Evangelische Akademie lädt israelisch-palästinensischen Friedensgruppen aus

Bild: Makaristos/CC BY-SA-1.0

Bestürzung nach der kurzfristigen Absage einer Tagung mit Referenten aus Israel und Palästina in Tutzing

Ein Foto mit dem Motto "Wir weigern uns Feinde zu sein", das auf einem großen Stein auf einer palästinensischen Olivenfarm geschrieben steht, lud auf der Webseite der Evangelischen Akademie Tutzing zu einer Nahost-Tagung mit einem außergewöhnlichen Konzept ein. Ein Jahr lang war daran gearbeitet worden und das Programm war bereits ausgedruckt und die Tickets der ausländischen Teilnehmer gekauft, als Akademiedirektor Udo Hahn die ganze Veranstaltung kurzfristig abblies. Vermutet wird auf Druck von außen. Entschiedener Widerspruch kam umgehend von Prof. Moshe Zimmermann und den übrigen Teilnehmern aus Israel und Palästina, von deutscher Seite gab es Bedauern und Kopfschütteln.

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Der Akademiedirektor begründet seine Entscheidung auf der Webseite der Akademie mit der nebulösen Formulierung, es sei nicht gelungen, "alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in angemessener Zahl zu gewinnen". Das mutet einigermaßen seltsam an: Das Konzept, das Verständigung in den Mittelpunkt stellte, war lange bekannt und akzeptiert, Vertreter von CDU, SPD und den Grünen hatten ihre Teilnahme zugesagt.

Die Evangelische Akademie Tutzing, malerisch am Starnberger See gelegen und in Gebäuden um einen historischen Prachtbau untergebracht, dürfte eine der schönsten Bildungsstätten überhaupt sein. Seit Jahren glänzt sie durch Tagungen besonderer Qualität. Berühmt wurde die Akademie u.a. dadurch, dass Egon Bahr hier zu einem sehr frühen Zeitpunkt Willy Brandts Ostpolitik vorstellte.

Die nun erst einmal abgesagte Nahost-Tagung - Direktor Hahn bezeichnet sie lediglich als verschoben, aber in diesem Jahr sind keine Wochenendtermine mehr frei - hatte ein besonderes Konzept, entwickelt von fünf Organisatoren zusammen mit der Akademie: Die Hauptrolle sollten verschiedene israelisch-palästinensischen Friedensgruppen spielen, darunter die Combatants for Peace, die gerade für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. Bewusst nicht eingeladen wurden hingegen Personen, die sich dem Dialog und der Anerkennung der jeweils anderen Seite verweigern. Namhafte Referenten wie der israelische Historiker Moshe Zimmermann und der frühere israelische Parlamentspräsident Avraham Burg hatten zugesagt.

In einem Brief an den evangelischen Landesbischof an den bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Akademiedirektor Hahn äußerte Moshe Zimmermann die Vermutung, dass es sich hier "um einen weiteren Versuch handelt, die kritischen Stimmen aus dem Nahen Osten auch in Deutschland zum Schweigen zu bringen". Die Begründung der Absage lasse vermuten, "daß sich unsere deutschen Gastgeber an die Haltung der offiziellen israelischen Politik angepaßt haben".

In Zimmermanns Brief (PDF), der von sämtlichen der eingeladenen Teilnehmer aus Israel und Palästina mitunterzeichnet wurde, heißt es an anderer Stelle: "Wir sind davon überzeugt, dass die Zukunft unserer Völker auf der Hoffnung beruht, über den Dialog zur Verständigung zu kommen, und dass wir auf Zusammenarbeit angewiesen sind. Wir sind nicht alle derselben politischen Meinung, wissen aber, dass der Weg zur Lösung des Nahostproblems nur über offene Diskussionen führen kann. Der Zustand der Besatzung und der seit einem halben Jahrhundert existierende Status quo führen ins Desaster."

Eine solche Tagung der intensiven Begegnung hätte eine seltene Gelegenheit zur Diskussion geboten, die in Israel oder in Palästina wegen der politischen Umstände unmöglich sei. Der frühere deutsche Botschafter in Israel, Rudolf Dreßler, nannte es zutiefst bedauerlich, "diese absolut ausgewogen besetzte Tagung" zu verschieben. Nicht einbezogen in die Absage wurde Ralph Deja, einer der sechs Organisatoren der Tagung. Aktiv bei Pax Christi und Vorstandsmitglied des Freundeskreises des liberalen Judentums teilt er die ins Zimmermanns Brief geäußerte Bestürzung. Die von der Akademie gegebene Begründung der Absage nannte er gegenüber Telepolis "nicht nachvolllziehbar", und er befürchtet eine Verschiebung der Tagung "auf den St, Nimmerleinstag".

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Einiges deutet darauf hin, dass der eigentliche Grund für die Absage in der Person einer der weiteren Organisator/innen zu finden ist. Diesem Kreis gehörten außer der stellvertretenden Akademiedirektorin Ulrike Haerendel und Deja noch Pfarrerin Jutta Höcht-Stöhr, Direktorin der Evangelischen Stadtakademie München, Gesa Tiedemann von der Petra-Kelly-Stiftung, die Schriftstellerin Alexandra Senfft und die Publizistin Judith Bernstein, Sprecherin der Jüdisch-palästinensischen Dialoggruppe München, an.

Die "Süddeutsche Zeitung" äußerte in einem Bericht eine Vermutung, die Kennern der Münchner Verhältnisse auch gleich gekommen war: Die Absage könne betrieben worden sein, weil Judith Bernstein, eine in Israel geborene Jüdin deutscher Eltern, die BDS-Kampagne (den Boykott israelischer Produkte zur Beendigung der Besatzung) befürwortet. Akademiedirektor Hahn antwortet auf die Frage, ob dies eine Rolle bei der Verschiebung gespielt habe, ausweichend, er wolle Aktivitäten von Kooperationspartnern nicht kommentieren.

Die ängstliche Haltung der Akademie dürfte im Zusammenhang mit einer generell zunehmenden Militanz einiger deutscher Gruppen zu sehen sein, die hinter der israelischen Regierungspolitik stehen. In München wurde im Herbst auf Intervention des städtischen Kulturreferenten im Eine-Welt-Haus eine Vortragsveranstaltung des regierungskritischen israelischen Publizisten Abi Melzer über Antisemitismus abgesagt.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, hatte ihn als "berüchtigten Antisemiten" bezeichnet, von einem Münchner Gericht wurde im Dezember 2016 bei Androhung einer Strafe von 250.000 Euro die Wiederholung dieser Behauptung untersagt. Dem Veranstalter des Melzer Vortrags, dem Arbeitskreis Palästina-Israel Salam Shalom, stellt das Eine-Welt-Haus inzwischen bis auf weiteres keine Räume mehr zur Verfügung.

Noch weiter geht Münchens 2. Bürgermeister Josef Schmid (CSU). Er hat sich öffentlich dafür ausgesprochen, keine Personen mehr in städtischen Räumen auftreten zu lassen, die den Boykott israelischer Produkte unterstützen. Ob sich die SPD einer solchen Forderung anschließt, wird sich schon bald zeigen: Am 24. Mai ist im Münchner Gasteig ein Vortrag des bekannten israelischen Journalisten Gideon Levy von der oppositionellen Tageszeitung Haaretz vorgesehen, veranstaltet von der Jüdisch-palästinensischen Dialoggruppe München. Levy, der über 50 Jahre israelischer Besatzung sprechen soll, steht voll hinter dem Boykott. Eigentümer des Gasteigs ist die Stadt München. (Rolf-Henning Hintze)

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