Fake-Kampf gegen iranische "Fake-Accounts"

Grafik: GDJ

Facebook, Twitter und YouTube löschen tausende Accounts im Kampf gegen ein "iranisches Propagandanetzwerk". Dann kommen Fragen auf

In Zeiten von Fake News, Cyberangriffen und Meinungsmache mittels Bot-Netzen schien es endlich einmal eine positive Nachricht zu sein. Hunderte Accounts eines iranischen Netzwerkes habe man enttarnt und gelöscht, meldete Facebook im vergangenen Jahr.

Endlich, so der Tenor vieler Medien, schien der wegen seiner Tatenlosigkeit gegen Wahlbeeinflussung und rechte Meinungsmache kritisierte Tech-Gigant einmal Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Und nicht nur er: Twitter und YouTube meldeten in den Wochen und Monaten darauf ähnliche Erfolge und machten mit im Kampf gegen das vermeintliche Riesenheer iranischer Fake-Accounts.

Einige Monate später nun mehren sich allerdings die Hinweise, dass es sich bei vielen der gelöschten Accounts nicht um Propaganda-Bots der iranischen Regierung, sondern um ganz reale Personen handelt. Und die Kritik nimmt zu, dass hinter der großen Social-Media-Löschaktion keine nüchterne Datenanalyse, sondern politische Motive stecken.

"Koordiniertes unauthentisches Verhalten mit Ursprung im Iran"

Die wohl einmalige und bis heute andauernde Aktion der großen Social-Media-Anbieter begann mit einem Post im Facebook-eigenen Newsroom. "Wir haben 652 Seiten, Gruppen und Accounts wegen koordinierten unauthentischem Verhalten mit Ursprung im Iran (…) entfernt", schrieb Facebooks Cybersecurity-Chef Nathaniel Gleicher am 21. August vergangenen Jahres.

Am 31. Januar 2019 legte das Unternehmen noch einmal nach und verkündete die Löschung Hunderter weiterer "Fake-Accounts". Auch YouTube-Betreiber Google und Twitter schlossen sich der Aktion an und löschten insgesamt Tausende Accounts eines vermeintlichen iranischen Propaganda-Netzwerkes von ihren Plattformen.

Einer, der der Darstellung früh widersprach, ist Sayed Mousavi. Wenige Tage nach Facebooks erster Mitteilung wandte sich der iranische Student und Twitter-Aktivist an die Öffentlichkeit: "Ich bin gestern aufgewacht und sah, dass meine Seite mit der Ankündigung von Twitter genommen wurde, sie hätten ein iranisches Desinformationsnetzwerk entschärft." Mousavi ist für Iran-Beobachter kein Unbekannter.

Unter dem Twitter-Namen @SayedMousavi7 berichtet er seit Jahren über das politische Geschehen im Land. Einen Namen machte er sich unter anderem durch die Analyse von Videos der Proteste zum Jahreswechsel 2017/ 2018 in seiner Heimat. Auch westliche Journalisten stützten sich in der Vergangenheit auf seine Expertise.

Mousavi sollte nicht der einzige Fall bleiben, der zeigt, dass die große Löschaktion sich nicht nur gegen Fake-Accounts richtete. Von Social-Media-Redakteuren iranischer Medien über TV-Moderatoren bis hin zu Bloggern meldeten sich in den vergangenen Wochen immer mehr Menschen zu Wort, die der Darstellung von Facebook und Co. widersprechen.

"Wir haben uns entschieden, dass du nicht zur Nutzung von Facebook berechtigt bist"

Zu ihnen gehört auch Kenan Dzudzic. Über mehrere Jahre kommentierte der deutsche Blogger auf seiner Facebook-Seite das politische, religiöse und gesellschaftliche Zeitgeschehen. Am Tag von Facebooks zweiter großer Löschaktion, dem 31. Januar 2019, verschwand für seine rund 2.000 Abonnenten auch seine Seite aus dem Netz. Anfragen nach den Gründen der Löschung beantworte Facebook nicht. Die einzige Erklärung bisher:

"Wir haben uns entschieden, dass du nicht zur Nutzung von Facebook berechtigt bist. Diese Entscheidung ist endgültig. Leider können wir die aus Sicherheitsgründen keine zusätzlichen Informationen zur Sperrung des Kontos mitteilen."

Auch gegenüber Telepolis versichert Dzudzic, kein Bot zu sein. Auf seiner Facebook-Page sei sein Klarname hinterlegt gewesen. Diese sei zudem mit seinem persönlichen Account verknüpft gewesen. Auch den Vorwurf, im Auftrag der iranischen Regierung Fake News zu verbreiten, habe Facebook nie gegen ihn erhoben. "Ich habe gelegentlich Beiträge veröffentlicht, in denen es auch um das Thema Iran ging. Hierbei habe ich versucht, mal die iranische Perspektive darzustellen", sagt Dzudzic.

Anzeige