Fachkräftemangel: Wieso manche lieber als Helfer arbeiten wollen

Fast die Hälfte der Firmen in Deutschland klagt über einen Mangel an qualifizierten Beschäftigten. Das liegt auch daran, dass viele bereitwillig ihren Beruf wechseln und Helferjobs annehmen. Warum sich das für sie lohnen kann.

Fachkräfte fehlen in Deutschland. Dachdecker, Softwareentwickler, Erzieher oder Pfleger – in vielen Berufen und Branchen wird über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften geklagt. Inzwischen sucht fast jede zweite Firma vergeblich nach geeignetem Personal.

Das geht aus einem neuen Bericht des Münchner ifo-Instituts hervor. Rund 49,7 Prozent der im Juli befragten Firmen gab demnach an, durch einen Mangel an qualifizierten Fachkräften eingeschränkt zu sein. "Mittel- und langfristig dürfte dieses Problem noch schwerwiegender werden", sagte Stefan Sauer, Arbeitsmarktexperte am ifo-Institut.

Der nun gemessene Wert ist der höchste seit Beginn der quartalsweisen Erhebung im Jahr 2009, heißt es in dem Bericht. Damals hatten die Werte noch im Bereich um zehn Prozent gelegen, heißt es jetzt bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa); bis 2019 stiegen sie bereits auf Werte um 30 Prozent. Die Coronapandemie hatte für einen zwischenzeitlichen Einbruch gesorgt.

Am stärksten betroffen ist laut Bericht die Dienstleistungsbranche mit 54,2 Prozent, gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe mit 44,5 Prozent, Einzelhandel mit 41,9 Prozent, dem Bau mit 39,3 und dem Großhandel mit 36,3 Prozent.

Unbeantwortet bleibt oft die Frage: Warum fehlen die Fachkräfte?

Solche Angaben sind nicht zufriedenstellend. Die Linken-Politikerin Susanne Ferschl gehört zu ihren Kritikern; sie ist die stellvertretende Fraktionsvorsitzende ihrer Partei im Bundestag. Kürzlich sagte sie, Forschungsinstitute und Arbeitgeberverbände überträfen sich mit Berechnungen, wie viele Fachkräfte genau fehlten. Die entscheidende Frage bleibe aber offen: "Warum fehlen überhaupt so viele Fachkräfte?".

Eine Ursache seien die belastenden Arbeitsbedingungen in einigen Berufen und die niedrigen Löhne, so Ferschl. "Zum Teil verdienen ausgebildete Fachkräfte in einigen Branchen, wie zum Beispiel in der Gastronomie, so wenig, dass es lukrativer für sie ist, als ungelernte Helfer in anderen Branchen tätig zu sein."

Bestätigt wurde diese Aussage durch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. In den Jahren zwischen 2015 und 2020 sei die Zahl der Beschäftigten auf Helferpositionen überdurchschnittlich gestiegen. Inzwischen würden mehr als fünf Millionen Menschen als "Helfer" arbeiten. Es gebe Berufe, "in denen auf Helferniveau höhere Löhne erzielt werden als in einer Reihe von Berufen auf Fachkraftniveau", heißt es in der Studie.

Die Forscher weisen darauf hin, dass eine Helfertätigkeit nicht gleichbedeutend ist mit einer schlechten Bezahlung. Lediglich 8,7 Prozent der Betroffenen verdiene weniger als 1.500 Euro im Monat. Fast die Hälfte bezog ein Einkommen von bis zu 2.500 Euro. Und 43,7 Prozent der Beschäftigten auf Helferniveau erziele Löhne oberhalb von 2.500 Euro und sie lägen "damit im typischen Lohnbereich der Beschäftigten auf Fachkraftebene".

Wo Helfer mehr verdienen

Fast zwei Drittel der Fachkräfte verdient dagegen zwischen 2.001 Euro und 4.000 Euro. Doch mehr als ein Viertel der Fachkräfte (27,1 Prozent) liege beim Entgelt unter 2.500 Euro und damit auf dem typischen Niveau von Helfertätigkeiten, so das IAB. Am schlechtesten bezahlt werden demnach Fachkräfte in der Körperpflege, Floristik und Gastronomie.

Für sie könnte es ein Anreiz sein, dem gelernten Beruf den Rücken zu kehren; denn in anderen Bereichen lockt ein höheres Einkommen als Helfer, etwa im Bau oder in der Industrie. "In der Ver- und Entsorgung sowie in der Chemie reichen die mittleren Bruttoentgelte mit 3.101 und 3.113 Euro für Helfertätigkeiten sogar fast an das Medianentgelt der Fachkräfte insgesamt (3.166 Euro) heran", stellten die IAB-Forscher in der Studie fest.

Das geringe Entgelt könne Berufe wenig attraktiv machen, erklärten die IAB-Forscher; und das könne wiederum zu Berufswechseln führen und dann den Mangel an Fachkräften in den betroffenen Branchen weiter verschärfen.

"Dies ist etwa im Gastgewerbe der Fall und wurde durch die Corona-Pandemie noch verstärkt", gibt IAB-Forscherin Barbara Schwengler zu bedenken.

Eine weitere Ursache für den Fachkräftemangel in Deutschland: Nicht einmal jeder fünfte Betrieb bildet noch aus, wie unlängst das Handelsblatt berichtete. Die Zahl der Betriebe, die über Schülerpraktika Einblicke in die Berufe gäben, sei noch geringer. Stattdessen setzen Wirtschaftsbosse und politisch Verantwortliche darauf, dass im Ausland ausgebildet wird und die Fachkräfte sich dann trotz mäßig attraktiver Bedingungen für Deutschland entscheiden. (Bernd Müller)