Eurostat: Die abgehängte Jugend in EU-Staaten

Demonstration in Hamburg gegen Jugendarbeitslosigkeit (2014). Foto: Claus Ableiter / CC BY-SA 3.0

Jugendarbeitslosigkeit: Die aktuellen Zahlen sind beruhigend für Deutschland und nördliche EU-Länder, aber nicht für die südlichen

Am vergangenen Samstag wurde, von der größeren Öffentlichkeit (mit Ausnahme der deutschen Huffington Post "In drei Schritten zur Party des Jahrhunderts") weitgehend unbemerkt, der Internationale Tag der Jugend begangen. Dazu hat das europäische Statistikamt Eurostat ein paar Übersichtszahlen und Schaubilder zur Beschäftigungslage der EU-Jugend beigesteuert.

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Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen die "NEETs", jüngere Menschen, die weder in Beschäftigung sind noch in einer Schul- oder Berufsausbildung ("Not in Employment, Education or Training"). NEET ist seit 2010 zu einem wichtigen offiziellen Indiz für die Europäische Kommission geworden, um besser über die wunden Punkte bei der Eingliederung der Jungen in den Arbeitsmarkt Bescheid zu wissen, erklärt ein Bericht von Le Monde, der sich mit dem Eurostat-Zahlenpanorama beschäftigt.

Die deutsche Regierung kann sich, um es vorweg zu nehmen, auch bei dieser Zahlenschau noch (?) ruhig zurücklehnen. Laut der Übersichtstabelle, die Eurostat im Juli veröffentlichte lagen die NEET-Prozentzahlen für sämtliche angeführten Altersgruppen, die 20-34-Jährigen (12,4 %), die 20-24-Jährigen (9,7 %), die 25-29-Jährigen (12,3 Prozent) wie auch für die 30-34-Jährigen (14,7%), im Vergleich mit den anderen EU-Mitgliedsstaaten im unteren Bereich.

Bessere Werte erzielten Dänemark, Luxemburg, die Niederlande, Schweden und Malta. Im aktuellen Eurostat-Überblicksbericht zur Beschäftigungs- und Ausbildungssituation der Jugend in der EU wird hervorgehoben, dass in Deutschland und in Bulgarien der größte Rückgang der NEET-Zahlen in den 10 Jahren zwischen 2006 und 2016 verzeichnet wurde (danach folgen Polen, die slowakische Republik und Schweden).

Die Statistiker haben ihr Augenmerk auf eine längere Entwicklung gelegt, vor allem auf die Auswirkungen der Finanzkrise. Dabei entdeckten sie, was allgemein bekannt ist, aber als störende Bildtrübung gerne überspielt wird: das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in süd-, bzw. südosteuropäischen Ländern. Der sachte Alarm, der betätigt wird, lautet, frei nach den Begleit-Erkenntnissen des Le-Monde-Artikels: "Wir hätten nicht gedacht, dass die Erholung des Arbeitsmarktes für die Jugendlichen so viel Zeit braucht und eigentlich nur minimal ist".

Beim Dialog mit der "griechischen Jugend", die nach subjektiven Eindrücken von Landeskennern, von einer "gefühlten" Jugendarbeitslosigkeit von 80 Prozent ausgehen und in Nischen-Zeitschriften zur Forderung nach einer Revolution übergegangen sind, wird man höchstwahrscheinlich nur Spott und Häme für solche Aussagen ernten. Bei Eurostat sind die Probleme, die mit der Arbeitsmarktsituation seit der Finanzkrise verbunden sind, soft in Zahlen-Tendenzen untergebracht.

Im Jahr 2016 war fast jeder Dritte im Alter zwischen 20 und 24 Jahren weder erwerbstätig noch in Ausbildung in Italien (29,1 Prozent), ungefähr jeder vierte in Rumänien (23,6%), Griechenland (23 Prozent), Bulgarien und Zypern (beide bei 22,7 %) und etwa jeder Fünfte in Spanien (21,1%) und Kroatien (19,6 %).

Eurostat

Zypern, Italien, Spanien und Griechenland verzeichneten die höchsten NEET-Anstiege zwischen 2006 und 2016. In absoluten Zahlen sind es augenblicklich (Stand Juni 2017) 3,7 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren, die ohen Beschäftigung sind ("sans emploi"), so Le Monde Das entspricht laut der Zeitung dem Doppelten des Anteils der für die gesamte EU-Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter angegeben wird (7,7 Prozent laut Le Monde).

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Dort ist zu lesen, dass der Anteil der NEETs 2016 EU-weit bei den 25- bis 29-Jährigen bei 18,8 Prozent liegt. Das markiere eine leichte Erholung seit dem "Spitzenjahr" 2013, wo er bei 21 Prozent lag, im Vergleich mit dem Vorkrisenjahr 2008 zeige sich jedoch, dass sich die Situation verschlechtert habe. Damals lag der Index bei 17 Prozent. Für das Altersspektrum der 25 bis 29-Jährigen präsentiert der Le-Monde-Bericht beunruhigende NEET-Anteile: 33,5 Prozent in Griechenland, 32,4 Prozent in Italien, 24,7 Prozent in Rumänien und 24,2 Prozent in Spanien.

In Frankreich liegt er für diese Altersgruppe bei 19,2 Prozent, jede(r) Fünfte. 2008 lag er bei 16,7 Prozent. Bei den Unter-25-Jährigen registrierte man im Juni eine Arbeitslosenquote von 21,4 Prozent. Das sei eine lichte Verbesserung gegenüber 2012 (25,7%).

Eklatante, also auffallende Probleme haben in Frankreich vor allem Jugendliche, die kein "Bac" (entspricht dem deutschen Abitur) haben, gesundheitliche Probleme oder aus den Problemzonen (Vorstädte, bestimmte Stadtteile oder Peripherie) stammen, so Le Monde. Der Unterschied ist deutlich. Bei den Jugendliche ohne Bac lag die Arbeitslosenquote 2016 bei 40,3 Prozent, bei denen mit Bac lag er bei 23,7 Prozent und bei denen, die einen höheren Schulabschluss hatten, bei 15,7 Prozent.

Die Quintessenz, die der Artikel daraus zieht, ist, dass es nicht so sehr das Alter ist, das den entscheidenden Faktor ausmacht, sondern die Ausbildung. Dabei wird der Blick auf Deutschland geworfen: auf den Start der Schulausbildung in Krippen und die Möglichkeiten des zweiten Bildungswegs. Um zu verhindern, was den gegenwärtig schon im jungen Alter Abgehängten von den Statistikern in Aussicht gestellt wird: 60 Prozent der NEETs in Frankreich werden nach ihren Voraussagen zu Langzeitarbeitslosen. (Thomas Pany)

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