FBI kann über 600 Millionen Fotos mit Gesichtserkennung durchsuchen

Bürgerrechtsorganisationen fordern ein Moratorium, das FBI verweist auf die angebliche Gefährdung, die den Einsatz von Gesichtserkennung erfordert

Im US-Repräsentantenhaus finden Anhörungen zur Gesichtserkennung bei der Videoüberwachung statt. Bekanntlich hat San Francisco kürzlich die Verwendung von Gesichtserkennung verboten, in amerikanischen Flughäfen finden gerade Tests statt. Bekannt ist, dass die Technik vor allem bei Gesichtern von Schwarzen und Frauen mangelhaft ist. Bekannt wurde jetzt durch einen Bericht des Government Accountability Office (GAO), dass das FBI eine Datenbank mit über 640 Millionen Gesichtsfotos von allen möglichen Quellen gesammelt hat, die mit Gesichtserkennungsprogrammen durchsucht werden kann. Exzessiv wird Gesichtserkennung in China auch im Rahmen des Sozialkreditsystems verwendet, um die Gesellschaft durch Belohnung und Strafe zu befrieden.

Gretta Goodwin vom GAO berichtete in der Anhörung, dass das FBI nicht nur 34 Millionen polizeiliche Fotos, davon 70 Prozent von Straftätern, zur Gesichtserkennung durch das 2015 in Betrieb genommene Next Generation Identification-Interstate Photo System (NGI-IPS) besitzt, sondern auch Zugang zu Führerscheinen, Pässen oder Visa-Anträgen in einigen Bundesstaaten und zu anderen Datenbanken etwa des Pentagon hat, könne die Behörde auf 640 Millionen Fotos zugreifen. Bei Anfragen beim NGI-IPS werden nach dem GAO 2-50 Fotos möglicher Kandidaten ausgegeben. Im FBI gibt es auch die Abteilung Facial Analysis, Comparison and Evaluation (FACE), die mit einem eigenen Gesichtserkennungsprogramm arbeitet. Hier werden die Treffer von "biometrischen Analysten" geprüft und in der Regel nur 1-2 Kandidaten weitergegeben. Durchsuchbar sind insgesamt über 411 Millionen Fotos.

Abgesehen von mangelnden Datenschutzrichtlinien rügt GAO auch, dass vor der Einführung des NGI-IPS-Systems keine richtigen Prüfungen über die Genauigkeit des automatischen Gesichtserkennungssystems ausgeführt wurden, vor allem nicht über die Falsch-positiv-Rate. Damit bleibt unklar, wie viele angebliche Treffer falsch sind, wobei mit der Größe der Datenbank auch die Genauigkeit abnimmt, weil mehr ähnliche Gesichter enthalten sind. Auch bei der Einbeziehung von externen Gesichtserkennungstechniken von Firmen wurde deren Genauigkeit nicht geprüft.

Kimberly Del Greco vom FBI versicherte hingegen, es gebe in ihrer Behörde genaue Regelungen für den Datenschutz. Gesichtserkennung werde nur bei einer Ermittlung eingesetzt, die einer Strafverfolgung vorgeht. Jede Suche werde überprüft. Gesichtserkennung könne, wenn richtig eingesetzt, "die Möglichkeiten der Strafverfolgung in großem Ausmaß verbessern und die öffentliche Sicherheit sichern". Natürlich macht nach ihrer Darstellung das FBI alles richtig. Und dann ist da auch noch das große Bedrohungsszenario, das Gesichtserkennung dringend notwendig mache. Die übliche, ziemlich aufdringliche Rhetorik:

Unsere Gegner und die Bedrohungen, denen wir gegenüberstehen, sind gnadenlos. Das FBI muss weiter die neuen Möglichkeiten wie Gesichtserkennung identifizieren und verwenden,mum die hohen Erwartungen an das FBI zu erfüllen, die Freiheiten unserer Nation zu bewahren, sicherzustellen, dass unsere Freiheiten geschützt sind, und unsere Sicherheit zu gewährleisten. Ganz einfach gesagt, wir beim FBI müssen die uns zugewiesene Mission erfüllen. Wir müssen die Erwartungen überschreiten und dürfen uns niemals auf vergangenen Erfolgen ausruhen. Deswegen müssen wir neue Techniken wie die automatisierte Gesichtserkennung aufgreifen und die genehmigten Ressourcen optimieren, um die Missionsziele zu erreichen.

Kimberly Del Greco, FBI

Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat sich mit Dutzenden anderer Organisationen zusammengetan, um den Kongress dazu zu bringen, ein Moratorium über Gesichtserkennung bei der Strafverfolgung und Einwanderung zu beschließen. Der Kongress müsse erst beschließen, so heißt es in einem Brief an den Kongress, in welchem Rahmen Gesichtserkennung eingesetzt werden kann. Es sei angesichts der Bedenken dringend erforderlich, jetzt zu handeln. Gesichtserkennung ermögliche Behörden zu verfolgen, "wer wir sind, wohin wir gehen und wen wir kennen".

Unternehmen, die diese Technik vermarkten, brüsten sich damit, dass Gesichtserkennung verwendet werden kann, um Menschen in Echtzeit zu verfolgen, Bewegungen in der Vergangenheit aus Videobildern zu rekonstruieren oder hunderte Menschen auf einem einzigen Foto zu erkennen. Diese Möglichkeit droht, eine Welt zu schaffen, in der die Menschen beobachtet und identifiziert werden, wenn sie protestieren, sich außerhalb von Kirchen versammeln, einen Arzt besuchen oder einfach ihrem Alltagsleben nachgehen.

ACLU

(Florian Rötzer)