Europa wird vom Atheismus bedroht

Das Turiner Grabtuch, Fotografie des Gesichts, Positiv links, rechts Negativ. Bild: Dianelos Georgoudis/CC-BY-SA-3.0

Papst Franziskus fordert bei einem Treffen mit Rabbinern Juden und Christen auf, den "Sinn für Religion" lebendig zu halten - und kündigt Besuch des Grabtuchs in Turin an

Angesichts der Flüchtlingskatastrophe hatte Franziskus am Sonntag beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz eine "schnelle und entschiedene" Reaktion der internationalen Gemeinschaft gefordert. Die ertrunkenen Flüchtlinge seien "Hungrige, Verfolgte, Verletzte, Ausgebeutete und Kriegsopfer auf der Suche nach einem besseren Leben und nach Glück", es seien "Männer und Frauen wie wir". Einen Tag zuvor hatte er beim ersten offiziellen Besuch des neuen italienischen Präsidenten Sergio Mattarella darauf hingewiesen, dass Italien mehr Unterstützung bei der Aufnahme der Flüchtline benötige und allgemein eine "konkrete Solidarität" notwendig sei. Er forderte einen größeren Einsatz Europas und der Welt für die Flüchtlinge.

In einer kurzen Rede zu dieser Gelegenheit bekannte sich Franziskus zur Trennung von Staat und Kirche, wünschte sich aber ein gutes Verhältnis. Ein Treffen mit einem Politiker scheint sich hier schon sehr von einem solchen mit anderen Geistlichen zu unterscheiden. Am Montag empfing Franziskus im Vatikan europäische Rabbiner. Dabei verurteilte er mit Blick auf die Anschläge in Paris und Kopenhagen gegen Juden "jede Form von Antisemitismus" und forderte dazu auf, "dem hebräischen Volk seine Solidarität zu zeigen". Mit Hinweis auf die Befreiung des KZs Auschwitz vor 70 Jahren und die Shoa müssten auch jetzt, "überall Hass- und Gewalttaten gegen Christen und Angehörige anderer Religionen verurteilt werden".

Offenbar sieht Franziskus nicht nur Hass und Gewalt gegen Anhänger von Religionen, sondern in Europa die Religion selbst bedroht. Anders als die Rechtspopulisten warnt er aber nicht vor dem Untergang des Abendlandes durch eine angebliche Islamisierung, die europäischen Gesellschaften seien vielmehr zunehmend durch den "Säkularismus" und der "Drohung des Atheismus" bedroht, also durch eine Abkehr vom Glauben oder, was es auch bedeuten könnte, durch einen weiteren Fortschritt der Aufklärung. Mehr denn je sei es wichtig, die "geistige und religiöse Dimension des menschlichen Lebens herauszustellen".

Wir würden riskieren, ein Leben zu führen, "als ob Gott nicht existiert" - und dann auch die Kirche mit ihren Institutionen keine Bedeutung und Macht mehr hat. Franziskus meint, Juden und Christen hätten hingegen "die Gabe und Verantwortung, dazu beizutragen, den Sinn für Religion bei den Menschen und in der Gesellschaft lebendig zu erhalten, indem sie die Heiligkeit Gottes und des menschlichen Lebens bezeugen: Gott ist heilig, und heilig und unantastbar ist das Leben, das er schenkt."

Letztlich bedeutet dies den Aufruf zur Missionierung, aber auch ein Kratzen an der Trennung von Staat und Kirche, wenn es um die Unantastbarkeit des Lebens etwa bei der "Sünde der Abtreibung" geht. Zwar ist verständlich, dass die Anwesenden sich gegenseitig ihrer Verbundenheit versichern, aber auffällig ist in diesen Zeiten dennoch, dass Franziskus nicht Muslime nennt, die mit Christen und Juden den "Sinn für Religion" erhalten sollen. Die Bedrohung, die von Atheisten ausgeht, soll "oft in der Versuchung" liegen, "sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen, sich selbst als das Maß aller Dinge zu verstehen, sie zu kontrollieren und alles nach dem eigenen Willen zu gebrauchen". Könnte da nicht die Verwechslung vorliegen, dass sich eigentlich die Kirche an die Stelle Gottes gesetzt hat, wenn der Papst etwa in Glaubensfragen als unfehlbar gilt.

Der Präsident der europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, der Oberrabbiner von Moskau, beschwor die Gefahr durch den islamischen Radikalismus, möglicherweise war das der Grund der Zurückhaltung von Franziskus: "Zwei Züge rasen immer schneller aufeinander zu, und auf dem Gleis stehen wir, die Juden, und wissen nicht, welcher Zug uns zuerst zerschmettert." Der eine Zug seien die Anschläge von Islamisten auf Juden, der andere die Reaktion des säkularen Europas darauf: "Statt die Radikalen zu bekämpfen, reagierte das alte Europa mit einer Attacke auf den Islam" - mit Verboten des Minarett, des Kopftuches und der Beschneidung. Dabei könnten die Juden mit ihrem Glauben zum "Kollateralschaden" der antimuslimischen Offensive werden.

Da Goldschmidt ein russischer Rabbiner ist, sieht er auch den Ukraine-Konflikt in einem anderen Licht. Dadurch wären viele geflohen, Sanktionen und Gegensanktionen hätten der Ukraine und Russland wirtschaftlich geschadet. Und es gebe die Gefahr einer neuen Mauer zwischen West und Ost: "Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass der Osten der Verteidiger traditioneller religiöser Werte werden würde, während der Westen einen Säkularismus annimmt, der ihn von seinem jüdisch-christlichen Erbe wegführt?" Russland und die "Volksrepubliken" also als Verteidiger der Religion und der traditionellen Werte gegen den atheistischen Westen, womit Goldschmidt Franziskus ins Boot holen will, der als "Gottes Gesandter" einen Krieg zwischen West und Ost verhindern könnte. Da ist freilich im Großteil des Westens die Trennung zwischen Kirche und Staat doch weiter als etwa in Russland fortgeschritten, als dass der Papst hier die US-Regierung, die EU-Regierungen oder gar die Nato beeinflussen könnte.

Was der von Franziskus beschworene "Sinn für Religion" vom Atheismus unterscheidet, wurde auch die Tage deutlich. Der Papst wird im Juni das Turiner Grabtuch besuchen. Das helfe nämlich, "in Christus das barmherzige Antlitz Gottes zu erkennen und in ihm das Antlitz der Brüder und Schwestern, besonders der Leidenden". Vor 5 Jahren drängelten sich 2 Millionen Neugierige darum, einen Blick auf die Reliquie zu werfen, auf der sich angeblich das Gesicht und der Körper des nackten Christus abgedrückt haben und auf dem sich auch Blutpuren finden. Nach seiner Kreuzigung soll Christus in das Tuch eingewickelt und begraben worden sein. Obgleich das Tuch oft untersucht wurde, ist noch unentschieden, wie alt der Stoff ist (nach letzten Messungen aus dem 13. oder 14. Jahrhundert) und ob es sich um eine Fälschung handelt.

Wie auch immer, der Vatikan traute sich nicht, die Authentizität offiziell anzuerkennen, weswegen das Grabtuch nicht als Reliquie, sondern nur als Ikone gilt. Macht aber für den Gläubigen offenbar keinen großen Unterschied, erläutert jedenfalls der Turiner Erzbischof Nosiglia für Radio Vatikan: "Dieses Grabtuch entspricht ganz offensichtlich den Berichten des Evangeliums. Es ist ein Mittel, das dir hilft, in das große Geheimnis des Leidens und Sterbens des Herrn einzutreten. Und dir wird bewusst, mit welch großer Liebe dich diese unermessliche Liebe geliebt hat. Deswegen sind die Menschen vor dem Grabtuch so erschüttert. Deswegen zeigen wir das Grabtuch, nicht um zu sagen, es ist wahr oder nicht… Das sind äußerliche Fragen." Angemeldet haben sich bereits bis zur Eröffnung der Ausstellung am 19. April schon einmal eine Million Menschen, die in das Geheimnis des Herrn eintreten wollen oder einfach ganz säkular neugierig auf die Reliquie sind.

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