F. J. Strauß und der schrille Schrei der Todesfee

Generalstreffen 1961: Konteradmiral Karl-Adolf Zenker, General Josef Kammhuber, Generalmajor Albert Schnez, Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, General Hans Speidel und General Friedrich Foertsch (v. l. n. r.). Bild:Deutsches Bundesarchiv (Bild 183-83742-0001). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Heute wäre der große Vorsitzende der CSU, der Bayern umgebaut hat, 100 Jahre alt geworden

Ich sage es gleich zu Beginn und offen raus: Ich bin ein Opfer von Franz Josef Strauß. Weil ich, als der große CSU-Vorsitzende am Samstag, den 1. Oktober 1988 in das Krankenhaus eingeliefert wurde, als junger Redakteur am Wochenende in der Nachrichtenabteilung der Illustrierten "Quick" Dienst hatte. Und das mit dem Strauß und dem Krankenhaus der Chefredaktion erst eine Stunde später meldete. Danach haben sie mir meinen Vertrag nur noch um ein halbes Jahr verlängert.

Franz Josef Strauß (1982). Bild: U.S. federal government

Dem damaligen Chefredakteur der "Quick" mit dem schönen Namen Egon F. Freiheit saß der Verlag wegen der Auflage im Nacken, sie produzierten damals Schlagzeilen wie "Der schrille Schrei der Todesfee" (Explosion auf einer Bohrinsel). Nach meinem Weggang kam der Niedergang der Quick, die bald darauf ihr Erscheinen einstellte.

Jetzt bin ich dieser Tage die Landsberger Straße in München stadtauswärts gefahren und gab mich einer blitzartigen Erinnerung aus den 1970er Jahren hin. Die Szene: Ein Bierzelt in Feldmoching. Vorne spricht, ja donnert Strauß, CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident. Hinten sitzen die jungen Langhaarigen und skandieren: "Strauß raus! Stoppt Strauß!" Bis sie von den Saalordnern rausgeschmissen werden.

Ursache für eine derartige Botschaft aus dem Gedächtnis waren am Straßenrand hängende Plakate mit dem Bild von Franz Josef Strauß. Denn die Junge Union München West hatte für vergangenen Mittwoch zu einem großen Franz-Josef-Strauß-Abend im Hotel zur Post in Pasing geworben. Strauß sei die "DNA der CSU", ein "konservativer Mythos" - und der "König von Bayern", hießt es in der Einladung.

Franz Josef Strauß also. Geboren vor 100 Jahren am 6. September 1915 als Sohn eines Metzgers in der Schellingstraße 49. Nimmt man gern laue Sätze in den Mund, könnte man sagen, ein "umstrittener" Politiker. Die Wahrheit war, es war Krieg. "Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder", war einer seiner Sätze.

Strauß und seine Karriere sind gleichbedeutend mit Strauß und seinen Skandalen

Zuerst im Bundestag, dem er als Abgeordneter der CSU von 1949 angehörte, dann ab 1953 als Minister im Kabinett von Konrad Adenauer: erst für besondere Aufgaben, 1955 dann für Atomfragen, 1956 als Verteidigungs- und schließlich 1966 als Finanzminister unter Bundeskanzler Georg Kiesinger. Den Auftakt des Bonner Reigens der Affären begann in den 1950er Jahren mit dem Starfighter, ein durch Strauß angeschafftes Kampfflugzeug, das bald den Namen "Witwenmacher" erhielt. Von 916 gekauften Maschinen stürzten mehr als 260 ab, 116 Piloten starben.

1961 folgte die Fibag-Affäre, die US-Army wollte tausende Wohnungen für ihre in Deutschland stationierten Soldaten bauen, Strauß empfahl die Firma "Fibag", an der sein Spezi, der Passauer Verleger Hans Kapfinger, wie auch er selbst beteiligt war. 1962 dann die Spiegel-Affäre, bei der Strauß zwei Redakteure in Spanien wegen "Landesverrats" verhaften ließ: Der Spiegel hatte geschrieben, die Bundeswehr sei nur "bedingt" einsatzbereit. Strauß belog zunächst den Bundestag, er habe mit dem Angriff auf die Pressefreiheit nichts zu tun, musste dann aber seinen Hut nehmen.

1967 untersuchte ein Untersuchungsausschuss des Bundestags den sogenannten HS-30-Skandal. Der Schützenpanzer wurde in den 1950er Jahren von Verteidigungsminister Strauß für die Bundeswehr in einer völlig überhöhten Stückzahl angeschafft, es ging um Schmiergeldzahlungen und Schwarze Kassen für die Union.

Alexander Schalck-Golodkowski, GeroldTandler, Günter Mittag, Franz Josef Strauß, Theo Waigel und Erich Honecker auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1987. Bild: Rainer, Mittelstädt, Deutsches Bundesarchiv (Bild 183-1990-0226-315). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Mit der Bildung der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt war es aus für Strauß mit den Ministerämtern, er begann in der Opposition seinen Feldzug gegen die Entspannungspolitik der SPD. 1978 wurde er zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt und zog sich nach seiner gescheiterten Kandidatur als Bundkanzler 1980 in seine Alpenfestung zurück. Mit berauschenden Wahlerfolgen und absoluten Mehrheiten im Landtag wurde er zum inoffiziellen "König von Bayern". Strauß starb am 3. Oktober 1988 nach einem Jagdausflug mit dem Fürsten von Thurn und Taxis im Regensburger Krankenhaus. Einer seiner letzten Großtaten war der von ihm 1983 eingefädelte Milliardenkredit an die DDR.

Firmenpark Bayern mit der CSU als Betreibergesellschaft

Strauß? "Fuffzig Prozent zu fuffzig", sagt Karl B. zu mir, Mitglied der Arbeiterklasse, 86 Jahre, er war Sattler bei den Münchner Stadtwerken. Die einen fünfzig Prozent meinen den "machtarroganten Gauner", wie es der bayerische FDP-Landesvorsitzenden Albert Duin ausdrückte, der "FJS" den Flughafen wieder wegnehmen will.

Der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß überreicht das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Gebirgsschützen. Bild: Storz, Deutsches Bundesarchiv (B 145 Bild-F076862-0005). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die andern fünfzig Prozent meinen das, was ein Anhänger der Jungen Union im Rundfunk so ausdrückte: "Für Wachstum und unsere Stabilität, die wir heute in Bayern haben, da hat er viele Grundlagen gelegt, sei es im Bildungswesen oder bei den Finanzen. Er war wirklich ein Politiker, der sich was vorgenommen hatte, was erreichen wollte, und zwar alles für seine bayerische Heimat. Und deshalb erachten wir es auch als Unverschämtheit, was jetzt versucht wird vor seinem 100. Geburtstag. Diese Rufmordkampagne." Er meint einen Artikel im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über Schmiergelder.

Strauß war vieles, Freund von Diktatoren, Spezl der Industrie und speziell von Waffenhändlern, Betreiber schwarzer Konten und reaktionärer Politik. Und ab den 1970er Jahren begann unter Strauß der große Umbau Bayern: in einen Firmenpark mit der CSU als Betreibergesellschaft. Plötzlich war die Tracht wieder "in", die weißblaue Raute wurde zum Partei- respektive Firmenlogo, der FC Bayern quasi zur Firmenmannschaft.

Mit Strauß schaffte es die CSU, mit den Begriffen Tradition, Heimat, Berge, blauer Himmel und Wohlstand das Bayernland neu zu erfinden, ein Konstrukt aus Lederhosen und Laptop. Braune Flecken wurden weißblau übertüncht. Und Strauß war in diesem Universum zwischen BND und Hochadel, Rüstungsdeals und Schmiergeld, Spezlwirtschaft und Amigo-Affären, CSU-Funk und Gebirgsschützen bis zum Schluss der große Strippenzieher. Manche wollen jetzt den Flughafen in "Kurt-Eisner-Flughafen" umbenennen. (Rudolf Stumberger)