"Exorbitante Strompreise" würgen spanische Wirtschaft ab

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Stahlhersteller Sidenor stellt die Produktion zunächst zeitweise ein und auch bei der Tourismusindustrie schrillen Alarmglocken

Die extremen Strompreise treiben nicht nur die Inflation stark an. Vielmehr würgt das absurde spanische Tarifsystem, das dazu beiträgt, die Strompreise auf immer neue Rekordhöhen zu jagen, inzwischen die Wirtschaft ab. Das Wachstum war schon im zweiten Quartal deutlich hinter den Prognosen zurückgeblieben und hat nur um schwache 1,1 Prozent zugelegt.

Die enormen Strompreise, die dem Strom-Oligopol vom "Himmel fallende Milliardengewinne" bescheren, bremsen nun immer deutlicher die Erholung der Wirtschaft nach der Covid-Pandemie ab. Angesichts der "exorbitanten Strompreise" hat der Stahlhersteller Sidenor entschieden, zunächst seine Produktion im baskischen Werk Basauri für 20 Tage einzustellen. Da sich die Stromkosten um 300 Prozent hätten, seien die Kosten pro Tonne Stahl um 25 Prozent gestiegen, was zu Verlusten führe.

Sidenor will damit nun die Auswirkungen der hohen Stromkosten auf das Unternehmen "begrenzen". Es ist nur eine erste Maßnahme, die das eigentliche Problem nicht löse. "Wenn die derzeitige Situation der unkontrollierten Strompreise anhält", seien weitere und vermutlich drastischere Maßnahmen nötig, kündigt das Unternehmen an.

Tatsächlich ist der Strompreis überall in Europa angestiegen, aber in Spanien werden die zum Teil auch über Spekulation in die Höhe getriebenen Börsenpreise schnell und direkt an Kleinverbraucher weitergegeben. Am Montag wurde zwar kein neuer Allzeitrekord erreicht, da die Nachfrage wegen des Feiertags am heutigen Dienstag niedriger war, doch war der durchschnittliche Großhandelspreis mit gut 184 Euro pro Megawattstunde (MWh) weiter extrem hoch.

Strompreis: Sechsmal so hoch wie vor einem Jahr

In der ersten Oktoberwoche war der Strompreis mit durchschnittlich fast 205 Euro sechsmal so hoch wie noch vor einem Jahr. Am vergangenen Donnerstag war ein doppelter Allzeitrekord registriert worden. Der Preis ist auf 288 Euro/MWh explodiert und verzeichnete mit 60 Euro gegenüber dem Vortag einen bisher nie gekannten Anstieg.

Für stromintensive Betriebe wie Sidenor sind solche Preise fatal. Schon im September hatte die "Vereinigung der Energieintensiven Unternehmen" (AEGE) vorgerechnet, dass spanische Betriebe wegen der hohen Strompreise im Land an Konkurrenzfähigkeit verlieren würden. Strom in Spanien sei für diese Betriebe doppelt so teuer wie beim Nachbar Frankreich und war pro MWh schon im Sommer um 36 Euro teurer als in Deutschland.

Es sind aber nicht nur stromintensive Betriebe und Kleinverbraucher, denen über die exorbitanten Preise viel Kaufkraft geraubt wird. Darüber wird wiederum die Binnennachfrage geschwächt und die Konjunktur weiter belastet. Auch in der Tourismusindustrie, ein zentraler Pfeiler der spanischen Ökonomie, schrillen inzwischen die Alarmglocken.

Kostenanstieg im Tourismus

Der spanische Verband für Hotels und touristische Unterkünfte (Cehat) spricht davon, dass sich der Strompreis inzwischen verdreifacht habe, was die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Bezahlung von Lieferanten oft inzwischen genauso unmöglich mache, wie dem Schuldendienst nachzukommen, da dieser "brutalen Kostenanstieg" nicht auf die Preise aufgeschlagen werden könne.

Der Druck auf die sozialdemokratische Regierung, die weiter mit Notmaßnahmen an den Wirkungen herumdoktert, anstatt an die Ursachen zu gehen, wird stärker. Dazu würde gehören, endlich am absurden Tarifsystem im Land etwas zu ändern, was sogar der konservative frühere EU-Energiekommissar Günther Oettinger schon vor neun Jahren gefordert hatte.

Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez hat den Ball dagegen nach Brüssel gespielt und der Europäischen Union vorgeschlagen, den Einkauf des Gases zu bündeln, um billiger einkaufen zu können. Dabei sind dringende Reformen an den hausgemachten Problemen nötig und das Sonnen-, Wind- und Wellenland muss endlich verstärkt auf erneuerbare Energien (EE) setzen, wie es Oettinger ebenfalls gefordert hatte.

Im Nachbarland Portugal wurde das längst getan. In den ersten acht Monaten wurde dort der Strombedarf zu 63 Prozent über billigen EE-Strom gedeckt. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Inflation im Land deutlich mit 1,3 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 3,4 Prozent liegt.

Sie liegt damit noch deutlicher unter der offiziellen Inflation in Spanien, die mit vier Prozent angegeben wird und derzeit direkt und indirekt vom Strompreis getrieben wird. (Ralf Streck)