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Exorzisten und der Dämon, den man austreiben muss

Wer ist der Teufel - und was macht man mit ihm?

Man fürchtet ihn, und wenn jemand besessen ist, dann treibt man ihn aus. Zumindest, wenn man katholisch oder evangelikal ist. Oder? Im Januar 2013 berichtete der sehr evangelikale Mediendienst Idea [1], dass die Nachfrage nach Teufelsaustreibungen wachse und die katholische Kirche in Italien und Polen zusätzliche Exorzisten ausbilde.

Besessenheit und Teufelsaustreibungen sind verbreitete Vorstellungen: Immer wieder erzählen Autoren [2] und Regisseure [3] solche Geschichten. Die meisten davon sind erfundene Horrorstorys.

Manche aber berichten auch tatsächliche Ereignisse, von Menschen, die sich für besessen hielten oder für besessen gehalten wurden. Zum Beispiel lief am 14. November in den Kinos der Film Jenseits der Hügel [4] an. Er erzählt die Liebe zwischen zwei jungen Frauen in Rumänien. Alina flieht vor der Armut nach Deutschland, Voichita geht in ein einsames Kloster. Alina will ihre Freundin nach Deutschland nachholen und fährt zu ihr. Voichita aber will ihre Gelübde ablegen und im Kloster bleiben.

Jenseits der Hügel. Bild: Wild Bunch.

Alina kämpft um ihre Freundin, und das Ganze endet damit, dass sie an den Folgen eines Exorzismus stirbt [5]. Der Film - nach einer wahren Geschichte - hat im vergangenen Jahr in Cannes den Preis für das beste Drehbuch gewonnen, und die beiden Darstellerinnen bekamen den ersten Preis für ihre Leistungen.

Einige Jahre zuvor erschien der ebenfalls preisgekrönte Film Requiem [6] von Hans-Christian Schmid. Auch er erzählt die Geschichte einer jungen Frau. Das Vorbild für den Film, Anneliese Michel [7] aus Klingenberg, litt an epileptischen Anfällen. Und sie war streng katholisch erzogen worden.

Man glaubte, sie sei dämonisch besessen. Der Bischof erteilte aufgrund eines entsprechenden Gutachtens eines Jesuitenpaters den Auftrag zum Exorzismus - an dessen Folgen sie starb. Diese Ereignisse hatten sich erst Anfang der 1970er Jahre in Deutschland zugetragen.

Die Katholische Kirche kennt auch heute noch offiziell den Ritus des Exorzismus: Der "Kleine Exorzismus" ist ein Gebet des Priesters um Befreiung von den Mächten des Bösen, wie es bei jeder Taufe, aber auch im Vaterunser ausgesprochen wird. Der "Große Exorzismus" ist ein besonderes Ritual, das ein Bischof genehmigen muss und nur ein besonders beauftragter Priester durchführen kann. Aber auch er besteht in der Hauptsache aus Gebet.

Manche evangelikalen Freikirchen, vor allem charismatischer oder pfingstlerischer Ausrichtung, kennen ebenfalls Exorzismen, wenn auch nicht als festgelegten Ritus.

Einem Exorzismus liegt die Vorstellung zugrunde, dass es ein Böses gibt. Vielleicht als eine unfassliche Macht, vielleicht - dies wohl eher im evangelikalen Bereich - als eine Person: jedenfalls als etwas, das den Menschen beherrschen kann. Der Mensch kann es aber auch mit Gottes Hilfe vertreiben.

Bloß kann er es weder besiegen noch vernichten: Das Böse bleibt immer existent. Und das bedeutet in dieser Vorstellung: Der Mensch braucht immer den Schutz Gottes. Letztlich heißt es auch: Er braucht die Kirche und den Priester/Pfarrer/Pastor.

Exorzisten in der Katholischen Kirche in Deutschland heute?

In der Katholischen Kirche in Deutschland ist man bei Auskunftsersuchen zu diesem Themenbereich sehr zurückhaltend. Auf die Presseanfrage, ob und in welchen Bistümern in Deutschland es Exorzisten gibt, verweist der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz [8] an die Pressestellen der 27 deutschen Diözesen (Verwaltungsbezirke der Katholischen Kirche) [9]. Von diesen beantwortet etwa ein Drittel eine entsprechende Anfrage gar nicht. Naja, in Limburg hat man wohl anderes zu tun und in Eichstätt [10] fehlt ein Redakteur.

Die Antworten, die dann per Email kamen, waren sehr unterschiedlich:

Klingenberg gehört zum Bistum Würzburg, und seit dem Exorzismus von Frau Michel gibt es im Bistum Würzburg - das eine Dokumentation zu diesem Fall erstellt hat - keinen offiziell bestellten Exorzisten mehr. Auch im Erzbistum Bamberg gibt es keinen Exorzisten, also werden auch keine Exorzismen durchgeführt.

Im Ruhrbistum (Essen) wurde seit seiner Gründung im Jahr 1958 kein Exorzismus durchgeführt. Auch im Bistum Mainz gibt es keinen Exorzismus, ebenso wenig in Hildesheim. Im Erzbistum Berlin existieren ebenfalls weder katholische Exorzismen noch Exorzisten. Fazit: Man kann wohl davon ausgehen, dass es in den meisten Bistümern keinen bestellten Exorzisten (mehr) gibt.

"Ich bin besessen"

Nun aber wenden sich immer wieder Menschen an die Kirche, die glauben, sie seien dämonisch besessen. Wie reagiert die Kirche darauf?

In Bamberg gibt es einen Ansprechpartner, an den entsprechende Anfragen weitergeleitet werden. "Diese - sehr wenigen - Anfragen können meist in seelsorgerischen Gesprächen geklärt werden", so die Pressestelle.

Ähnlich in Hildesheim: "Anfragen nach Exorzismus geben wir vertraulich an einen vom Bischof beauftragten Priester weiter, der mit den Anfragenden Kontakt aufnimmt und den Kontakt zu Seelsorgern herstellt, die bereit sind, diese Personen seelsorgerlich zu begleiten, z. B. durch die Spendung des Krankensegens oder der Krankenkommunion."

Auch im Erzbistum Berlin erlebt man dies hin und wieder. Pressesprecher Stefan Foerner: "Vereinzelt wenden sich Menschen auch an uns mit der Frage nach einem Exorzisten." Und dann? Dann "verweisen wir immer an Seelsorger mit einer zusätzlichen therapeutischen oder klinischen Zusatzqualifikation."

Ähnlich Nicolas Schnall, Redakteur und stellvertretendem Leiter der Pressestelle des Bischöflichen Ordinariats Augsburg: "Das Problem einer subjektiv wahrgenommenen dämonischen Belastung ist recht vielschichtig. Psychisch erkrankte Personen erleben bisweilen außerordentlich belastende Phänomene von Fremdbestimmtsein und deuten sie dann als Besessenheit oder Umsessenheit."

Teufel und Krankheit

Mit anderen Worten: Wer glaubt, von einem Dämon besessen zu sein, ist wahrscheinlich psychisch krank und bekommt den Rat, einen Therapeuten aufzusuchen. Aber: Ist das immer so? Was wurde aus dem Exorzismus?

Schnall: "Mit Blick auf die geistliche Dimension und Begleitung ist zu sagen, dass schon jedes fürbittende oder gemeinsame Gebet, aber auch Gespräche mit den Betroffenen hier eine Unterstützung darstellen können. Der sogenannte große Exorzismus hingegen bedarf einer speziellen Ausbildung und Beauftragung des Geistlichen durch den Bischof und findet nach unserem Kenntnisstand zurzeit keine Anwendung in der Diözese Augsburg."

Also doch nicht in jedem Fall psychisch krank? Es kann eine Besessenheit geben, die eines Großen Exorzismus bedarf?

Noch einmal der Berliner Pressesprecher Stefan Foerner: "Aufgrund der Erfahrungen mit dem 'Fall Klingenberg', bei dem der Versuch eines Exorzismus letztlich ursächlich für den Tod der jungen Frau war, gibt es eine große Zurückhaltung beim Thema Exorzismus. In jedem Fall müsste ein Exorzist vom Bischof dazu ernannt und dafür beauftragt werden, eine psychische Erkrankung zweifelsfrei ausgeschlossen werden."

Im Erzbistum Köln kennt man einen "Befreiungsdienst". Markus Roentgen von der dortigen Abteilung Erwachsenenseelsorge: "Es gibt keine erhobenen Zahlen zur Spendung des sogenannten 'Befreiungsdienstes'." Der Modus im Erzbistum Köln: "Hier nimmt dies ein vom Erzbischof beauftragter Priester wahr, allerdings nur im Sinne einer Letztmöglichkeit eines zusprechenden Betens. Hierfür gibt es das Ritual des Befreiungsdienstes der Kirche, das mittlerweile auch ins Deutsche übertragen ist. Nur dieser Priester hat die Erlaubnis, gegebenenfalls diesen Dienst auszuüben."

Bei diesen Ausführungen fragt man sich automatisch, worin denn eigentlich der Unterschied zwischen Exorzismus und Befreiungsdienst liegt. Pressesprecher Christoph Heckeley: "Der Begriff 'Befreiungsdienst' bedeutet, dass im Rahmen des seelsorgerlichen Kontaktes gegebenenfalls das Gebet des Exorzismus, das aus dem Lateinischen übersetzt worden ist, gesprochen wird."

Also doch Exorzismen? Warum? Roentgen: "Das Gebet um Befreiung gibt dem Raum, dass Menschen sich personal von dämonischen oder bösen Mächten besetzt fühlen." Dass jemand glaubt, er sei besessen, könne "in unserer Gesellschaft" häufiger werden, weil weniger Menschen in einem reflektierten Glauben verwurzelt seien.

Und auch, weil ins Erzbistum Köln Menschen kommen, "in deren Kulturkreis Dämonen ganz selbstverständlich zum Weltbild gehören". Dies sei eigentlich vollkommen unpassend: "Wir stehen also vor der Situation, dass Menschen von sich aus mit einem Bedürfnis auf uns zukommen, das für die Kirche an sich gar kein Thema ist."

Also ein Exorzismus, um einen Kranken zu heilen: "Dem wird im Beten als einer ultima ratio der Bitte um Befreiung von diesem Gefühl der Besetztheit Raum gegeben. Mitunter ist eine Linderung schon ein wichtiger Schritt. Oft gelingt es auch, eine pathologische Fixierung in eine 'normalere' Form von psychischer Belastung zu verwandeln. Dann ist schon viel erreicht."

Was ist die Aufgabe der Kirche?

Der Priester tut demnach so, als glaube er dem Menschen, der sich für besessen hält. Er führt einen Befreiungsdienst durch. Der Kranke glaubt - wenn alles gut geht - von nun an nicht mehr, dass er von einem Dämon besessen ist, sondern er hat eine "normale" psychische Krankheit.

Das klingt weise. Vielleicht ist es das auch. Die Verwandlung einer psychischen Krankheit (die in dem Glauben besteht, dämonisch besessen zu sein) in eine "normale" psychische Krankheit, ist sicherlich wünschenswert. Aber man fragt sich doch, ob der Priester den Kranken nicht letztlich entmündigt, wenn er unter dieser Perspektive einen Exorzismus durchführt.

Außerdem führt dies zu der Frage nach der Aufgabe der Kirche - und danach, was sie unter dem Teufel, dem Bösen, oder einem Dämon verstehen "muss", um nicht den eigenen Glauben zu verraten. Worin besteht der Glaube der Kirche? Braucht sie den Teufel? Und wenn ja: Was für einen? Und wofür?

Eine schwierige Frage - und man sollte nicht glauben, dass die Kölner es sich leicht machen würden. Markus Roentgen: "Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., [hat] klar angewiesen, [dass vor so einem Befreiungsdienst] alle psychologischen, medizinischen, psychiatrischen und seelsorglichen Formen der Behandlung und Konsultation einzubeziehen [sind]; auch die gegenseitige Konsultation der beteiligten Ärzte und Seelsorgenden."

Die Kirche versucht zudem, sich nicht vor den Karren eines psychisch Kranken spannen zu lassen: "Der Befreiungsdienst wird nicht 'auf Wunsch' gespendet."

Und sie versucht es auch erst mit einem "normalen" Gebet: "In der Regel wird dem belasteten oder sich besetzt fühlenden Menschen angeboten, das Vaterunser zu beten, dessen letzte Bitte 'und erlöse uns von dem Bösen' im Herzen des Betens Jesu steht. Ein größeres Gebet als das Vaterunser hat die Kirche nicht. Dieses Beten muss von seelsorglicher Begleitung kompetent und nachhaltig gestützt sein."

Notfalls an eine weltanschaulich neutrale Institution vermitteln

Auch in der Diözese Stuttgart wird ein Exorzismus nicht von vornherein ausgeschlossen; und auch hier sucht man erst nach anderen Wegen. Pressesprecher Uwe Renz: "Nach den bischöflichen Richtlinien in unserer Diözese, muss, um das Anliegen eines Exorzismus prüfen zu können, die Stellungnahme beziehungsweise Beurteilung eines erfahrenen Seelsorgers sowie eines Facharztes eingeholt werden."

Interessant ist folgender Aspekt, den als einziger Uwe Renz nennt: "Aufgrund der erfahrungsgemäß wenig nachhaltigen und zudem induzierenden Wirkung des Exorzismus, gilt uns der Exorzismus grundsätzlich als ultima ratio."

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart scheint auch die einzige zu sein, die nicht nur mit Fachärzten zusammenarbeitet, sondern eben auch weltanschauliche Grenzen offen respektiert: "Menschen mit einem anderem weltanschaulichen Hintergrund, oft nicht getauft, sind beispielsweise kaum zu pastorieren, zumal sie meist nicht bereit sind, sich auf die christliche Botschaft einzulassen. Schon daher ist die Anwendung eines Exorzismus nicht verantwortbar. Soweit möglich, vermitteln wir solche Anfragen an weltanschaulich neutrale Institutionen weiter."

Aber bei einem Gläubigen gilt der Exorzismus eben doch als Möglichkeit, wenn auch nur als letzte. Renz erklärt weiter: "Seine Anwendung macht unseres Erachtens auch nur dann Sinn, wenn die betroffene Person im gesamten Glaubenskontext der katholischen Kirche steht. Die Hilfe, welche die Kirche in solchen Fällen den Gläubigen anbieten kann, liegt in einer komplexen pastoralen Zuwendung, bei der zunächst neben Gespräch und Gebet die Spendung der Sakramente (Krankensalbung, Buße) im Vordergrund steht.

Ebenso gilt es, die eventuell auftretenden außergewöhnlichen Phänomene, aber auch eventuell vorliegende psychopathische Krankheitsbilder von medizinischer Seite abzuklären. In der Regel wird daher eine Zusammenarbeit von Seelsorger und Arzt angestrebt. Erst in diesem Gesamtzusammenhang kann unter Umständen auch ein Exorzismus verantwortlich erwogen werden."

Außergewöhnliche Phänomene?

Exorzismus verantwortlich erwägen?

Wer nicht religiös ist, dem wird es bei solchen Worten wohl erst einmal kalt den Rücken hinunterlaufen.

Und demjenigen, der religiös ist, vielleicht auch.

Die Kirche scheint vor einem Dilemma zu stehen: Einerseits wird sie mit Anfragen nach Exorzismen konfrontiert. Andererseits glaubt, wer an einer ordentlichen Hochschule Theologie studiert hat, wohl kaum noch an einen Teufel mit Pferdefuß und Hörnern. Aber woran denn?

Wer Dummheit, Arroganz, Bösartigkeit kennt, mag sie dämonisch nennen. Wenn die Kirche dies tut: Ist sie dann fortschrittlich, oder gibt sie einen Teil ihrer Transzendenz auf?


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http://www.heise.de/-3362683

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.idea.de/detail/newsticker.html?tx_newsticker_pi1[id]=21230
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Carrie_%28Roman%29
[3] http://www.imdb.com/title/tt0070047/
[4] http://www.amazon.de/dp/B00FWJ48RK/ref=nosim?tag=telepolis0b-21
[5] http://www.spiegel.de/kultur/kino/exorzismusdrama-jenseits-der-huegel-von-cristian-mungiu-startet-a-933134.html
[6] http://www.amazon.de/dp/B000GQMQ50/ref=nosim?tag=telepolis0b-21
[7] http://www.anneliese-michel.com/
[8] http://www.dbk.de
[9] http://www.dbk.de/katholische-kirche/katholische-kirche-deutschland/aufbau-ktah-kirche/bistuemer/
[10] http://www.stepstone.de/stellenangebote--Redakteur-in-Eichstaett-Bischoefliches-Ordinariat-Eichstaett--2710358-inline.html?cid=partner_newsroom___SP