Ex-Muslime: Islamkonferenz abschaffen

Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi über die Trennung von Staat und Religion und die Rolle der islamischen Verbände

Die Deutsche Islamkonferenz ist ein Werkzeug, mit dem die muslimischen Verbände die Scharia allmählich auf dem Boden der Bundesrepublik einführen wollen - das sagt Mina Ahadi, die dem Islam abschwor, und dafür im Iran zum Tode verurteilt wurde.

Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ist ein Deal zwischen der Bundesregierung und den globalen Islamisten verschiedener Herkunft - sie dient nicht der Integration, sondern der Abschottung: Das ist die Position des Zentralrats der Ex-Muslime (ZdE), der am 3. Mai 2013 in Köln eine Resolution verabschiedet hat. Danach versucht sich der weltweit vernetzte politische Islam auch in Deutschland durchzusetzen und benutzt die Deutsche Islamkonferenz als Instrument, damit reaktionäre islamische Organisationen mehr Einfluss gewinnen auf die Politik gewinnen. Mina Ahadi, 1959 im Iran geboren, 1981 aus dem Iran geflohen, ist die Vorsitzende des ZdE, der 2007 gegründet wurde.

Frau Ahadi - Wie tritt man eigentlich aus dem Islam aus?
Mina Ahadi: Das war für mich eine private Angelegenheit. Als Schülerin habe ich irgendwann aufgehört zu beten und mir gesagt: Ich bin keine Muslimin mehr. Allerdings habe ich darüber nicht offen geredet. Unter dem Regime des Shahs war es noch relativ einfach, dem Islam abzuschwören. Allerdings wurde das nach der Machtübernahme durch die Islamisten in Iran sehr gefährlich. Denn aus der Sicht des islamischen Gesetzes gesehen, darf niemand den Islam verlassen - es ist eine große Sünde, die hart bestraft werden muss.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Mina Ahadi: Mein Vater war zu dem Zeitpunkt schon gestorben. Meine Mutter blieb gelassen: Junge Menschen sind halt so, wenn sie studieren, dann fangen sie an rebellisch zu werden, sagte sie. Mein Onkel diskutierte bei uns Zuhause immer darüber, ob der Prophet Mohammed oder Charles Darwin recht hat mit seiner Weltanschauung. Und auch mein Großvater war Islamkritiker. Als Kind habe ich diese Diskussionen häufig miterlebt.
Sind Sie als Ex-Muslimin aus dem Iran eine Ausnahme?
Mina Ahadi: Ich habe Kontakt zu sehr vielen Menschen, die aus dem Iran kommen und sich vom Islam abgewendet haben. Doch es gibt auch sehr viele Menschen, die aus anderen Regionen, etwa aus Afghanistan oder der Türkei kommen. Es gibt immer mehr kulturreligiöse Menschen, die sich im Alltagsleben von den Vorschriften des Koran lösen. Man sieht muslimische Frauen ohne Kopftuch, die arbeiten, Alkohol trinken und tanzen gehen - wir sind viele.
Mina Ahadi. Foto: Arnd Zickgraf.
Dann müssten Sie doch auch zur Deutschen Islamkonferenz geladen werden. Immerhin vertreten Sie als Ex-Muslimin negative Religionsfreiheit?
Mina Ahadi: Es stimmt, eigentlich gehören die Ex-Muslime in die Deutsche Islamkonferenz. Doch eine Einladung der Bundesregierung würde ich ablehnen, weil ich grundsätzlich gegen die Islamkonferenz bin.
Sie wollen die Deutsche Islamkonferenz abschaffen. Dabei hat eine Studie jüngst gezeigt, dass über 80 Prozent der Muslime hierzulande die Demokratie als eine gute Staatsform ansehen. Kann sich das nicht die DIK als Erfolg ans Revers heften?
Mina Ahadi: Die Menschen aus muslimischen Ländern möchten natürlich auch am Wohlstand teilhaben und in Gleichheit, Freiheit und demokratischen Verhältnissen leben. Aber das ist kein Erfolg der Deutschen Islamkonferenz - im Gegenteil. Diese Konferenz zielt nicht auf Integration ab. Die deutsche Regierung setzt vier Millionen Menschen der Machtpolitik der islamischen Verbände aus und Schritt für Schritt werden durch die Islamkonferenz Kopftuchzwang sowie ein an der Scharia orientierter Islamunterricht erlaubt. So bekommen die Islamisten mehr Einfluss und mehr Macht. Einen an der Scharia orientierten Islam ohne Diskriminierung von Frauen gibt es nirgendwo auf der Welt.
Bisher hat es in Deutschland keine großen terroristischen Anschläge gegeben. Liegt das nicht auch an den vertrauensbildenden Gesprächen zwischen Staat und islamischen Verbänden?
Mina Ahadi: Nein. Das liegt an der Arbeit von Verfassungsschutz und Polizei. Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich Vertreter von Staat und muslimischen Verbänden zusammensetzen und die Lage beruhigen. Die muslimischen Verbände spielen mit verschiedenen Karten. Deutschland ist durch die Gespräche mit den Muslimen nicht sicherer geworden. Die sogenannten Muslime oder Menschen aus islamischen Ländern sollen sich hier integrieren, wohlfühlen, aber auf der Grundlage der Menschenrechte und nicht, indem sie dem Islam und der Scharia anhängen.
Auf den Seiten der Islamkonferenz gibt es eine Bildunterschrift, die lautet: "Kopftücher gibt es in allen Farben" oder Artikel über Neue Kopftuchmode in Deutschland. Was haben Sie dagegen einzuwenden?
Mina Ahadi: Das Kopftuch ist ein Symbol für die Zugehörigkeit zum Islam geworden: eine Flagge des politischen Islams. Die Bundesregierung sollte das Phänomen nicht verharmlosen, denn sonst spielt sie in die Hände der muslimischen Organisationen und Islamisten. Auf der Internetseite dürfen gut aussehende, selbstbewusste Muslime über Kopftücher in verschiedenen Farben schreiben. Schön und gut. Doch ich frage mich, kann man auf der Homepage der Islamkonferenz auch Artikel gegen das Tragen von Kopftüchern schreiben? Das halte ich für ausgeschlossen.
Tagung des Zentralrats der Ex-Muslime in Köln. Foto: Arnd Zickgraf.
Sie unterscheiden nicht zwischen dem Islam und dem Islamismus. Warum nicht? Gemäßigte Muslime sind doch überwiegend friedlich …
Mina Ahadi: Seit der Revolution im Iran und die Machtübernahme durch die Mullahs vor 30 Jahren haben wir es mit einem politischen Islam zu tun, der versucht Macht in verschiedenen Ländern zu bekommen, auch in Deutschland. Am Anfang waren in der Deutschen Islamkonferenz sogar reaktionäre muslimische Organisationen vertreten, zum Beispiel Milli Görüs, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Doch gemäßigten und radikalen Muslimen ist eins gemeinsam: Sie sind für die Scharia, wollen Islamunterricht und die Ausbildung von Imamen. Auf den Seiten der Deutschen Islamkonferenz gibt es Beiträge über Einführung der Scharia, zum Beispiel in familiären Angelegenheiten. Auch auf diesem Weg versuchen die Vertreter der muslimischen Organisationen die Scharia allmählich hoffähig zu machen.
Am 3. Mai 2013 hat der Zentralrat der Ex-Muslime in Köln eine Resolution verabschiedet. Sie richtet sich gegen staatliche Gelder für den Bau von Moscheen aussprechen oder islamische Zentren, gegen die Einführung von Islamunterricht und gegen islamische Kopfbedeckung in Schulen und Universitäten. Sie vertreten damit Positionen, wie man sie von der rechtsradikalen Pro NRW kennt.
Mina Ahadi: Zunächst sind Rechte wie Pro NRW auch gegen Muslime. Rechtsextreme gehen davon aus, dass ihre Religion oder Weltanschauung anderen Glaubensbekenntnissen überlegen ist. Und sie versuchen, ein Klima des Hasses und der Ausländerfeindlichkeit zu erzeugen. Das wollen wir nicht. Wir kämpfen für die Rechte von Millionen von Menschen unabhängig ihrer Religionsangehörigkeit, gegen islamische Frauenfeindlichkeit, menschenfeindliche Organisationen und gegen Rechtsextremisten, die mit Ausländer-raus-Parolen Hetze betreiben. Wir wenden uns dagegen, dass Scharia und Steinigungen als Kultur wahrgenommen werden und wollen Zwangsheiraten und das Tragen von Kopftüchern nicht verharmlosen. Wenn man nichts gegen die Unterdrückung in muslimischen Familien unternimmt oder gegen Ehrenmorde oder die Abschottung der Muslime, dann rutscht die ganze Gesellschaft immer weiter nach rechts. Wir legen nur den Finger in die Wunde - und versuchen einen Ausweg zu finden.
Von welcher Wunde sprechen Sie?
Mina Ahadi: Von Unterdrückung in muslimischen Familien, von immer mehr kleinen Mädchen mit Kopftüchern und von Jugendlichen, die sich zunehmend radikalisieren, von reaktionären muslimischen Organisationen, die politisch sehr aktiv sind und von der Errichtung von immer mehr Moscheen - selbst in meinen Bekanntenkreis in Köln hat sich kürzlich ein 19-Jähriger radikalisiert, der in Deutschland geboren wurde, dessen Eltern Kommunisten sind. Der innere Druck auf die Muslime wächst. In London sollen schon Sittenwächter abends herumlaufen, die Frauen erniedrigen, wenn sie kein Kopftuch tragen.
Was erwarten Sie vom Staat?
Mina Ahadi: Die Bundesregierung lässt sich in erster Linie von wirtschaftlichen und politischen Interessen leiten, von Stabilitätserwägungen. Ich erwarte, dass Religion und Staat getrennt werden. Ich erwarte, dass er das Prinzip der universalten Menschenrechte respektiert und die Zusammenarbeit mit Befürwortern von Scharia und Steinigung beendet.
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