Europa vor dem Frexit?

Légèreté, romantisme et joie de vivre. Bild: Jean-Honoré Fragonard, Le collin-maillard /gemeinfrei

Parbleu, mon Dieu - ein Streifzug durch die europäische Aufgeregtheit anlässlich der heutigen Wahlen in Frankreich

"Après nous le déluge"

Madame de Pompadour

Der Bauch sagt: "Alles geht gut", aber der Kopf sagt "Vorsicht!". Denken wir daran, dass die Demoskopen sich zuletzt immer geirrt haben, ob beim "Brexit", bei Trump oder auch bei Wilders; vergessen wir nicht, dass die Menschen in Umfragen neuerdings lügen. Vor allem jene, die für Extremisten, Demagogen und Populisten stimmen, für "die Bösen", von denen die Ressentimentgeladenen in ihrem Windschatten genau wissen, dass es geschmacklos ist, für sie zu stimmen. Erkennen wir, dass die vier favorisierten Kandidaten nur wenige Prozentpunkte - irgendwo zwischen 19 und 24 Prozent - auseinanderliegen.

Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffinirtesten Cultur Europa’s und die hohe Schule des Geschmacks: aber man muss dies 'Frankreich des Geschmacks' zu finden wissen. Wer zu ihm gehört, hält sich gut verborgen: - es mag eine kleine Zahl sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, welche nicht auf den kräftigsten Beinen stehn, zum Theil Fatalisten, Verdüsterte, Kranke, zum Theil Verzärtelte und Verkünstelte, solche, welche den Ehrgeiz haben, sich zu verbergen. Etwas ist Allen gemein: sie halten sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit und dem lärmenden Maulwerk des demokratischen bourgeois. In der That wälzt sich heut im Vordergrunde ein verdummtes und vergröbertes Frankreich, - es hat neuerdings ... eine wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen gemeinsam: ein guter Wille, sich der geistigen Germanisirung zu erwehren - und ein noch besseres Unvermögen dazu!

Friedrich Nietzsche

Wenn im Vorfeld der heutigen Wahlen Aufgeregtheit und Angst zu dominieren scheinen, so ist das mediengemacht, nicht real. Der Rest sind Reflexe der Intellektuellen, vor allem der Deutschen.

Mit der französischen Wahrnehmung hat das nichts zu tun. Das zeigen die Ausgaben von Le Monde und Libération vor den Wahlen. Die Liberation wartet auf den Montag, wenn drei der fünf "großen" Kandidaten ihr Ausscheiden erklären. Eine Zerschlagung könne den Sozialisten drohen, deren glückloser Kandidat Hamon heute vermutlich abgeschlagen auf Platz 5 landet - während die potentiellen Wähler der PS, die "Generation Mitterand" und ihre Kinder sich zwischen Macron und Mélenchon aufsplittern, und die Arbeiterschaft zu Hause bleibt oder die FN wählt.

Le Monde berichtet von jungen linken Franzosen, die auf einen Sieg der FN hoffen, "weil man dann etwas hat, gegen das man kämpfen kann". Sie sollten sich mal mit jungen Türken unterhalten. Sie behaupten Quatsch wie "Wir leben längst im Totalitarismus". Die FN sei das, was Frankreich verdient habe.

Die Skeptiker vom britischen Economist fürchten sich vor einer "gefährlichen Wahl", halten sich aber mit Prognosen vollkommen zurück, und auch der Guardian weiß wenig mehr, als dass "links und rechts nicht länger existieren".

Il faut etre absolument moderne.

Rimbaud

Wenn man dagegen sieht, was die Deutschen so alles raunen, wenn man nur mal guckt, wen die alte, zum fünften Mal geliftete Tante ZEIT da versammelt hat, um ("eine Schicksalswahl") unter der Boulevard-Pöbel-Schlagzeile "Europa vor dem Aus?" ihren Senf zu den Frankreich-Wahlen zu verbreiten!

20 sogenannte Intellektuelle, im Durchschnitt 62 Jahre alt, reden über die Zukunft. Was sind das nur für Leute? Von der Hälfte - Frank Schätzing!, Anne Weber!! - liest man schon aus Prinzip nichts, von anderen wie Walser seit Jahren nichts mehr, einfach aus der Erfahrung, dass es einem nachher nur flauer im Magen ist als zuvor. Die gute Handvoll, die übrig bleibt, wird von der schlechten Gesellschaft kontaminiert. Lose, überflüssige Gedanken zumeist oder immerhin sympathische Befindlichkeiten wie Michael Krügers Anmerkung, dass ihm Pascal Bruckner einfach auf die Nerven gehe.

Der Soziologe Wolfgang Streeck beneidet Frankreich verständlicherweise um die Offenheit und "Rücksichtslosigkeit" seiner Debatten, um das Fehlen der Politischen Correctness: "Es gibt für die französischen Fragen hier keine legitime Öffentlichkeit, nicht in der Literatur, nicht in den Sozialwissenschaften, nicht in den Medien, nicht im Bundestag (da schon gar nicht; da geht es um die ewig unveränderlichen 'westlichen Werte')."

Er beneidet und bewundert die Franzosen auch um ihr laisser faire, um ihr Talent, sich "gegen die strukturreformerische Wegrationalisierung ihres vie facile" genau dieses zu bewahren. Um jene Fähigkeit eines ganzen Landes zu passivem Widerstand, die man sonst nur noch in Spanien und Italien beobachten kann.

Und natürlich ist auch Habermas zur Stelle, der von der ZEIT Fragen gestellt bekommt, deren fast jede das totgeredete Wort von der Krise enthält. Habermas sieht immerhin "Anzeichen für einen willkommenen Klärungsprozess". Was er sagt könnte er auch über Deutschland sagen:

Wer sich über den Parteien wähnt, ist nicht unpolitisch, sondern gefährlich. ... Die kompromissunfähig gewordenen Traditionslager, die sich gegenseitig blockieren, sind offensichtlich nicht in der Lage, die politische Willensbildung der Bevölkerung anhand der eigentlich relevanten Fragestellungen zu polarisieren.

Die Unfähigkeit der nationalen Regierungen, in Brüssel zu kooperieren, hat den rechten Populismus erst auf den Plan gerufen. Ein drastisches Beispiel ist die unter Regie der deutschen Bundesregierung durchgesetzte Krisenpolitik, die die immer noch weiterschwelende Finanzkrise nicht gelöst, aber das Auseinanderdriften der nationalen Ökonomien in Nord und Süd beschleunigt und Europa tief gespalten hat.

Jürgen Habermas

Wie wenig die Deutschen von den Franzosen verstehen, demonstriert gleich zweifach Peter Sloterdijk, der sich nicht scheut, Sätze zu formulieren wie "Die politischen Klassen Frankreichs denken und agieren an der Realität vorbei. Das Land lebt mental immer noch in den Szenarien des 19. Jahrhunderts" und "Eine gaullistische Verfassung in einer europäischen Nation des 21. Jahrhunderts ist ein Anachronismus."

Davon einmal abgesehen, dass er einige Zeilen davor noch den Deutschen ihre Traditionsvergessenheit vorgehalten hatte … Wenn schon Sloterdijk, dann bitte in der NZZ. Dort wie zeitgleich in Le Monde war am Samstag ein Interview mit ihm zu lesen. Und dies war zumindest für die Erinnerung gut, warum ein Sieg Macrons in zwei Wochen zum Turnaround eines ganzen Jahrzehnts werden kann:

Daher ist die Kandidatur von Emmanuel Macron so lebhaft zu begrüßen, weil er, soweit ich sehe, der Einzige ist, der ein aktives und positives Europa-Konzept mitbringt. Er kann seine Mitbürger glaubhaft daran erinnern, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben. Wenn man ihn hört, versteht man erst wieder, warum Frankreich einst Europas erste Liebe war. Von hier kamen die Toleranz, die Aufklärung, die Menschenrechte, die hohe Kultur - ihretwegen wurde Frankreich die Leuchtturm-Nation unter den europäischen Völkern. Will man denn ausgerechnet jetzt die Lichter löschen?

Peter Sloterdijk

Es ist dennoch dreierlei, was auch heute noch die Franzosen mit Stolz als ihr Erb und Eigen und als unverlornes Merkmal einer alten Cultur-Überlegenheit über Europa aufweisen können, trotz aller freiwilligen oder unfreiwilligen Germanisirung und Verpöbelung des Geschmacks: einmal die Fähigkeit zu artistischen Leidenschaften, zu Hingebungen an die "Form", für welche das Wort l’art pour l’art, neben tausend anderen, erfunden ist... Das Zweite, worauf die Franzosen eine Überlegenheit über Europa begründen können, ist ihre alte vielfache moralistische Cultur, welche macht, dass man im Durchschnitt selbst bei kleinen romanciers der Zeitungen und zufälligen boulevardiers de Paris eine psychologische Reizbarkeit und Neugierde findet, von der man zum Beispiel in Deutschland keinen Begriff (geschweige denn die Sache!) hat. ...

Es gibt noch einen dritten Anspruch auf Überlegenheit: im Wesen der Franzosen ist eine halbwegs gelungene Synthesis des Nordens und Südens gegeben, welche sie viele Dinge begreifen macht und andre Dinge thun heisst, die ein Engländer nie begreifen wird; ihr dem Süden periodisch zugewandtes und abgewandtes Temperament, in dem von Zeit zu Zeit das provençalische und ligurische Blut überschäumt, bewahrt sie vor dem schauerlichen nordischen Grau in Grau und der sonnenlosen Begriffs-Gespensterei und Blutarmuth, - unsrer deutschen Krankheit des Geschmacks, gegen deren Übermaass man sich augenblicklich mit grosser Entschlossenheit Blut und Eisen, will sagen: die "grosse Politik" verordnet hat (gemäss einer gefährlichen Heilkunst, welche mich warten und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt -).

Auch jetzt noch giebt es in Frankreich ein Vorverständniss und ein Entgegenkommen für jene seltneren und selten befriedigten Menschen, welche zu umfänglich sind, um in irgend einer Vaterländerei ihr Genüge zu finden und im Norden den Süden, im Süden den Norden zu lieben wissen, - für die geborenen Mittelländler, die "guten Europäer". - Für sie hat Bizet Musik gemacht, dieses letzte Genie, welches eine neue Schönheit und Verführung gesehn, - der ein Stück Süden der Musik entdeckt hat.

Friedrich Nietzsche

"Im ersten Wahlgang stimmt man für den, den man mag, im zweiten Wahlgang wählt man den Präsidenten" - so lautet eine der relativ ehernen Regeln der V. Republik. Aber gilt das noch? Die zwei letzten Präsidenten der jeweils großen Parteien waren für ihre Wähler große Enttäuschungen.

Entscheidend könnte für den heutigen Wahlausgang die Frage sein, ob eine klare Mehrheit der Wähler das System noch will oder nicht inzwischen eine andere Republik. Die wird von zwei bis drei der Kandidaten versprochen. Eindeutig für die Fortsetzung der V. Republik steht allein Fillon.

Er wäre wohl heute der Favorit, hätte er sich nicht durch seine private Affaire um die mutmaßliche Scheinbeschäftigung von Familienangehörigen desavouiert. Das passt nicht zu Fillons Image eines langweiligen, aber moralisch integren konservativen Saubermanns. Wobei das eigentliche Problem für die meisten Wähler wohl gar nicht die inhaltliche Frage ist - wer bei einem solchen Job nichts für Familie und Freunde tun würde, wäre ja wohl auch charakterlich fragwürdig - als die Art, wie unprofessionell Fillon mit der Affaire umging.

Kompetenz ist schließlich wichtiger als Wahrhaftigkeit, das geben auch 70 Prozent der französischen Wähler in Umfragen an. Starrsinn, Schweigen und Schuldzuweisungen lassen ihn nicht nur schlecht aussehen - sie wirken unpräsidentiell. Und um Absolution zu erhalten, muss man gerade in einem katholischen Land zuvor erst einmal beichten.

Trotzdem sei noch einmal daran erinnert: Ohne die Affaire läge Fillon wohl vorn. Daraus folgt dreierlei: Viele Franzosen stehen rechts von der Mitte. Viele Franzosen wollen keineswegs einen radikalen Umbau und Bruch mit einer Republik, die ihnen einen historisch unvergleichlichen Wohlstand und Stabilität beschert hat, und die von einer Elite aus Berufspolitikern regiert wird.

Und viele Franzosen sind gegen demagogische Extremismen. Mit jenen mag man flirten, ihnen auf der Straße oder in der Talkshow applaudieren, aber man wählt sie nicht.

Anzeige