Explosion auf einem russischen Raketentestgebiet sorgt für erhöhte Radioaktivität

Test einer Zirkon-Hyperschallrakete 2017. Nach Gerüchten könnte es zu einer Panne mit einer solchen Rakete gekommen sein. Bild: Russisches Verteidigungsministerium

Menschen in der Region sollen Jod kaufen, Spekulationen schießen ins Kraut, als Ursache wird eine Panne mit einer Hyperschallrakete oder gar einer Atomrakete gehandelt

Gestern wurden erneut Menschen bei einer Explosion in einem Munitionslager für Minen und Raketen bei Atschinsk in der Region Krasnojarsk verletzt. Ursache soll ein Blizschlag gewesen sein. Am Montag war es dort bereits durch Feuer ausgelöste zu Explosionen gekommen, bei denen mehrere Menschen verletzt und einer getötet wurden. Dort sollen 40.000 Granaten lagern, aber Genaueres ist unbekannt. Die Behörden hatte 16.000 Menschen, die in einem Umkreis von 20 km um das Depot leben, evakuiert, der Luftverkehr wurde vorübergehend eingestellt und der Notstand verhängt. Nach dem stellvertretenden Verteidigungsminister Dmitry Bulgakov sei die Ursache menschliches Versagen gewesen.

Geheimnisvoller ist aber die Explosion einer Raketenstufe auf einem Testgelände in der Region Archangelsk am Weißen Meer am Donnerstag in Russland. Zwei Menschen sollen getötet und sechs verletzt worden sein, in der nahe gelegenen 185.000-Einwohner-Stadt Severodvinsk soll es nach den Behörden mittags zu einem kurzzeitigen Anstieg der Radioaktivität gekommen sein, was sich aber wieder normalisiert habe. Das russische Verteidigungsministerium gab allerdings bekannt, die Radioaktivität sei normal, es seien keine giftigen Gase entwichen. Es habe sich um den Test eines Flüssigkeitsantriebssystems gehandelt, das explodiert sei.

Greenpeace Russland verweist auf die Messung der Stadtbehörden und sagt, mit einer Erhöhung auf 2 μSv/h (Mikrosievert) sei die normale Hintergrundstrahlung um das Zwanzigfache überschritten worden. Es könnten Alpha- und Beta-emittierende Radionuklide in der Luft sein, die möglicherweise gefährlich sein könnten. Greenpeace fordert von der Verbraucherschutz- und Gesundheitsbehörde Rospotrebnadzor Aufklärung darüber, wie hoch die Strahlung am Unglücksort angestiegen sei, welche Radionukleotide freigesetzt wurden, ob eine Gefahr für die Menschen bestehe und welche Ursache die Erhöhung der Radioaktivität hatte. Nach Kommersant waren die Radioaktivitätswerte für eine halbe Stunde erhöht und fielen dann wieder auf 0,1 Mikrosievert. Die Stadtbehörde gab entsprechend Entwarnung.

Nach Medienberichten glauben die Menschen in den Städten Archelansk und Severodvinsk offenbar den beruhigenden Angaben aus dem Verteidigungsministerium nicht und sollen heute massenweise Jod zum Schutz vor radioaktiver Strahlung gekauft haben.

Wilde Spekulationen

Derweilen wird aufgrund des Schweigens des Verteidigungsministerium wild darüber spekuliert, was in die Luft geflogen sein könnte. Nicht einmal ganz klar ist, ob sich die Explosion wirklich auf dem Raketentestgelände oder nicht auf dem Meer ereignet hat. Auf dem Gelände werden auch Marschflugkörper von der Marine getestet. Angeblich sollen einige der Verletzten nach Moskau zur Behandlung gebracht worden sein.

Gerüchte zirkulieren, es könne sich um eine neue Hyperschallrakete des Typa Zirkon gehandelt haben. Sie soll seit 2017 im Einsatz sein, der russische Präsident Wladimir Putin sagte im Februar, sie könne Ziele auf dem Meer und dem Land treffen, habe eine Reichweite von über 1000 km und eine Geschwindigkeit bis zu Mach 9. Ausgerüstet werden Kriegsschiffe und U-Boote damit. Andrei Frolov, Kovorsitzender der Vereinigung von Moskauer Umweltschutzorganisationen, meint gar, dass Torpedos mit nuklearen Sprengköpfen getestet worden sein könnten

Kommersant berichtet, dass im Zusammenhang mit dem Vorfall die Dvina-Bucht für die zivile Schifffahrt für einen Monat gesperrt worden sei. Ein Offizier habe der Zeitung berichtet, die Sperrung könnte aufgrund einer Panne passiert sein, bei der das leicht entzündliche 1,1-Dimethylhydrazin aus dem Raketentreibstoff ausgetreten sei und eine Explosion verursacht habe. Bei Verbrennung bilden sich toxische Gifte, die beim Einatmen oder über die Haut aufgenommen und zahlreiche Folgen bis hin zu einem tödlichen toxischen Lungenödem haben können. Tonnen von Dimethylhydrazin könnten ins Meer gelangt sein. Das Verbot der Schifffahrt könnte dazu dienen, die Fischerei zu unterbinden, um Menschen nicht zu gefährden. Das sei auch früher bei Abstürzen von Raketen ins Meer geschehen. Nach drei oder vier Wochen sei das Gift so weit verdünnt, dass es nicht mehr gefährlich ist.

Vor allem britische Medien hypen den Vorfall auf und spielen spekulativ mit einem Atomunfall. Der Express titelt: "Was verbirgt Putin? Notfallschließung eines russischen Stützpunkts nach einer Panne mit einer 'Atomrakete'." Man setzt die Atomrakete in Anführungszeichen, hebt sie damit aber unheilbeschwörend in den Titel, kann aber nicht mehr als Vermutungen weitergeben. Auch Daily Mail kann auf die Personalisierung mit Putin nicht verzichten: "Is Putin covering up a nuclear disaster?" Ankit Panda von der FAS meint, es könne einen Unfall mit einem Nuklearantrieb für einen Marschflugkörper gegeben haben.

Update: Rosatom hat den Unfall bestätigt und spricht von 5 Toten sowie 3 Verletzten. Verursacht worden sei die Explosion beim Testen von Isotopen-Stromquellen in einem Flüssigkeitsantriebssystem. Es wird aber nicht darauf eingegangen, ob es einen Zusammenhang mit dem kurzzeitigen Anstieg der Radioaktivität gibt. Bei einem Flüssigkeitsantriebssystem wird keine Radioaktivität freigesetzt.