch gibt es von offizieller Seite keine Bestätigung, doch es scheint klar zu sein, dass Algerien seine Gaslieferung an Spanien reduziert hat. Der Rückgang wurde ab dem 14. März 2022 verzeichnet", schreibt die Maghreb Post. (Sie titelt: "Spanien erhält 25 Prozent weniger algerisches Gas.")

Das Datum ist nicht willkürlich, denn an diesem Tag wurde der Brief bekannt, den der spanische Premierminister Pedro Sanchez an den autokratischen König Mohammed VI. gesendet hatte. Während man auch in Madrid Waffen an die Ukraine liefert, um die Souveränität dieses Landes zu verteidigen, opfert die ehemalige Kolonialmacht die Souveränität der Westsahara. Das hat die Schutzmacht Algerien verstört.

Sánchez strebt nun "gute" und "stabile" Beziehung zu Marokko an. "Heute beginnen wir eine neue Phase in unseren Beziehungen zu Marokko, die auf gegenseitigem Respekt, der Einhaltung von Vereinbarungen, dem Verzicht auf einseitige Aktionen sowie auf Transparenz und ständiger Kommunikation beruht", wurde aus Madrid zum neuen Schmusekurs mit Marokko erklärt.

Der neue Kurs ist einigermaßen erstaunlich, da Marokko Spanien mit der Einwanderungsfrage immer wieder erpresst hat und vermutlich sogar hinter einer massiven Pegasus-Spionage von Regierungsmitgliedern steht, bis hinauf zum Ministerpräsidenten Sánchez.

Da Algerien schon seit vergangenem November kein Gas mehr an Marokko liefert, weil das Nachbarland in Algerien die "wahre Konfliktpartei" in dem nach 30 Jahren wiederaufgeflammten Krieg in der Westsahara bezeichnet, hatte sich schon damals die Gasversorgung der Iberischen Halbinsel zugespitzt, weil die Maghreb-Europa-Pipeline seither kein Gas mehr liefert, damit Marokko daraus nicht abzapfen kann.

Zwar wurde die Kapazität der direkten Pipeline erhöht, sie wird aber wegen des Konflikts nicht genutzt. Demnächst könnte auch das Gas aus Algerien komplett abgestellt werden, da Spanien über die Maghreb-Europa-Pipeline nun den extremen Gasnotstand in Marokko lindern will, dem längst das Gas komplett ausgeht. Schon vor einem Monat wurde gemeldet, dass einige Gasvorräte "kaum mehr für einen Monat reichen werden".

Nun will Spanien über Marokko den Gasfluss umdrehen und seinerseits Marokko über die Maghreb-Europa-Pipeline beliefern. Algerien ist darüber empört. Das Land hat unmissverständlich klargestellt: Sollte auch nur ein Molekül algerischen Gases nach Marokko gelangen, dann dreht Algerien Spanien wegen Vertragsbruch den Gashahn komplett ab.

Das würde eine enorme Verknappung auf der Iberischen Halbinsel und eine weitere Verknappung für ganz Europa bedeuten. Wie die Spanier das kompensieren wollen, steht in den Sternen, da die Iberische Halbinsel ohnehin nur schlecht ans europäische Gasnetz angebunden ist. Unter anderem wurden die Verbindungen nicht verbessert, weil Spanien aus politischen Gründen die MidCat-Pipeline gestoppt hatte.

Zwar behilft sich Spanien derzeit verstärkt mit US-Fracking-Gas, die USA sind schon zum größten Lieferanten aufgestiegen. Doch die Nachfrage nach dem umweltschädlichen Gas steigt insgesamt mit der Zuspitzung in der Ukraine. Die Produktionskapazitäten der USA sind nicht unendlich; der bedeutendste Flaschenhals ist der Transport.

Die Zahl der Schiffe, mit denen das Flüssiggas geliefert wird, das alsbald auch in deutsche Häfen geliefert werden soll, ist eng begrenzt. Darüber kann eine Gas-Krise in Europa sicher nicht aufgefangen werden, auch wenn uns das derzeit so verkauft wird. (Ralf Streck)