Europas Werk und Deutschlands Beitrag

Za'atri-Flüchtlingslager in Jordanien. Bild: state.gov

Wie die Bundesregierung in der neuen europäischen Flüchtlingspolitik ihre historische Rolle findet. Eine Satire

Sehr geehrter Herr Juncker, liebe EU,

mit diesem Schreiben wenden wir, die deutsche Bundesregierung, uns an Sie, Herr Juncker als Präsident der EU-Kommission, und an die gesamte EU, um den Beschlüssen des jüngsten EU-Gipfels zur Bewältigung der Flüchtlingskrise möglichst bald entschiedenes Handeln folgen zu lassen.

Ein zentraler Punkt unserer neuen Vereinbarung sieht vor, in Afrika und Europa geschlossene Lager für Flüchtlinge einzurichten. Für diese geschlossenen Einrichtungen hat der französische Präsident Emmanuel Macron, unser bester Freund, wie ein Löwe gekämpft. Sie waren der entscheidende Durchbruch zu einer europäischen Einigung in der Migrationspolitik.

Durch diese Vereinbarung wurde die deutsche Regierung vor dem unaufhaltsamen Zerfall gerettet, ebenso wie die Einheit Europas. Unserem besten Freund Emmanuel Macron haben wir auch zu verdanken, dass es für die neu zu errichtenden Internierungslager bereits jetzt durchaus vorzeigbare Bezeichnungen gibt - "Ausschiffungsplattformen" für die Lager außerhalb der EU (das klingt ein bisschen nach "Aussichtsplattformen") und "kontrollierte Zentren" für die in der EU, damit auch klar ist, wer hier die Kontrolle hat.

Dass sich die EU, um eine strauchelnde deutsche Regierung zu retten, darauf verständigen konnte, in Afrika und Europa geschlossene Lager einzurichten, ist eine denkwürdige Entscheidung, ein historisch einmaliger Vorgang, der uns mit tiefer Dankbarkeit erfüllt und dazu bringt, uns noch mehr als bisher vor der europäischen Idee zu verneigen.

Umso mehr erfüllt es uns mit Sorge, dass ausgerechnet in diesem Punkt schwerwiegende Umsetzungshindernisse vorliegen. Sie betreffen weniger die geplanten Lager in Afrika. Dort sind wir mit Staaten wie Niger und Tschad seit Jahren in einer erfreulichen Kooperationsbeziehung, in deren Rahmen bereits brauchbare Strukturen geschaffen wurden.

Das Problem liegt innerhalb der EU. Hier findet sich bis jetzt einfach kein Land, das solche Lager auf seinem Territorium haben will. Schon entwickelt sich in der deutschen Regierung neuer Streit. All diese EU-Beschlüsse, heißt es nun, seien nur Schall und Rauch, nur Ideen und Konzepte, keine handfesten Lösungen. Die Bundesregierung könnte also bald wieder in ihren Krisenmodus zurückfallen und damit auch die Stabilität Europas erneut in Gefahr bringen.

Um das zu verhindern, müssen wir jetzt Nägel mit Köpfen machen. Deshalb unterbreiten wir Ihnen hier einen bahnbrechenden Vorschlag: Alle geschlossenen Lager für Flüchtlinge und Migranten innerhalb der EU werden in Deutschland errichtet.

Sobald man sich diese Idee einmal zu Gemüte führt, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Erstens wollen die meisten Flüchtlinge sowieso nach Deutschland. Und zweitens - der entscheidende Grund: Mit geschlossenen Lagern hat Deutschland historisch eindeutig die meisten Erfahrungen gesammelt und dabei auf unvergleichliche Art seine Fähigkeit bewiesen, solche Lager effizient zu organisieren.

Aufgrund dieser speziellen Vorkenntnisse sind wir auch imstande, diese Lager ohne zusätzliche finanzielle Mittel zu betreiben. Die deutschen Lager werden sich selbst finanzieren. Zum einen werden wir den Flüchtlingen ihre Barmittel und Wertsachen abnehmen und eventuelle Guthaben auf Bankkonten beschlagnahmen. Schließlich wollen sie hier ja versorgt werden.

Ihre Smartphones dürfen sie behalten. Damit können sie ihren Freunden und Verwandten in der Heimat ein realistisches Bild davon vermitteln, wie es ihnen hier ergeht. Das dürfte die Pullfaktoren in Richtung Europa deutlich reduzieren.

Den Rest der Lagerkosten erwirtschaften die Flüchtlinge durch Arbeit. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass sie durch die Arbeit im Lager gleich an den Kernbestand der deutschen Kultur herangeführt werden.

Bleibt nur noch ein Problem: Was geschieht mit den Flüchtlingen, die keinen Asylanspruch haben, aber von ihren Herkunftsländern nicht zurückgenommen werden. Diese Menschen können ja nicht jahre- oder gar jahrzehntelang in deutschen Internierungslagern leben. Dabei könnten Aggressionen entstehen, Widerstandsnester könnten sich formieren und am Ende sogar Aufstände.

Nach reiflicher Überlegung sind wir übereingekommen, im Grundsatz festzuhalten: Bei Menschen, die weder einen Asylgrund haben noch von ihren Herkunftsländern zurückgenommen werden, handelt es sich um überflüssige Bevölkerung. Entsprechend ist mit ihnen zu verfahren.

Wir haben lange über die Möglichkeit diskutiert, diese Menschen auf unbewohnte griechische Inseln zu deportieren. Unser Freund, der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, wäre hier sicher kooperationsbereit, im Gegenzug für ein paar monetäre Zugeständnisse, zum Beispiel zugunsten der darbenden griechischen Rentner.

Doch diese Lösung erweist sich als nicht praktikabel. Auf diesen Inseln, die überwiegend aus unfruchtbarem, felsigem Land bestehen, müssten die Flüchtlinge aufwendig von außen versorgt werden. Dabei könnten sich Schleuser einschleichen, die ihnen den Weg auf andere Inseln, auf das griechische Festland und über europäischen Grenzen bahnen. Deutsche Bürger könnten sich erneut bedroht fühlen, und die Krise der deutschen Regierung stünde wieder auf der Tagesordnung. Das können wir nicht riskieren.

Diese Menschen sind eine Gefahr für die Stabilität Europas. Die Bundesregierung ist bereit, sich ihrer historischen Verantwortung für Europa zu stellen.

Deshalb möchten wir Ihnen hier einen sicher etwas gewöhnungsbedürftigen Vorschlag unterbreiten, der nur mit äußerster Vorsicht und ganz allmählich in die öffentliche Debatte eingebracht werden sollte. Diese Menschen, die ja ohnehin zum guten Teil Produkte eines unersättlichen Reproduktionsverhaltens sind, müssen verschwinden, und zwar auf möglichst unauffällige Weise, um nicht gleich wieder internationale Menschenrechtsorganisationen aufzuscheuchen.

Hier zeigt sich, dass unser Vorschlag, die geschlossenen Lager in Deutschland zu errichten, äußerst zielführend ist. Schließlich gibt es in der EU kein anderes Land, das in seiner Geschichte auf so unvergleichliche Weise gezeigt hat, dass es in der Lage ist, auch eine große Zahl von Menschen effektiv und unauffällig zum Verschwinden zu bringen.

Sehr geehrter Herr Junker, liebe EU, Sie sehen, die deutsche Bundesregierung ist sich ihrer historischen Verantwortung für die Stabilität Europas vollumfänglich bewusst. Wir hoffen, dass wir Sie mit diesem Angebot überzeugen konnten, dass wir damit die Flüchtlingskrise endlich hinter uns lassen und uns gemeinsam für den Fortschritt der Globalisierung auf der Basis unserer Werteordung einsetzen können.

Ergebenst, Ihre deutsche Bundesregierung

(Gabriela Simon)

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