Facebook: Risiken und Nebenwirkungen – oder doch Hauptwirkung?

Facebook wird vorgeworfen, Studien über die Schädlichkeit seiner Algorithmen geheim gehalten zu haben. Grafik: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)

Das "Soziale Netzwerk" fördere mit seinen Algorithmen bewusst Hass und Wut, um Geld zu verdienen, sagt eine Whistleblowerin. Für Nutzer stellt sich die Frage: Gehen oder bleiben?

Die Vorwürfe wiegen schwer, kommen aber nicht völlig überraschend: Facebook verdiene bewusst Geld mit Hass und Wut, sagt die Whistleblowerin Frances Haugen. Die Algorithmen des US-Unternehmens würden spalterische Inhalte begünstigen und die Demokratie gefährden.

Genau genommen liegt dafür schon längere Zeit ein "Geständnis" vor: Der KI-Spezialist Joaquin Quiñonero Candela soll sich schon 2018 auf einer Konferenz dafür entschuldigt haben, für das Unternehmen ebensolche Algorithmen entwickelt zu haben. Wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass Cambridge Analytica, ein Beratungsunternehmen, das am Präsidentschaftswahlkampf 2016 von Donald Trump beteiligt war, heimlich die persönlichen Daten von Millionen US-Facebook-Nutzern abgegriffen hatte, um die Wahl zu beeinflussen.

Daran fühlte sich Quiñonero offenbar mitschuldig. Er bekomme das Problem aber nicht mehr in den Griff, berichtete das Magazin Technology Review im März dieses Jahres. Nun wird bezweifelt, ob der Konzern überhaupt ein Interesse daran hatte, es in den Griff zu bekommen.

Frances Haugen sagte am Dienstag vor dem US-Kongress aus, Facebook habe sich in der Vergangenheit mehrfach "gegen das Wohl der Gesellschaft und für mehr Profit entschieden". Zu der Anhörung war sie geladen worden, nachdem das Wall Street Journal die "Facebook Files" enthüllt und sie sich als Informantin des Mediums zu erkennen gegeben hatte. Facebook hat demnach die Ergebnisse eigener Studien über die Schädlichkeit seiner Algorithmen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Haugen fordert nun schärfere Regulierungen und mehr staatliche Kontrolle.

Wer spaltet wen? – Befangenheit nicht ausgeschlossen

Was dadurch besser oder schlechter werden würde, hängt allerdings vom politischen Kräfteverhältnis ab: Wenn eine Regierung es in Krisenzeiten nicht schafft, die soziale Frage positiv zu beantworten und Millionen Facebook-Nutzern die Abstiegs- und Existenzängste zu nehmen, dann ist es objektiv im Interesse dieser Regierung, die aufkommende Wut zu kanalisieren, dafür "Blitzableiter" zu finden und Masse zu Unzufriedenen zu spalten. Auch, wenn sie selbst Ekel vor der kanalisierten Wut empfindet.

Sie benötigt ein Agenda-Setting jenseits von Politikfeldern, auf denen sie offensichtlich versagt. Wenn ihr das nicht gelingt, kommt sie unweigerlich in Versuchung, gesetzgeberisch nicht nur "Hate Speech" und Desinformation zu unterbinden, sondern mittels "Gummiparagraphen" auch legitime Kritik an ihrem eigenen politischen Handeln, an ihr nahestehenden Lobbyisten und am Wirtschaftssystem zu erschweren. Dazu braucht es keine Verschwörung, wenn die maßgeblichen Entscheidungsträger von sich und der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt sind. Sie müssen sich die Hybris nicht einmal selbst bewusst machen.

Die Abgrenzung zwischen irrationalen Verschwörungsmythen und legitimer Kritik an Geheimdiensten oder am Einfluss von Lobbyisten großer Konzerne auf die Regierungspolitik dürfte staatlichen Behörden jedenfalls schwerfallen. Am Ende könnte unbedingtes Vertrauen in die Regierung und staatliche Institutionen zum Erkennungsmerkmal für zulässige Meinungsäußerungen werden. Genau das würde die Bundesregierung aber nur in befreundeten Staaten akzeptabel finden.

Was tun mit dem eigenen Facebook-Account?

Die Frage, die sich nun für viele kritische Facebook-Nutzerinnen und Nutzer stellt, ist: Gehen oder bleiben? Letzteres würde voraussetzen: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Klar ist: Wer sich nicht leicht provozieren lässt und bewusst sachlich Meinungsverschiedenheiten aushält, wird durch Facebook nicht unmittelbar negativ beeinflusst. Er oder sie kann aber durch Facebook Freunde aus dem "Real Life" verlieren, die dort in sektenhaften "Bubbles" landen und Loyalität einfordern: "Wenn Du meinen Standpunkt nicht übernimmst und X, Y und Z nicht entfreundest, sind wir ab jetzt Gegner!" Wer da nicht mitspielt, wird mitunter wüst beschimpft; die neuen, oft nur virtuellen "Freunde" des Gegenübers wollen Punkte sammeln und gießen Öl ins Feuer.

Wer Facebook nicht nutzt, muss diese Erfahrung gar nicht erst machen. Er oder sie begegnet alten Freunden erst mal nicht dieser Sphäre und bekommt vielleicht viel später mit, wenn sie "schräg drauf" sind, ist aber dann für sie auch nicht durch fehlende Loyalitätsbeweise bei Facebook "verbrannt". So kann man sich ohne Hemmschwelle "analog" verabreden und auf einen Kaffee treffen. "Face to Face" und ohne falsche Freundesfreunde ist dann vielleicht auch die Chance größer, sie zurück auf den Teppich zu holen. Vielleicht. Denn es kann auch schon zu spät sein. Vielleicht taugt Facebook diesbezüglich auch als "Frühwarnsystem". Davon profitieren allerdings nur Menschen, die reale Freunde haben.

Die Pflege solcher Freundschaften wurde aber durch die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Lockdowns erschwert. Nun ist die Blasenbildung weit fortgeschritten - und für einsame Menschen war und ist Facebook vielleicht auch eine Art Medizin. Nur eben mit Risiken und Nebenwirkungen, vor denen einige Betroffene weniger Angst haben als zum Beispiel vor Covid-19-Impfstoffen.

Wer bei sich Anzeichen einer Facebook-Sucht bemerkt, sollte jedenfalls ans Aufhören denken, bevor der Applaus virtueller Freunde mehr zählt als die realen. (Claudia Wangerin)

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