Europas Hegemon unter intellektuellem Kreuzfeuer

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben erklärt das Projekt Europa für gescheitert. Alternativlos ist es hingegen nicht. Alexandre Kojève wusste bereits post WK II, wie es anders gehen könnte

Mit seinem Kommentar zur Lage Europas, den er am 15. März unter der Überschrift: "Se un impero latino prendesse forma nel'cuore d’Europa (dt. "Wenn sich ein lateinisches Reich im Herzen Europas formen würde": ) in der linken Tageszeitung La Repubblica plaziert hatte, sorgte der italienische Starphilosoph Giorgio Agamben (Am Anfang war der Befehl) jüngst für helle Aufregung in den Medien.

Weniger, weil er sich kritisch zur Zukunft des Projekts Europa geäußert hatte, sondern vielmehr, weil er als Alternativmodell zu einem "neoliberalen" Europa, das "Kulturgüter" und "Lebensformen" der Völker ignoriert, ein "Memorandum" wieder ins Spiel brachte, das der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève (Die Eule der Minerva) drei Monate nach Ende von WK II, am 27. August 1945 unter dem Titel "L'Empire Latin" für Charles de Gaulle verfasst hatte.

Die Libération übersetzte Agambens Artikel neun Tage später ins Französische. Dass die linksliberale Tageszeitung dafür die Überschrift: "Das lateinische Reich geht zum Gegenangriff über" wählte, geschah vermutlich nicht ganz zufällig. Den Kundigen erinnerte sie sogleich an "Contre-Attaque", jene legendäre und mythenumrankte Gruppe linksrevolutionärer, antifaschistischer Intellektueller, die André Breton zusammen mit Roger Caillois und Georges Bataille 1935 ins Leben gerufen (und die ein gutes Jahr lang Flugschriften und Manifeste verfasst hatte.

Erst knapp drei Wochen später nahm sich die Wochenzeitung Die Zeit der Sache an. "Gegen Deutschland" sei Agambens Kommentar vor allem gerichtet, ächzte Thomas Assheuer lautstark. Trotz dieses Aufschreis äußerten sich alle anderen Blätter erst gut einen Monat später. Zunächst war es Wolf Lepenies in Springers Welt. Anlass waren einige abfällige Bemerkungen, die der Chef der französischen Linkspartei Jean-Luc Mélenchon und andere Politiker der PS über die deutsche Kanzlerin gemacht hatten.

Kurz darauf bezogen auch Gustav Seibt in der SZ (nicht online), Jürgen Kaube von der FAZ und schließlich noch Uwe Justus Wenzel von der NZZ Stellung und verdammten, Agambens vermeintlich "krude" Ideen und Gedanken, die er gern zu problematischen (Das nackte Leben) oder konfliktbehafteten (Foltern für die Freiheit) Themen äußert, in Bausch und Bogen.

Den medialen Wirbel, den Agamben mit seinem Hinweis auf das "Memorandum" und seinen Vorschlag zur Neuordnung Europas verursacht hatte, mag verwundern. Zumal Kojèves Text nicht gänzlich unbekannt ist. Schon 1990, mithin ein Jahr nach dem Mauerfall, dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang des kommunistischen Machtbereichs, wurde die "Doktrin" in der ersten Nummer der Zeitschrift La Règle du Jeu publiziert, die der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy im selben Jahr aus der Taufe gehoben hatte.

Noch im gleichen Jahr übersetzten Helmut Kohlenberger und Walter Seitter den Text gar ins Deutsche, der nicht nur in voller Länge in der Nummer 15 der Zeitschrift Tumult erschien, die Macher des Heftes druckten sogar noch den zweiten Teil jenes Begleitkommentars, den der spanische Philosoph Josep Ramoneda für dieselbe Ausgabe von La Règle du Jeu beigesteuert hatte.

In "Un empire dissolvant" (dt: "Ein Reich, das in Auflösung begriffen ist") hatte Ramoneda den Ausführungen des Geschichtsphilosophen grundsätzlich zugestimmt, den entscheidenden Wert des neuen Europa aber nicht im staatsfixierten Denken lokalisiert, das dem Hegelianer Kojève von Haus aus eigen ist, sondern in der "individuellen Selbstbestimmung". Beispielsweise habe erst der Wunsch danach "die Bürger des Ostens auf die Palme gebracht" und den Individualismus über den Totalitarismus siegen lassen.

Es ist nicht überliefert, ob irgendeiner dieser Schlaumeier, die jetzt über Agamben und/oder Kojève herziehen und deren Hinweise und Vorschläge für den "Stuss" (J. Kaube) eines "Antidemokraten" erklären, der "aus alten ideengeschichtlichen Sumpfgebieten" (Th. Assheuer) stammt und darum "in die Rumpelkammer der politischen Ideengeschichte" (W. Lepenies) gehört, die Veröffentlichung seinerzeit bemerkt oder sich daran gestoßen hätte.

Zumal sich damals das Ost-West-Verhältnis neu ordnete, die Osterweiterung der EU (Experiment Europa) das politische Gewicht in der Union Deutschlands vergrößerte, Frankreich als Kompensation seine politischen Fühler bereits nach Süden ausstreckte, während jenseits des Atlantiks das Interesse am geopolitischen Denken wieder neu aufflammte (Politik des Großraums).

Auch vierzehn Jahre später nicht, als in der Hochzeit des US-Neokonservatismus die Hoover Organisation, eine konservative Denkfabrik, die an der Stanford Universität beheimatet ist, Kojèves "Skizzen einer Doktrin französischer Außenpolitik" in der August-September Ausgabe Foreign Policy erschien. Publizistisch begleitet wurden sie von einem Essay, den Robert Howse mit dem kundigen Untertitel: "Vom 'Ende der Geschichte' zur 'Epoche von Großreichen'" versehen hatte.

Zumindest beim östlichen Nachbarn scheinen Kojèves auch aus heutiger Sicht bemerkenswerte Überlegungen für ein politisch geeintes Europa auf Resonanz gestoßen zu sein. Ein Jahr später stellte nämlich Zdzisław Krasnodębski in The Sarmantian Review den Text dem polnischen Publikum vor.

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