Evangelikale und ihre Positionen in der Politik

Kann das funktionieren: evangelikal sein in der Politik? Oder auch "nur" christlich sein, als Politiker? Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn sich Evangelikale engagieren?

Der Einfluss konservativer Christen in den USA wird in Deutschland oft als wahres Schreckensbild gezeichnet. Eine empirische Analyse zeigt ein etwas anderes Bild. Esther Hornung hat in ihrer Dissertation1 gefragt: "Welchen Einfluss hatte protestantischer Fundamentalismus wirklich auf die nationale Innenpolitik der USA zwischen 1980 und 1996? Wie gestaltete und gestaltet sich dessen Verhältnis zum politischen System?"2 Letztlich ist es auch eine sozialethische Frage, nämlich nach der Bedeutung von Fundamentalismen für die Kirche in der modernen Gesellschaft.3 Sie hat aus einer Untersuchung von sieben Gemeinden im Mississippi Delta, Arkansas, geschlossen, dass "sich mittels der Entstehung der NCR [New Christian Right / Neue Christliche Rechte] seit den siebziger Jahren fundamentalistische Kirchen in wachsendem Maße an der Regierung der USA beteiligen konnten [...] Fundamentalismus kommt dort zum Ausbruch, wo traditionelle ländliche Kultur und moderne Stadtkultur aufeinanderprallen."

Aber, salopp gesagt, kein Grund zur Aufregung: Die NCR hat zwar seit Mitte der 1970er Jahre teil am politischen Geschehen der USA. Und das Wahljahr von 1996 bezeichnet, so Hornung, "einen Wendepunkt in der Entwicklung der NCR. Sie hatte sich zwar als feste politische Kraft etabliert, war allerdings gleichzeitig an ihre Grenzen gekommen. Die republikanische Partei hatte gezeigt, daß sie nicht bereit war, sich von ihren durch die NCR gewonnenen Mitgliedern beherrschen zu lassen."4 Das amerikanische System ist von "checks and balances" geprägt und von Pragmatismus beherrscht.

Während Kirchen in den USA ihre Unabhängigkeit pflegen, stehen in Deutschland Landeskirchen im offiziellen Dialog mit dem Staat, lassen Kirchensteuern eintreiben und ihr Personal an staatlichen Hochschulen ausbilden.

Hier geht es eher um einzelne Menschen; das Thema von Evangelikalen in der Politik ist unter drei Blickpunkten relevant: Sei es, dass Politiker evangelikale Organisationen wie Pro Christ oder die Evangelische Allianz unterstützen oder zu einer Freikirche gehören, sei es, dass sie die Bedeutung ihres Glaubens für ihren Beruf thematisieren, oder auch, dass sie oder ihre Parteien Ansichten vertreten, die konservativ christlichen Positionen entsprechen, ohne sich jedoch explizit christlich zu nennen. - Dass jemand in die Politik geht, um seine christlichen Positionen zu verbreiten, ist klar bei Grüppchen wie der Partei bibeltreuer Christen, fällt aber kaum ins Gewicht.

... erregt dies immer mal wieder Aufsehen. So fragte der Stern die Ex-Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in einem langen Interview nach ihrer Mitgliedschaft in der sehr konservativen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Zu dieser sollen auch Erika Steinbach (die eine Anfrage von Telepolis nicht beantwortet hat) und Friede Springer gehören. Schröder wusste kurz und knapp zu antworten: Ihre Kirche sei nicht "evangelikal, sondern altkonfessionel", und sie selbst sei "in einem kritischen Dialog mit der SELK". "Ich wurde", So Schröder, "in dieser Kirche getauft und konfirmiert, vertrete aber sehr wohl eine unabhängige Meinung." So seien ihre politischen Positionen "fast immer konträr zur SELK" gewesen: "Ich habe für die Präimplantationsdiagnostik gestimmt, für die Ausweitung der Stammzellforschung, und ich habe während meiner Amtszeit als Familienministerin massiv die Gelder für künstliche Befruchtung erhöht. Außerdem habe ich dafür plädiert, homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichzustellen."

Auch der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder ließ eine Presseanfrage von Telepolis unbeantwortet. Mariam Lau hatte in der Welt geschrieben: "Volker Kauder findet zwar, dass sein Glaube mit der Bezeichnung ‚Evangelikaler‘ nicht ausreichend beschrieben ist. Aber er fühlt sich wohl bei der ‚Evangelischen Allianz‘." Laut Welt scheint der Begriff "evangelikal" für Kauder kein Schimpfwort zu sein: "Er spricht von ‚Erbauung, Ermahnung und Trost‘ als Hauptsäulen des Evangelikalen. Die Bibel als Gottes unmittelbares Wort, der Auftrag zur Mission, die große Bedeutung des Lebens Jesu für den eigenen Alltag, die Sündhaftigkeit des Menschen, die nur durch einen Gnadenakt Gottes und durch den Opfertod Jesu erlöst werden kann - all das lässt Kauder für sich selbst gelten."

Der Politiker veröffentlicht allerdings selber einiges zu seinem christlichen Menschenbild in der Politik auf seiner Website:

Als Mitglied einer Partei, die seit mehr als 60 Jahren das ‚C‘ in ihrem Namen führt, und als bekennender Christ ist das christliche Menschenbild der zentrale Leitfaden meiner politischen Überlegungen und Entscheidungen.

  1. Die unantastbare Würde und fundamentale Gleichheit jedes Einzelnen, begründet durch die Gottesebenbildlichkeit.
  2. Die Freiheit des Menschen, die wir an vielen Stellen der Bibel finden, zum Beispiel bei Paulus in seinem Brief an die christlichen Gemeinden in Galatien.
(Volker Kauder)

Kauder begründet seine Überzeugungen als Politiker mit seinem christlichen Glauben. Das ist gerade für aktive Politiker nicht ganz einfach - zu heikel die notwendigen Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zu groß das Risiko für den Vorwurf, weltfremd zu sein.

Ein Beispiel ist Günther Beckstein, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident, Mitglied im Kuratorium von ProChrist. Er äußert sich immer wieder explizit zum Thema: "Mein Glaube war mir auch im politischen Leben wichtig. Es hat mir sehr geholfen zu wissen, dass ich nicht selbst der Allerhöchste bin, sondern dem Allerhöchsten verantwortlich bin. Dies gibt Mut und Demut."

Anders als es seine Mitgliedschaft bei ProChrist vermuten lässt, mailt er: "Ich selbst bin nicht evangelikal; ich war 14 Jahre lang Synodaler der Evangelischen Landeskirche in Bayern, 6 Jahre Synodaler und Vizepräses der EKD und gehörte 6 Jahre der Kirchenleitung der VELKD an; die Evangelische Akademie Tutzing (also eine ganz bestimmt nicht evangelikale Einrichtung der ELKB) hatte mich über mehr als 5 Jahre als Leiter des Politischen Clubs ausgewählt. Dies bedeutet, dass ich in der Amtskirche sehr engagiert war (dies auch heute noch ohne formale Ämter bin).

Aber ich habe meinen evangelischen Glauben ernst genommen, entstamme dem CVJM, der mich in meiner Jugend sehr geprägt hat, und halte die pietistischen Wurzeln der Amtskirche für wichtig als eine der verschiedenen Richtungen, die die EKD als Kirche der Freiheit prägen." Becksteins Glaube, wenn auch nicht unbedingt seine eher konservative Ausrichtung, hat sich durchaus auf seine politische Haltung und seine Entscheidungen ausgewirkt: "Ich habe versucht, als Politiker das Recht einzuhalten, trotzdem in einzelnen Härtefällen eine rechtsstaatlich einwandfreie Lösung zu finden: Für die Möglichkeit der Einführung von Härtefallkommissionen habe ich deshalb hart (und erfolgreich) gearbeitet."

Bei ProChrist engagiert Beckstein sich, weil er die Organisation für ein wichtiges Instrument halte, "um jungen Menschen etwas über den Glauben zu sagen. Die traditionelle Weitergabe von Glaubensinhalten über die Familien funktioniert in hohem Maße nicht mehr."

Entsprechend strebt er nach einem stärkeren Einfluss seiner Glaubensbrüder: "Ich wünsche mir größeren Einfluss konservativer Christen auf Synoden und Kirchenleitungen, da ich überzeugt bin, dass in erheblichem Umfang die Kirchenleitenden Organe enge Verflechtungen mit SPD und auch Grünen haben, was den Kirchen nicht gut tut. Es ist nicht die wichtigste Aufgabe der Kirchen, Politik zu machen; vielmehr muss Kirche es schaffen, den Christen in den unterschiedlichen Parteien Heimat zu sein."

Exemplarisch bei manchen Themen der AfD:

Idea Spektrum5, ein Kampfblatt für den Evangelikalismus, wegen seiner häufigen Polemik aber auch unter Evangelikalen durchaus umstritten, gab wider, was der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), über Gespräche der evangelischen Kirche mit der AfD äußerte. "Das ist gegenwärtig für uns kein Thema", habe dieser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4. Mai) gesagt, der Bischof mache dies aber von einzelnen Personen abhängig. Evangelische Kirchenleitungen führen dagegen regelmäßig Gespräche mit anderen Parteiführungen.

Idea nennt konservative Christen, die dies Gespräch mit der AfD durchaus suchten: Kritisch die Evangelisch-methodistische Kirche und die Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Gemeinden, wohl eher unkritisch gegenüber der AfD andere: "Dagegen kritisiert der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), das ständige ‚Eindreschen‘ der Kirchen auf die AfD. Bei aller möglichen Kritik am Parteiprogramm müsse man als Christ dieser Partei in wichtigen ethischen Beschlüssen zustimmen. Als Beispiele nennt Rüsch das Eintreten der AfD für den Schutz ungeborener Kinder, für die traditionelle Familie und ihr Nein zum Gender-Mainstreaming, ‚einer Ideologie, die dem biblisch-christlichen Menschenbild widerspricht‘." - Dem muss man als Christ nun aber, diese Anmerkung sei erlaubt, sicher nicht zustimmen.

Idea stellt die wohl eher rhetorische Frage: "Sind AfD-Beschlüsse biblischer als die der EKD?" und titelt6: "AfD: Für Familien aus Mann, Frau und Kindern. PROGRAMM Gegen den Islam, für Moslems, die sich integrieren, für mehr Kinder, gegen Gender-Mainstreaming".

Konservative Christen scheinen für manche Überzeugungen eine politische Heimat in der AfD zu finden. So hat Idea zwar gefragt: "Ist die AfD für Christen wählbar?"7 Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, hätte in der Berliner Wochenzeitung "Die Kirche" geäußert, dass linke oder rechte Extremisten nicht in kirchliche Gremien wählbar seien. "Die fragwürdigen Aussagen leitender AfD-Mitarbeiter zeigten, 'wie Stimmung zulasten von Menschen gemacht wird'." Aber das Blatt liefert auch gleich die Antwort: "Die Bundessprecherin der Vereinigung Christen in der AfD, Anette Schultner (Hameln), hatte Dröges Äußerungen gegenüber Idea als 'skandalös und absurd' bezeichnet. Viele Christen hätten in der Partei eine politische Heimat gefunden. Sie dürften von der Kirche nicht diskriminiert werden." Und Idea gibt die Aufforderung des Landesvorsitzenden der Berliner AfD, Georg Pazderski, wider: "Christen, die sich in der Partei 'Alternative für Deutschland' (AfD) engagieren, sollten sich auch um Ämter innerhalb der Kirche bemühen."

Esther Hornung betrachtet die USA als "lehrreiches Beispiel für die eigene Weiterentwicklung", denn sie haben schon "dutzende Male in Verfassung, Gesetzen und Gerichten über die Auseinandersetzung mit ihrem weltbildlichen Pluralismus um die Identität ihrer Nation gerungen".8 Der Grund: "Gerade da, wo Ideologien sich an einem Tisch wiederfinden, entsteht Demokratie, denn sie sind plötzlich um ihrer eigenen Existenz willen gefordert, zu verhandeln, sich mit anderen zu verständigen."9

Konservative Denominationen wie die SBC und AOG verzeichneten seit Jahren steigende Mitgliederzahlen. Aber auch bei der jüngeren Generation evangelikaler Christen schwinde die einheitliche Definition religiöser Aussagen, gesellschaftlicher Kerninstitutionen und Wertorientierungen.10 Möglicherweise nähmen die Menschen lieber das Übel der Bevormundung in Kauf, als dass sie sich bei ihrer Lebensorientierung im Stich gelassen fühlten.

Für Hornung stellt der Rechtsruck "nur ein letztes Aufbäumen der traditionalen Kräfte" dar "vor ihrer bevorstehenden Umwandlung in einen neuen - wenn man so will "postmodernen" - Umgang mit der eigenen Tradition. Insofern wären soziale Bewegungen wie die NCR Vorboten einer ebenso neuen politischen Kultur."11

Die AfD vielleicht auch. (Ulrike Heitmüller)

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