FAZ schaltet lieber ab: "Propaganda, Verachtung und Hass"

Elitennähe und Einheitsmeinung

Erinnert sei an eine Aussage von Plöchingers Kollegen Stefan Kornelius, Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung. Dieser hatte 2014 einem Leser, der sein Abo wegen der Ukraineberichterstattung des Blattes gekündigt hatte, geschrieben: "Die SZ ist stolz auf ihre Meinungsbreite", nur drei Sätze später dann aber eingeräumt: "In der Ukraine-Krise werden Sie es schwer haben, unter den großen seriösen Medien des Landes eine andere Stimme zu finden."

Mit anderen Worten: Einer der führenden außenpolitischen Kommentatoren Deutschlands ist stolz auf die Meinungsvielfalt, sagt dann aber, die allgemeine Einheitsmeinung beim Thema Ukraine bestätige ihn in der Richtigkeit seiner Analyse. Wie kann das sein? Wie erklärt sich ein so eklatanter Widerspruch, sowie die vielleicht noch erstaunlichere Tatsache, dass der äußernde Journalist diesen Widerspruch selbst offenbar nicht einmal bemerkt?

An dieser Stelle scheint ein wunder Punkt vieler Führungskräfte in den Leitmedien durch. Politische Deutungen der Eliten werden immer wieder weitgehend ungefiltert in der eigenen Berichterstattung und Kommentierung übernommen, und das nahezu flächendeckend im Mainstream, zuletzt gut zu beobachten beim medialen Einheitsbrei rund um die Kommentierung des Brexit, vorher bei Griechenland oder eben dem Konflikt mit Russland. Die jeweilige Sicht einer transatlantischen oder EU-nahen Elite findet sich häufig eins zu eins in den Kommentaren fast aller Leitmedien. Die verantwortlichen Journalisten aber fühlen sich durch diesen Einheitston erstaunlicherweise gar nicht irritiert, sondern sogar noch bestätigt.

Man könnte konstatieren: Durch eine zu enge gedankliche Nähe zu den Eliten wird das Urteilsvermögen vieler Journalisten nachhaltig beschädigt. Die eigene Einordnung in den Mainstream bleibt für die Akteure selbst dabei zugleich wie unsichtbar oder erscheint ihnen zumindest unproblematisch. Die extreme Wut vieler Leser können diese Journalisten dann nicht mehr logisch einordnen. Sie erscheint ihnen rätselhaft und irrational.

Und da schließt sich der Kreis zum Umgang mit den Leserforen. Sicher sind diese Foren eine Belastung für jede Redaktion, gerade in politisch aufgeheizten Zeiten, wo viel Frust abgelassen wird. Aber, und diese Frage sollte sich jeder Kollege vielleicht einmal in Ruhe stellen: Woher kommt der Frust? Wie entsteht er? Welche Art von Politik erzeugt ihn? Welche Art von Berichterstattung verstärkt ihn?

Zeit Online verfolgt mit Blick auf die Leserforen eine eigene Linie. Fast alle Artikel können dort kommentiert werden, so auch die Texte zum Konflikt zwischen der Nato und Russland. Die Foren sind generell eingeschaltet. Sofern ein Leserkommentar dort gelöscht oder gekürzt wird, macht die Redaktion das kenntlich und begründet es kurz. Zwar wirken diese Begründungen immer wieder fraglich, doch ist man hier zumindest transparenter als bei der Konkurrenz.

Im Jahr 2010 führte Zeit Online die Funktion der Leser-Empfehlung für Kommentare ein. Euphorisch hieß es damals:

Mit Begeisterung verfolgen wir die Leserdebatten, die sich täglich in den Kommentarbereichen zu unseren Artikeln entwickeln. Ihre vielfältigen Meinungen, aber auch Ihre Kritik und Ihre sachlichen Fehlerhinweise machen ZEIT ONLINE jeden Tag besser. Monatlich erscheinen auf ZEIT ONLINE über 50.000 Leserkommentare - Tendenz steigend. (…) Zukünftig haben auch angemeldete Leser die Möglichkeit, Kommentarempfehlungen auszusprechen. Über den neuen Filter "LESER-EMPFEHLUNGEN" können Sie sich ausschließlich die Kommentare anzeigen lassen, die von den Lesern ausgezeichnet wurden - sortiert nach der Anzahl der Empfehlungen.

Zeit Online

Eben diese Sortierung nach Anzahl der Leser-Empfehlungen wurde allerdings 2015 im Rahmen einer Neugestaltung der Webseite wieder abgeschafft. Was zunächst wie eine unbedeutende technische Anpassung klingen mag, ist tatsächlich von einiger Bedeutung: Für den Leser ist nun, anders als früher, nicht mehr auf einen Blick das Meinungsbild der übrigen Leser erkennbar. Nur durch aufwändiges Klicken durch sämtliche Kommentare ist es für den Leser jetzt noch möglich zu erkennen, ob die eigene Sicht auf den Artikel von der Mehrzahl der übrigen Leser geteilt wird oder nicht. Mit anderen Worten: Für den Leser bleibt zunächst unklar, ob er mit seiner eigenen Meinung allein steht oder eventuell eine Mehrheitsmeinung vertritt.

Auf Nachfrage konnte der geschäftsführende Redakteur Christoph Dowe zunächst keine Gründe für diese Änderung nennen. Der für die Leserforen zuständige "Leiter Community" sei für einige Tage nicht im Hause und daher kurzfristig "nicht in der Lage, Ihre Fragen zu beantworten", so Dowe. Diese Auskunft erhielt ich am 24. Juni. Bis zur Fertigstellung des Artikels am 2. Juli wurde keine Antwort nachgereicht. Auch zur Frage, ob es sich bei der Änderung quasi um ein Versehen im Rahmen der technischen Umstellung handle und die Sortierung nach Leser-Empfehlungen wieder eingeführt werden solle, war bei Zeit Online zunächst nichts in Erfahrung zu bringen.

Ein strukturelles Problem vieler Leitmedien ist ganz allgemein die Orientierung an den Interessen der "Besserverdienenden" und einer "kulturellen Elite". Deutlich wurde dies unter anderem an einer großen Imagekampagne der Süddeutschen Zeitung, anlässlich der Einführung eines neuen digitalen Abomodells Anfang 2015.

In der Kampagne mit dem Slogan "Eine gute Zeitung erkennt man an ihren Lesern" wurden von der Redaktion beispielhaft 8 Leser in großformatigen Fotos vorgestellt und zu ihren Erwartungen gegenüber der Zeitung befragt. Zu dieser Auswahl gehörten unter anderem ein bildender Künstler, eine Fernsehredakteurin, ein Unternehmensberater, ein Fotograf und ein Schauspieler. Der Soziologe Michael Walter kommentierte das so:

Die Message, die die Motive vermitteln wollen, ist offensichtlich: Der typische SZ-Leser gehört vornehmlich der prestigeträchtigen Klasse der urbanen, flexiblen und mobilen 'Creative Professionals' an. Es ist also vor allem die kulturelle Elite mit besonders hohem kulturellem Kapital, die die SZ liest. Mit Blick auf den zitierten Claim ist dieses Leserlob zugleich Selbstlob: Eine Zeitung, die solche Leser hat, kann nicht gar so schlecht sein.

Michael Walter

Dass die Süddeutsche in ihrer Werbekampagne keine Frau von der Supermarktkasse, keinen Fliesenleger oder Paketauslieferer als Leser porträtiert hat, ist dabei kaum ein Zufall, dient die Eigenwerbung doch immer auch der Gewinnung von Anzeigenkunden. Und diese interessieren sich eben am meisten für Blätter, die eine Leserschaft mit überdurchschnittlichem Einkommen vorweisen können.

Auch Spiegel Online weist in einer Präsentation für Anzeigenkunden stolz darauf hin, dass 46 Prozent der Leser über ein Netto-Haushaltseinkommen von 3000 Euro und mehr verfügen würden. Die eigene Leserschaft sei somit "führend in den bildungs- und einkommensstarken Zielgruppen", so das Blatt.

Dass aus einer solchen wirtschaftlich getriebenen Fokussierung auf Gutbetuchte auch ein Problem für die inhaltliche Ausrichtung und letztlich die Glaubwürdigkeit der Leitmedien entsteht, scheint in der Branche kaum reflektiert zu sein.

Dabei ist gerade der verbreitete Eindruck, dass viele Zeitungen in ihrer Berichterstattung kaum die Interessen der Unterprivilegierten vertreten, sowie die schon erwähnte enge gedankliche Nähe von Leitartiklern zu Machteliten (Leitartikler und Machteliten) eine wesentliche Ursache des Unmuts und Zorns in den Leserforen. So wenig aber, wie ein Land und eine Gesellschaft insgesamt eine "Partei für Besserverdienende" essentiell benötigen, so wenig werden für eine funktionierende Demokratie auch "Zeitungen für Besserverdienende" gebraucht. Eher fehlt es am Gegenteil.

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