Europas Universitäten erfinden sich neu

ECIU-Studenten arbeiten an einem Konzept für die Universiät von 2040. Bild ECIU University

Kann das EU-Programm für "Europäische Universitäten", das einem Vorschlag von Emmanuel Macron entspringt, richtungsweisende Modelle hochschulischer Zusammenarbeit hervorbringen? - Teil 1

Anfang November traf sich das Who-is-who der europäischen Hochschulen wieder in Brüssel, auf einer Veranstaltung zu der EU-Initiative "Europäische Universitäten". Bildungsminister, Rektoren und Studierende vermengten sich und diskutierten, wie es wäre, wenn man Unis als Versuchslabore für die ultimative europäische Erfahrung einsetzen würde.

"Wir sind alle sehr optimistisch und sehen darin die große Chance, ein echt europäisches Universitätsmodell zu schaffen", begeistert sich Séan Hand, Vizekanzler der Universität Warwick (Mittelengland) für den frischgeschmiedete Bund seines Hauses mit Hochschulen in Brüssel, Barcelona, Göteborg, Paris-Seine und Ljubljana. Die Allianz namens EUTOPIA ist eine von siebzehn, die von der Europäischen Union gefördert werden.

"Wir hätten in jedem Fall viele der kooperativen Projekte ausprobiert", erklärt Luke Walton, internationaler Pressesprecher von Warwick. "Aber der EU-Wettbewerb hat uns ermutigt, Europa noch wichtiger zu machen in unserer Internationalisierungsstrategie. Die EU bietet einen Rahmen, ein wenig Fördergeld und eine öffentliche Plattform, um eine nachhaltige Zusammenarbeit auf die Beine zu stellen."

Bartosz Brozek ist von demselben Pioniergeist beseelt. Als Vizedekan für internationale Beziehungen kümmert er sich um die Projekte der ehrwürdigen Jagiellonischen Universität in Krakau in dem siebenköpfigen Universitätsnetzwerk UNA Europa. "Die EU-Mittel sind gar nicht das Ausschaggebende", betont er. "Hier sind alle darauf eingeschworen, eine gemeinsame zukünftige Universität zu bauen, und wir haben schon damit begonnen, als eine Uni zu denken."

Die Ursprünge

Die Begeisterung war von Anfang an riesig, nachdem die Europäische Kommission die Initiative Ende 2018 auf den Weg brachte. Über tausend Personen, Hochschulangestellte für Internationalisierung, Rektoren und Dekane, Ministerialbeamte und Vertreter der Forschungsgemeinschaft, nahmen an der ersten großen Informationsveranstaltung der Kommission teil - sei es persönlich, sei es per Streaming.

Über 300 Einrichtungen aus 31 Ländern — das bedeutet eine von zehn der ungefähr 3000 Universitäten in den EU-Mitgliedsstaaten — hatten 54 Netzwerke gebildet und ihre Projektanträge bis Februar eingereicht. 17 von ihnen, bestehend aus 114 Hochschulen, wurden im Juni ausgewählt. Jede Gruppe wird fünf Millionen Euro EU-Fördergelder für drei Jahre erhalten.

Einige Kommentatoren halten die Initiative für einen Sprung ins Ungewisse, weil es höchst unsicher ist, welchen Erfolg sie haben werden. Aber die zügige Aufnahme der Idee durch die Kommission war, wie Richard L. Hudson von der Consultingfirma Science Business in Brüssel bemerkte, "ein ungewöhnlicher Fall von schnellem politischen Handeln […] als Reaktion auf einen politischen Neuankömmling". Ein Grund dafür dürfte der Ehrgeiz der Initiative sein, den der damals neugewählte französische Präsident als erster auf seiner Sorbonne-Rede im September 2017 formulierte: nichts Geringeres als "die Wiedergeburt des europäischen Geistes".

"Er hatte keinen ausgearbeiteten Plan", erinnert sich François Taddei, der die Universitätsalianz 4EU+ berät, die sechs Mitglieder hat: Karlsuniversität, Heidelberg, Sorbonne, Kopenhagen, Mailand und Warschau. "Aber er ist einer, der an Europa glaubt und an Bildung, der glaubt, dass Universitäten der geeignete Ort für Diskussionen sind. Er war klug genug, nicht zu viel vorzuschreiben, denn er sah das interessante Potential der Idee."

Diese stammt, dem Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda zufolge, aus der Europaabteilung des Elysée-Palastes und musste erst noch vom Forschungsministerium ausgearbeitet werden. Einige in der französischen Regierung behaupten Wiarda zufolge, sie stamme von Macrons Ehefrau, Brigitte Trogneux. Hochschul- und Forschungsministerin Frérique Vidal sagte rückblickend: "Wir hatten uns schon während des Wahlkampfes darauf geeinigt, dass Universitäten und Wissenschaft eine zentrale Rolle dabei spielen sollten, die Bürger mit Europa zu versöhnen."

Der Wettbewerb

"Wir haben den Erfolg bei der ersten Ausschreibung knapp verfehlt", erklärt Ludovic Thilly, Physikprofessor und Vizerektor der Universität von Poitiers. Er koordiniert den European Campus of City-Universities oder EC2U, eine Zusammenschluss der Universitäten Coimbra, Iasi, Jena, Pavia, Salamanca und Turku. "Unsere Allianz wurde achtzehnte (von siebzehn) in der Wertung, das war ziemlich frustrierend … Zum Glück hatten wir 80 von 100 Punkten, was als hervorragend gilt und deswegen von der französischen Regierung unterstützt wird. Das wird uns beim zweiten Anlauf eine große Hilfe sein."

Andere entschieden sich, gleich auf die zweite Pilotausschreibung zu warten, die noch dieses Jahr veröffentlicht werden soll. Ein Beispiel ist CircleU, bestehend aus den Universitäten von Oslo, Louvain, Paris, Aarhus, Humboldt-Universität zu Berlin und King’s College London, die unlängst Belgrad als ihr siebentes Mitglied bekannt gegeben haben. "Unser Konzept ist noch in Arbeit", sagt die Koordinatorin der Allianz in Oslo, Marianna Knarud, ein wenig geheimnisvoll.

Der Schwerpunkt der Initiative liegt darauf, in grenzüberschreitenden Synergien neue Fähigkeiten und Modelle zu entwickeln. Langfristige Kooperationen sollen die freie Mobilität von Studierenden, Verwaltungsangestellten und Lehr- und Forschungskräften ermöglichen sowie studentische Diversität fördern, gemeinsame Governance-Modelle erproben und übertragbare Lehr- und Trainingsmethoden hervorbringen.

Als ob das nicht genug wäre, erwartet die EU-Ausschreibung nicht nur grenzüberschreitende Zusammenarbeit, sondern auch eine Öffnung hin zu den Kommunen und Unternehmen; interdisziplinäre Projekte sollen sich gesellschaftlicher Probleme wie Klimawandel oder nachhaltiger Landwirtschaft annehmen. In der Tat haben einige Allianzen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in ihre Anträge aufgenommen. Damit hoffen sie — wie Emmanuel Macron es sich vorgestellt hat — der europäischen Idee und dem europäischen Zusammengehörigkeitsgefühl neue Zugkraft zu verleihen.

Nach der zweiten Pilotausschreibung, die derzeit läuft, wird es höchstwahrscheinlich keine dritte mit der Möglichkeit von Neuanträgen geben. Eine EU-Webseite informiert, dass "verschiedene Kooperationsmodelle in zwei Ausschreibungsrunden erprobt werden" sollen. Gleichwohl "kann jede nicht erfolgreiche Universität wieder an der zweiten Runde teilnehmen", wie Nathalie Vandystadt, die Sprecherin des zuständigen EU-Direktorats für Forschung versichert. "Und die zweite Ausschreibung wird der ersten sehr ähnlich sein."

"Es wird jedenfalls mehr als eine Ausschreibung geben, und am Ende nicht zwanzig, sondern vielleicht vierzig Allianzen", meint Birgit Siebe-Herbig vom DAAD, die deutschen Hochschulen bei der Bewerbung hilft.

Ludovic Thilly zufolge, der zahlreichen EU-Informationstreffen beigewohnt hat, erwägt die Kommission folgende Finanzierung: Die in der ersten und zweiten Runde erfolgreichen Netzwerke erhalten eine dreijährige Förderung, die auf Antrag um vier Jahre verlängert werden kann. Ab 2021, wenn die Initiative eine eigene Programmsäule im Erasmus+-Programm geworden ist, kommen Vier-Jahres-Förderungen mit dreijähriger Verlängerung in Betracht.

Die Finanzierung

"Fünf Millionen Euro für drei Jahre pro Konsortium ist nicht sehr viel", räumte Frank Petrikowski, der in Brüssel das Bundesministerium für Bildung und Forschung vertritt, in einem Interview mit ESNA European Higher Education News ein. Zuerst war ein Budget von 30 Millionen Euro im Gespräch, dann wurden es 60, und schließlich sind es 85 Millionen geworden, wobei gleich 17 anstatt 12 Hochschulallianzen ausgewählt wurden. "Man plant in Brüssel, die Mittel in der zweiten Runde sogar auf 120 Millionen Euro anzuheben", fuhr er fort. "Insgesamt sollen 1,3 Milliarden Euro für diese Programmsäule im Erasmus+-Programm des nächsten europäischen Haushalts von 2021 bis 2027 bereitgestellt werden."

Unsere Frage war, ob das den Beginn einer neuen politischen Ausrichtung der EU anzeige, wonach die Finanzierung der europäischen Universitäten in der Zukunft von Brüssel ausgehen könnte. "Ganz und gar nicht", so Petrikowski, "die Erasmus-Mittel machen gerade einmal ein Prozent des EU-Haushalts aus. Das Ziel ist nicht zu regulieren, sondern die Universitäten zu mehr Synergien zu ermuntern."

In jedem Fall sollen den Hochschulallianzen andere Geldquellen eröffnet werden. Französische und deutsche Hochschulen hatten die meisten erfolgreichen Teilnehmer in der ersten Runde mit 16 bzw. 14 Instituten. Paris unterstützt "sehr gut bewertete Projekte" mit Schwerpunkt auf "Forschung und Innovation" sowie "andere Aktivitäten, die auf nationalem Gebiet von der EU nicht gefördert werden." Zwanzig französische Unis bekommen jetzt zehn Jahre lang insgesamt 100 Millionen Euro. Darunter sind vier, die in der ersten Runde nicht durchgekommen sind: Orléans, Troyes, Lille und die oben genannte Universität von Poitiers.

Die Deutschen haben ein nationales Förderprogramm im Umfang von sieben Millionen Euro über drei Jahre aufgelegt, das gut bewertete Hochschulen auch dann unterstützt, wenn sie im zweiten Anlauf nicht ausgewählt werden. "Die Fördersumme kann noch steigen", so Siebe-Herbig zu ESNA, aber sicherlich nicht in dem Maße wie bei der EU."

Die polnische Regierung hat inoffiziell zugesagt, vier polnischen Institutionen — mit nationalen Zuschüssen unter die Arme zu greifen, so Bartosz Brozek aus Krakau. Der Betrag steht noch nicht fest, soll aber mindestens jene 20 Prozent ausgleichen, die die europäische Förderung von fünf Millionen Euro (80 Prozent) nicht abdeckt.

Schließlich hat Spanien Ende Oktober bekanntgegeben, seine heimischen Universitäten zu unterstützen, berichtet europapress. 14 Hochschulen erhalten insgesamt drei Millionen Euro. Die drei Gründer einer Allianz, Cádiz, Barcelona und Granada, erhalten jeweils etwa 280.000 Euro, acht Mitglieder einer Allianz bekommen zirka 225.000 Euro, und die drei in der ersten Runde noch nicht erfolgreichen aus Salamanca, Vigo und Huelva sollen mit jeweils 125.000 Euro bezuschusst werden.

Andere Regierungen haben bisher keine nationalen Zusatzmittel zugesagt. Aber die Universitäten in den Allianzen können eigene Finanzmittel einbringen. Ein Beispiel sind die 500.000 Pfund (580.000 Euro) aus den Kassen der Vrije Universiteit Brussel, der Université Paris-Seine und der University of Warwick, die die Gründungsmitglieder der Allianz EUTOPIA sind. Mit dem Geld sollen Doktoranden mit gemeinsam betreute Promotionsvorhaben unterstützt werden, deren Gebühren, Reise- und Unterkunftskosten abdecken. Dieses Modell ist besonders für britische Hochschulen wie Warwick relevant, deren Teilnahmebedingungen nach dem Brexit noch im Dunkeln liegen.

Fusionen und Rankings

Französische Regierungen seit Nicolas Sarkozy haben Fusionen von Hochschulen auf der regionalen Ebene vorangetrieben, um ihre Wertung in internationalen Rankings zu verbessern. Emmanuel Macron geht denselben Weg; erst auf dem Weltwirtschaftsforum in der Schweiz im Januar dieses Jahres drückte er sein Bedauern darüber aus, dass französische Universitäten in den Rankings der letzten Jahre zurückgefallen seien.

Doch Hochschulfusionen sind ein breiterer Trend in Europa. In den letzten 20 Jahren gab es 129 Fälle von Zusammenschlüssen in 22 Mitgliedsstaaten. Das ging so weit, dass die European Universities Association (EUA) nach einer Rekordzahl an Fusionen im Jahr 2016 zu dem Schluss gekommen ist, nun sei "ein struktureller Konsolidierungspunkt in den meisten Ländern" erreicht worden.

Es verwundert also nicht, dass Macrons Vorstoß, eine neue Art von Fusionen zu fördern, bei dem Treffen der Staatschefs in Göteborg im Herbst 2017 großen Anklang fand, so dass diese die Kommission mit dem Wettbewerbsentwurf beauftragt haben. Ein Prospekt der EU-Kommission für Göteborg setzte folgende Aussage über alle anderen: Nur "10 von 50 der besten Universitäten im World University Ranking sind aus der EU." Das klingt wie die Anklage eines Missstandes, der behoben werden muss mit dem Appell, etwas gegen die angelsächsische Dominanz in den internationalen Rankings zu unternehmen.

Harald Kainz, Rektor der Universität Graz, die ein Mitglied der ARQUS-Allianz ist, hofft darauf, dass die Europäischen Universitäten "ein Gegengewicht zu Harvard und Stanford" werden können. Und der ehemalige Präsident der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL), Patrick Aebischer, ging auf einer Konferenz in München sogar so weit zu sagen, man solle nur Spitzenuniversitäten fördern, die dann eine europäische Ivy League nach amerikanischem Modell bilden.

Olga Wessels, Leiterin des Brüsseler Büros der Allianz ECIU University, bläst in dasselbe Horn, wenn sie sagt: "Gerade nach dem Brexit, wenn Großbritannien die EU verlässt, sieht man, dass nur wenige europäische Universitäten gut in Rankings platziert sind. Das heißt, wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Universitäten stärken."

Die Hoffnung der einen sind anderen ein Gräuel. Als zwei der raren skeptischen Stimmen zum Thema meldeten sich Andreas Keller, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), und Nathalie Schäfer, als sie noch im Vorstand des deutschen Studierendenverbandes fzs saß. "Die Funktionsweise der Netzwerke ist Programmen wie der deutschen Exzellenzinitiative nachgebildet - sie werden die Wettbewerbslogik im europäischen Hochschulraum fördern. Wirtschaftsstarke Hochschulregionen dürften von dem Programm profitieren, strukturschwache Regionen drohen durch die Maschen zu fallen."

Bisher ist der Vorteil von Teilnehmern, die hohe Plätze in internationalen Rankings belegen, nicht so groß. Unter den 114 Universitäten, die Mitglied einer Europäischen Hochschulallianz sind, sind nur 18 in den Top 200 des Shanghai-Rankings, 25 im QS-Ranking und 26 im Times Higher Education-Ranking. Und die regionale Streuung der teilnehmenden Universitäten in Europa ist sehr groß.

Aber könnten die Anreize zu fusionieren stark genug sein, damit eine Universität bereit wäre, ihre Autonomie aufzugeben? Oder anders gefragt, unter welchen Bedingungen würden die Rankingfirmen eine "Europäische Universität" als eigenständige Institution ansehen? Phil Baty, Redakteur des THE World University Ranking, sagte gegenüber ESNA: "Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir so ein Konsortium oder so eine Allianz wie eine einzelne Einrichtung behandeln würden, denn wir legen normalerweise die rechtliche Eigenständigkeit beim Ranking zugrunde."

"Wir wären aber imstande, sie als eine Institution anzusehen", fuhr er fort, "wenn alle Mitglieder uns einstimmig und offiziell informieren würden, dass sie als ein Ganzes behandelt werden möchten. Aber auch dann müssten wir genau auf die Rechtsform schauen, auf die Verwaltungsstruktur usw."

Macron verfolge das Ziel einer "starken und integrierten EU, um nicht den Wellen der Globalisierung ausgesetzt zu sein", schrieb Stefan Sasse in dem Politikblog deliberation daily. "Die Idee [der Hochschulallianzen] scheint mir die Schaffung einer europäisierten Elite zu sein, die dann als Multiplikator fungieren kann. Das", findet er, "ist ein guter Ansatz." Es gibt jedoch ein Problem mit Eliten, warnt François Taddei nach Gesprächen mit EU-Delegierten, "die sich wohl bewusst sind, was die Europäer am meisten an der EU verachten. Wenn Europa mit elitären Absichten in die Universitäten investiert, werden viele sehr unzufrieden sein."

"Natürlich gibt es immer die, die sagen, lasst uns das tun, was die Amerikaner machen, die sagen, wir wollen mit den Amerikanern konkurrieren und Singapur und China schlagen. All diese asiatischen Unis stecken so viel Energie in diese Rankings. Aber will Europa aussehen wie die USA und Asien", fragt er, "oder will es sein eigenes Modell erfinden?"

Kooperation über Sprachen, Grenzen und Disziplinen hinweg in europäischen Universitätsallianzen - Teil 2

(Tino Brömme, George Oliver)