Fachkräftemangel beim "Islamischen Staat"

Die paradiessüchtigen Märtyrerislamisten müssen mit dem säkularen Leben zurechtkommen

So lange alles nach vorne geht und ein militärischer Erfolg den anderen jagt, ist für die aggressiven Horden das Leben gesichert, sofern die Einzelnen die Kämpfe überleben. Aber dann müssen die eroberten Territorien verwaltet werden, die Menschen müssen mit den neuen Machthabern leben können, sie müssen von der Unterwerfung profitieren, während auch der wirtschaftliche Alltag weiterlaufen muss.

Der IS bewirbt den ersten Tag an der Universität in Mosul. Fragt sich nur, wer davon und von der Qualität der Universität angezogen sein soll.

Der "Islamische Staat" hat von Beginn an strategisch gehandelt und versucht, mit der Einnahme von Gebieten und Städten auch Gelder für die eigene Organisation zu generieren. Die Eroberung von Öl- und Gasfeldern in Syrien und im Irak waren und sind primäre Ziele, daneben werden Steuern erhoben, Antiquitäten verkauft, Sklaven und Geiseln gehandelt.

Ziemlich erfolgreich scheint das "Kalifat" finanziell zu florieren. Öl und Gas ließen sich an das Assad-Regime, aber auch auf dem Schwarzmarkt über die nordirakischen Kurden und die Türkei verkaufen. Auch wenn die Gotteskrieger im Paradies mit Frauen, Speis und Trank kostenlos verwöhnt werden, wollen sie auf der schnöden Erde versorgt werden. Der Gottesstaat basiert mithin auf ganz materiellen Fundamenten.

Im Augenblick scheint der "Islamische Staat" ein Luxusproblem zu haben. Obgleich die von ihm kontrollierten Öl- und Gasfelder immer mal wieder bombardiert werden, fehlen offenbar Experten, um sie auch lukrativ betreiben zu können. Also wird nach "ideologisch geeigneten" Experten gesucht, wie die Times berichtet, die in der Lage sind, die in Syrien und im Irak eroberten Öl- und Gasfelder sowie die Raffinerien zu betreiben. Die sollen dann nicht mit Allahs Lohn bezahlt oder schnell zu Märtyrern werden, sondern als Manager ihrer Arbeit nachgehen und schon einmal bis zu 225.000 US-Dollar im Jahr verdienen.

Das klingt nach viel, ist aber eigentlich für Manager in der Branche wenig, zumal wenn sie beim "Islamischen Staat" in der ständigen Gefahr leben müssen, beim nächsten Luftangriff zu sterben. Da wird IS womöglich noch Zulagen zahlen müssen, aber vielleicht gibt es ja auch einige "ideologisch geeignete" Experten, die den IS unterstützen wollen. Oder aber das "Kalifat" wird wirtschaftsfreundlich und kapitalistisch. Dass Islam und Kapitalismus gut zusammengehen können, hat Erdogan in der Türkei demonstriert, zudem hat er gezeigt, dass machtstrategisch der IS möglicherweise ein Alliierter sein kann. (Florian Rötzer)