Europa vor dem Auseinanderfallen?

Globalisierung, Digitalisierung und Automatisierung bewirken in den Industrieländern eine Spaltung der Gesellschaften

Die freien Gesellschaften des Westens befinden sich in einem gewaltigen Erosionsprozess - ökonomisch, medial und politisch. Ihre Werte von Freiheit, Gleichheit und allgemeiner Menschenwürde drohen Stück für Stück hinweg geschwemmt zu werden, und die etablierten Politiker starren rat- und hilflos auf das epochale Geschehen. Der Sieg des Populisten Donald Trump im Mutterland der freien Welt hat gezeigt, wie weit der Erosionsprozess schon fortgeschritten ist.

In der Wirtschaft sind drei fundamentale Kräfte am Wirken, die die freien Gesellschaften spalten und Gewinner und Verlierer produzieren: Globalisierung, Digitalisierung und Automatisierung. Während viele Schwellenländer von ihrer Integration in die Weltwirtschaft enorm profitiert haben, bewirken diese drei Kräfte in den Industrieländern eine vertikale Spaltung der Gesellschaften.

Globalisierung, Digitalisierung und Automatisierung zerteilen die Arbeitswelt in den Industrieländern in drei sehr unterschiedliche Gruppen: An der Spitze steht eine Elite aus gut ausgebildeten Menschen mit ökonomischen und technischen Spezialkenntnissen. Ihre Arbeit erhält kontinentale oder globale Reichweite und wird entsprechend gut bezahlt.

Am unteren Ende stehen Arbeitskräfte, die Dienstleistungen direkt am Menschen erbringen wie Friseure, Pfleger oder Köche. Deren Jobs können weder verlagert noch automatisiert werden - nach dem Motto: "Niemand fliegt nach Hongkong, um sich die Haare schneiden zu lassen." Diese Dienstleistungen werden vor Ort bleiben, sind aber regelmäßig schlecht bezahlt.

Fällt die Bilanz der globalen Modernisierung für diese beiden Gruppen schon extrem unterschiedlich aus, so ist sie für eine dritte Gruppe schlicht verheerend: Die Jobs von ungelernten Arbeitskräften werden entweder in Schwellenländer verlagert oder durch Maschinen und künftig vielleicht Roboter ersetzt.

Diese dritte Gruppe ist bislang verhältnismäßig klein. Sie kann aber in den kommenden Jahren viel größer werden, etwa wenn Funkchips in Einzelhandelsläden massenhaft zum Einsatz kommen und dadurch auch besser geschulte Verkaufskräfte ihre Arbeitsplätze verlieren. Oder Bus- und Taxifahrer oder Lokführer durch das automatisierte Fahren überflüssig werden.

Ihre politische Sprengkraft entwickeln diese Umwälzungen durch die Ängste, die in der breiten Mittelschicht vor einem wirtschaftlichen Abstieg entstehen. Obwohl gut ausgebildete Facharbeiter von der Modernisierung bisher gar nicht bedroht sind, fürchten sie bereits, in der Gruppe der Abgehängten und Modernisierungsverlierer zu landen.

Sollte etwa die deutsche Autoindustrie den Sprung in die E-Mobilität verpassen und die bisherige Vorzeigebranche rasch ausbluten, würde der Industriestandort ins Mark getroffen. Statt einer lokal begrenzten Strukturkrise wie in den 1970 und 80er Jahren mit dem Niedergang der Schwerindustrie im Ruhrgebiet gäbe es dann eine umfassende Strukturkrise in gleich drei Bundesländern mit großen Autostandorten - Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die politischen Folgen wären kaum auszudenken.

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