II. Die Perspektive Europas

Für Europa gilt angesichts dieser Verschiebungen auch weiterhin, was liberale US-Kommentatoren bereits vor Trumps Amtsantritt feststellten: "Trump und Europa passen (und gehen) nicht zusammen. Und das wird anhaltende Konsequenzen haben."12 Europas Weg durch die Trump-Ära kann nur ein zweifacher sein: Größere Eigenständigkeit und Verantwortungsübernahme, aber keine Abnabelung von den USA. Widerstand gegen den Trumpismus, aber kein Vertrauensverlust in Amerika. Europa muss heute und in den kommenden Jahren mehr denn je zwischen der US-Regierung und der Nation, zwischen dem Präsidenten und dem Land, zwischen dem Trumpismus und dem amerikanischen Geist unterscheiden. Damit sind zwei parallele Politikstrategien umrissen, die in den kommenden Jahren untrennbar zusammenwirken werden müssen.

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Auf der einen Seite gilt für das Europa, das neben Trump koexistieren wird müssen, Angela Merkels Forderung nach größerer Eigenständigkeit und Selbstergreifung. Solange die Trump-Ära noch dauert - und von ihr massgeblich mit angestossen - scheint eines sicher: Europa muss sein Schicksal nun stärker selbst in die Hand nehmen. Wir Europäer müssen um unsere eigene Zukunft kämpfen.13 Oder in den Worten Merkels:

"Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen. Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei."14

In der Tat: Unter Trump und Brexit findet bis zu einem gewissen Grad eine Ablösung der anglo-amerikanischen Sphäre von Europa statt - was aber eher einen welthistorischen Unfall, ausgelöst vom Populismus, denn eine welthistorische Entwicklung darstellt. Diese Entwicklung bietet zwar mehr Gefahren als Chancen. Aber Merkel hat Recht, dass damit auch eine Chance auf Stärkung des europäischen Profils in der Gemeinschaft der Demokratien verbunden sein kann. Dem Trumpismus die Grenzen aufzuzeigen, indem Europa ganz konkret durch eigenes Beispiel einen nachhaltigeren, puralistischeren und friedvolleren Weg der "Einheit in Vielheit" aufzeigt, kann ein entscheidender Beitrag für die Überwindung der "Trumpisierung" internationaler Beziehungen sein.15

Die Maßnahmen, die dafür in Richtung einer dezidiert stärker zusammenwachsenden Europäischen Gemeinschaft zu setzen sind, sind seit langem bekannt: sie müssen nun praktisch verwirklicht werden.16 Dass Trump es nicht als zu peinlich befand, sogar diese - kritisch gegen ihn auch ad personam gerichteten - Worte Merkels als eigenen Erfolg zu verbuchen und über seinen Sprecher Sean Spicer ausrichten ließ, dies sei "großartig", denn "genau das hat der Präsident [von Europa] gefordert"17, tut dem im Blick auf die kommenden Jahre keinen Abbruch.

Die dazu begleitende Strategie hat Merkel ebenfalls bis zu einem gewissen Grad vorgegeben: Neben Trump bereits über Trump hinausschauen. Denn Trump wird die USA kaum dauerhaft in Beschlag nehmen können.18 Dass daneben auch symbolisch "starke Gesten" Europas wie der mittlerweile berühmte "Dauerhandshake" des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit Trump beim NATO-Gipfel im Ende Mai 2017 in Brüssel19 gehören, um Trump sowohl die Stirn zu bieten wie die Bindung der USA an Europa - und den fortgesetzten Wunsch Europas nach dieser Bindung - zu verdeutlichen, ist kein Nachteil, sondern kann Bestandteil eines konzertierten Umgangs mit dem US-Populisten sein. Dass auch die meisten US-Amerikaner trotz der wiederholten Lügen Trumps über angeblich unfaire Handelsmethoden und Autoverkäufe Deutschlands in den USA einsehen, dass die Europäer "Trump nicht schaden wollen, sondern Freunde der USA sind"20 unterstützt diese Strategie von innen.

Zugleich gilt es Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Der Ausblick auf eine stärker selbstbewusste Rolle Europas im atlantischen und globalen Umgang mit Trumps USA hat zwei Seiten, was in der - mitten in die jahrelange Europa-Depression hineinbrechenden - plötzlichen Eigenständigkeits-Euphorie auch von manchen europäischen Intellektuellen gern übersehen wird. Für Europa ist eine größere Eigenständigkeit wünschenswert; jedoch nicht ein Wegbrechen der anglo-amerikanischen Sphäre im Sinn ihrer Herauslösung aus der bisherigen atlantischen Gemeinschaft. Das würde Europa zweifellos nicht guttun - und die Tür für noch stärkere illiberale Einflußnahmen öffnen.

Merkels Erklärung zur Notwendigkeit, "das Schicksal stärker in die eigene Hand zu nehmen", ist also, wie jede große weltpolitische Richtungsaussage, ein zweischneidiges Schwert. Es wird zu sehen sein, mit welcher Sorgsamkeit und Umsicht das Thema in den kommenden Jahren gehandhabt werden kann.

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Das führt uns zum zweiten Teil dessen, was nötig ist. Eines scheint für alles Weitere zentral, ja unverzichtbar: Das unbeirrte Festhalten Europas an der atlantischen Gemeinschaft - trotz Trump. Die Weiterführung der gemeinsamen Agenda in Teilbereichen möglicherweise auch gegen Trump soll und wird Europas "Schicksal" auch weiterhin im Kern mitbestimmen. Zumindest dann, wenn Europas und Amerikas Wohlstand und Werte gemeinsam erhalten werden und in der weiteren Entwicklung eine Rolle spielen sollen.

Das setzt unter anderem voraus, dass Europa, und mit ihm Deutschland, das Vertrauen in die USA ausdrücklich nicht verliert. Trump ist nur ein Präsident; er ist nicht Amerika. Trumps kommen und gehen; Amerika bleibt. Dass das Vertrauen der Deutschen in den US-Partner im Juni 2017 auf einen Tiefpunkt sank, ist kein gutes Zeichen.21 Aber es ist auch nicht der Abend aller Tage.

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