Facebook auf der Suche nach der besten Falle

Für den News Feed werden neue Selektionsprinzipien eingeführt, der Nutzer soll nur sehen, was er angeblich wirklich will - und dabei auf Facebook bleiben

Es heißt, dass sich viele Menschen zunehmend aus den von Sozialen Netzwerken mit der Hilfe von Nutzern erzeugten Feeds auch über die Lage der Welt informieren. Nachrichten werden zwar noch von Agenturen und Medien produziert, der Zugang zu ihnen findet jedoch über Soziale Netzwerke und Suchmaschinen statt, die auch die Trends setzen. Man liest, sofern es um einen Hinweis auf einen Artikel geht, angeblich auch immer weniger den verlinkten Beitrag, sondern begnügt sich mit Überschriften und Info-Häppchen. Die von Medien geschnürten Informationspakete zerfallen dabei zu Bruchstücken, die im Feed neben allen möglichen anderen Informationen, Bildern, Videos und persönlichen Bekundungen eingereiht werde.

Was die Menschen von der Welt wissen, wissen sie also zunehmend über Google, Facebook, Twitter, Snapchat und Co. Wie die Feeds und Rankings konstruiert werden, welche Algorithmen hier wie selektieren, wie Menschen in den Fluss eingreifen, bleibt im Großen und Ganzen das Geheimnis von Google, Facebook und Co. Im Herzen der Online-Öffentlichkeit gibt es als dunkle Maschinen, die das Geschehen auf der Oberfläche nach selbst gesetzten Regeln bestimmen. Das Problem dabei ist die davon ausgehende Möglichkeit der Beeinflussung durch wenige Großkonzerne, die die sowieso bereits seit langem herrschende Medienkonzentration noch verstärken.

Bild: Enoc vt/gemeinfrei

Die Monopolisierung der Meinungsmacht durch die Organisation der Nachrichtenverteilung ist dabei das Problem, denn Medien bzw. Redaktionen haben immer schon aufgrund von bestimmten Kriterien Nachrichten ausgewählt, in einen Kontext gestellt und damit die Meinung der Rezipienten beeinflussen können. Nachdem aber nun die Nachrichtendistribution zunehmend über Online-Konzerne geschieht, werden die Mechanismen wahrscheinlich nur eher bemerkt. Das Misstrauen in die "Lügenpresse" ist Symptom dieser Verschiebung und des Wissens, dass ohne Kenntnis der Mechanismen bei der Selektion, Darstellung und Verbreitung von Informationen der von manchen Medien erhobene Anspruch, neutral und objektiv zu berichten, auf Skepsis stoßen muss, zumal die Medien, verstanden gar als "vierte Gewalt", auch immer auf die Quote oder Reichweite ausgerichtet sind.

Facebook hat mehr als 1,6 Milliarden Nutzer, von denen viele das Netzwerk als wichtige Informationsquelle betrachten. Im Zentrum steht dabei der News Feed, der aufgrund irgendwelcher Annahmen und Gewichtungen über einen Algorithmus weitgehend automatisch den personalisierten Informationsstrom organisiert. Faktoren seien dabei nach Facebook u.a. "Aktivität, Rechtzeitigkeit, besuchte Seiten und Standort".

Im Mai gab es heftige Kritik nach der Beschuldigung auf der Grundlage von Aussagen anonym bleibender früherer Mitarbeiter, die als "news curators" gearbeitet hatten. Angeblich würde der Trend nicht durch einen Algorithmus erzeugt, der populäre Themen herausfischt, sondern regelmäßig von den "Kuratoren" manipuliert, die angeblich Nachrichten über konservative Politiker aussortiert oder Themen von konservativen Medien solange nicht berücksichtigt hätten, bis sie sie von Medien wie CNN, BBC oder NYT aufgegriffen würden. Angeblich seien die Kuratoren "eine kleine Gruppe junger Journalisten, die auf Ivy League- oder privaten Ostküsten-Universitäten ausgebildet wurden". Es soll sich also um eine elitäre Schicht von Menschen mit liberaler oder linker Einstellung handeln, womit man auch das etwa von Trump und anderen genährte Vorurteil bediente.

Facebook stritt die Behauptung ab. Man erlaube den Kuratoren oder Prüfern nicht und weise sie nicht an, bestimmte ideologische Quellen zu diskriminieren. Das sei auch technisch nicht möglich. Man habe strenge Richtlinien, um für "Konsistenz und Neutralität" zu sorgen. In einer Erläuterung hieß es, ein Algorithmus würde die Themen, die gerade populär sind, ganz neutral herausziehen, dann würden sie vom Trendig Team überprüft werden, ob es sich um eine Nachricht aus der realen Welt handelt. Mindestens drei Medien müssten darüber berichten, dann würde die Nachricht kategorisiert und nach Bedeutung eingestuft. Dann würde die Liste wiederum von einem Algorithmus für die einzelnen Nutzer personalisiert werden. Zweck des Ganzen sei es, dem Nutzer "den Content zu zeigen, der ihn betrifft", was nicht weniger heißt, dass sich Facebook anmaßt, den Nutzer in seine Blase einzuschließen.

Dass Facebook zensierend eingreift, wurde letzthin wieder an der vorübergehenden Sperrung des Fotos einer dicken Frau deutlich, die nicht dem Körperbild und Gesundheitsideal entsprach. Facebook führt nicht nur Zensur durch eigene Wertvorstellungen aus, die keineswegs objektiv sind, die Politik sucht nun auch die Möglichkeiten der in privaten Räumen möglichen Zensur zu nutzen, um unerwünschte Inhalte auf Sozialen Netzwerken zu sperren (Privatzensur im Auftrag der EU-Kommission).

Jetzt hat Facebook noch ein wenig mehr für Transparenz, man könnte auch sagen: für "open washing" gesorgt und Richtlinien veröffentlicht, die "News Feed Values" genannt werden. Schon im April wurde ein Update gemacht, das die Nachrichten von Freunden höher ansetzt, von Personen also, die auch auf Facebook aktiv sind. Jetzt geht man noch einen Schritt weiter und erklärt, dass primär die Botschaften der Facebook-Freunde und dann die "Menschen, Orte und Dinge" gelistet werden, mit denen die Nutzer verbunden sein wollen: "Freunde und Familie kommen zuerst."

Das natürlich nur, weil die Nutzer gesagt hätten, sie hätten Sorge, wichtige Updates von Freunden übersehen zu können. Die Umstellung würde den Traffic zu manchen Seiten reduzieren. Man kann davon ausgehen, dass die verstärkte Konzentration auf die Botschaften von Freunden die Nutzer auf Facebook halten soll, so dass sie weniger in Versuchung geraten, die Facebook-Blase zu verlassen. Das wird auch deutlich genug gesagt: "When people see content they are interested in, they are more likely to spend time on News Feed and enjoy their experience."

Aber es gibt noch zwei weitere Kategorien, nach denen Nachrichten gewertet werden, auch wieder soll dies der Wunsch der Nutzer sein, dem man sich angeblich anschmiegt. Nicht wir wählen aus, sondern wir bieten nur, was der Nutzer angeblich irgendwie nach Kenntnis von Facebook bevorzugen würde, sollte er selbst selektieren - was aber aufgrund der Informationsflut nicht kann, weswegen Facebook als gehorsamer Diener auftritt. Der News Feed, so heißt es, soll informativ sein, was bedeute, die Themen sollen für dem Nutzer von Bedeutung sein, ganz egal, ob es sich um Politik, ein Rezept oder Promis handelt.

Und als drittes Kriterium wird gesagt, dass die angebotenen Themen im Feed die Nutzer unterhalten sollen, denn dann wären sie gestimmt, nichts davon zu verpassen. Informieren und Unterhalten, das erinnert an die klassische Ästhetik, dass Kunst bilden und unterhalten soll, prodesse et delectare. Düsteres, Negatives, Kritisches, politische Themen, die persönlich nicht direkt berühren etc. sollen also zunehmend ausgeblendet werden, um die Menschen in einer selbst verstärkenden Spirale, einer Falle, zu fangen. Noch sei man damit ganz am Anfang, heißt es an sich wenig beruhigend, man habe gerade erst einmal 1 Prozent dessen geleistet, was es heißt, den Menschen das zu bieten, was sie wirklich wollen. Wobei sie letztlich selbst bestimmen würden, was sie sehen wollen, wenn sie Präferenzen setzen, Nachrichten vor anderen Menschen verbergen.

Das ist anmaßend, aber gleichzeitig offenbar ein Holzweg in eine Richtung, die man sexuell als Junggesellenmaschinen bezeichnen könnte, also informative Onaniermaschinen, man könnte auch von Panikräumen oder eben von Blasen sprechen. Die Tendenz entspricht offenbar den Wünschen vieler Menschen, die auch politisch unter sich bleiben und Fremde durch Mauern und gesicherte Grenzen draußen halten wollen. Einschluss und Rückzug auf sich selbst ist angesagt, das letzte Symptom dieser Art des kollektiven Narzissmus ist der Brexit. Aber als Strategie, Menschen in die Falle locken zu wollen, dürfte dies nicht langfristig greifen. Selbst die Menschen, die Fremde und Fremdes ablehnen, müssen dieses wahrnehmen, um ihre Haltung bestätigen zu können. Irritation durch das Unerwünschte, Unbekannte oder Unerwartete ist nicht nur das, was neugierige und offene Menschen erwarten, es ist auch die Grundlage für die Angst- und Wutbürger, um sich abzuschließen. Ohne Feinde und Bedrohungen keine Identität in der Wagenburg. Wer nur auf das trifft, was er eh schon kennt, wird sich langweilen.

Man darf gespannt sein, wie Algorithmen aussehen werden, die das Andere in geeigneten Portionen einschleusen, um das Interesse aufrechtzuhalten. Die Injektion des Anderen bedeutet freilich immer auch, die Welt außerhalb der regulierten Facebook-Welt einschließen zu müssen, also das Fenster oder die Tür zu öffnen, während Facebook jeden Anlass zur Flucht abwehren und jede Öffnung schließen will.

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