"Fakt" ohne Fakten gegen Mark Bartalmai

Wie ein Nachrichtenbeitrag sich selbst der Propaganda überführt

Am 28. Juni 2016 zeigte das kritische Nachrichtenmagazin "Fakt" einen Beitrag über den Dokumentarfilm "Ukrainian Agony" des deutschen Kriegsreporters Mark Bartalmai unter dem Titel "Propaganda im Sinne Russlands". Der Auftrag ist klar, der Zuschauer soll vor dem 100-minütigen Film gewarnt werden. Alles nur Kreml-Propaganda, das will Autor Tom Fugmann in seinem 6-minütigen Beitrag beweisen, mit Fakten. Der Text wimmelt von Vorwürfen an Person und Film wie "selbsternannter Reporter", "fake-storys", "absurde Geschichten", allein das Wort Propaganda wird in sechs Minuten acht Mal verwendet.

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Die einzige konkrete Geschichte, die zur Begründung dieser Vorwürfe aufgeführt wird: Mark Bartalmai, der seit 2014 mit wenigen Unterbrechungen in der Ost-Ukraine vor Ort recherchiert, Filmmaterial und Interviews sammelt, hat sich einmal von einer Schauergeschichte des russischen Fernsehens beeindrucken lassen, die sich später als Lüge entpuppte. Unter dem Eindruck des ersten Entsetzens hat er sie bei einem kurzen Besuch in Deutschland öffentlich weiter gegeben. Im Beitrag dazu befragt, gibt er allerdings unumwunden zu, dass die ungeprüfte Weitergabe ein Fehler war. In seinem Film kommt das Märchen auch gar nicht vor.

Mark Bartalmai. Screenshot aus dem Film "Ukrainian Agony".

Weiterhin sehen wir Ausschnitte aus einem Interview mit dem Reporter, doch da findet sich nichts, was dem Vorwurf der Propaganda, also der unbegründeten Behauptung, standhält. Dass die Kiewer Armee gen Osten marschierte, dürfte kaum jemand bestreiten. Dass sich anstelle einer einmarschierten russischen Armee selbst organisierte Volksmilizen gegen diesen Vormarsch wehren, zeigt Bartalmai in seinem Film.

Selbst Stefan Meister von der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik", der als Kronzeuge gegen Bartalmai auftreten soll, kommt unter einigem Stottern zu dem Schluss, dass der Filme Beweise (!) für die Sichtweise Russlands liefert. Dennoch ist der ganze Film für Meister Propaganda. Warum, das definiert der Russland-Experte nicht näher. Ich kann nur raten. Ist es die Erwähnung der NATO-Osterweiterung im Film "Ukrainian Agony"? Oder die Information, dass amerikanische Großindustrielle seit Ausbruch der Ukraine-Krise ukrainische Konzerne unter ihre Aufsicht bringen, oder dass der Maidan vom westlichen Ausland unterstützt wurde?

Alles längst belegte Fakten, die Bartalmai in seinem Film zusammen trägt. Doch nichts davon führt Fugmann auf, um seinen Propaganda-Vorwurf zu erhärten. Vielleicht weil dann jeder Zuschauer merken müsste, dass es hier eigentlich nur um wichtige Ergänzungen in einem lückenhaften Gesamtbild geht.

Da Autor Fugmann auf dieser Ebene also nicht weiterkommt, bemüht er (klassisches Muster) die psychologische Schiene. Mark Bartalmai veröffentlicht unter Pseudonym. Ja, nun. Das wird wohl so mancher Kriegsreporter getan haben, um sich zu schützen. Mark Bartalmai hat schon immer Haltung gezeigt, und stärker zu seiner Meinung gestanden als andere, bezeugt ein ehemaliger Freund und Geschäftspartner. Aha. Das macht uns den Mann dann ja eher sympathisch.

Ein letzter starker Vorwurf: Die Parteinahme des Kriegsreporters. Er soll von allen Seiten gleichermaßen berichten. Wirklich? Kann ein Kriegsreporter während laufender Kampfhandlungen die Seiten wechseln, ohne in den sicheren Tod zu laufen?

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Mark Bartalmai macht ja auch gar keinen Hehl daraus, dass sein Film seine Sichtweise widerspiegelt, dennoch liefert er Bilder und Fakten und für die interessiert sich "Fakt" herzlich wenig. Am Ende von Fugmanns Beitrag bleibt im Grunde genommen der Eindruck: Da hat sich einer an die ostukrainische Front begeben und berichtet, und unsere Medien rufen ihm zu: Lügenpresse! Oder Lügenfilmer!

Und weil das ganze Filmchen so mager ist, muss im Untertext auch noch auf die vermutlich erfundene Vergewaltigungsgeschichte des russischen Mädchens Lisa hingewiesen werden, weil die ja auch ein Scherge von Putins Propaganda war. Was sie mit dem Film von Bartalmai zu tun hat, bleibt ein Mysterium.

Dass Bartalmai in seinem privaten Leben ein paar Tage lang dem Schauermärchen des russischen Fernsehens aufgesessen ist, mag als Schwachpunkt bleiben. Allerdings finde ich es ziemlich gewagt von Herrn Meister zu sagen, es gäbe einen Kreis von Leuten in Deutschland, "Verschwörungstheoretiker" versteht sich, der gewillt ist, die Dinge zu glauben, die in ihre Sichtweise passen, je absurder umso lieber, ohne dass Meister benennt, wen er meint.

Gemeint sein könnten ja all die Journalisten und Zuschauer, die an die "Brutkastenlüge" über die irakischen Soldaten geglaubt haben. Und was ist mit der Legende von Assads Giftgas-Angriffen, die bis heute nicht bewiesen ist, aber von unseren Medien fleißig als Wahrheit verkauft wird, weil sie eben so gut ins Bild des Westens passt? Komplett nach dem Motto: Je absurder, umso lieber.

Und was ist das eigentlich für ein hochnäsiges Argument, dass einer, der nie Journalismus studiert hat, ein fragwürdiger Kriegsreporter sein muss. Dann hätte ich doch gern den professionellen Qualitäts-Reporter der ARD, der selbst vor Ort war und mir erklärt, welche der Bilder, die Bartalmai in der Ost-Ukraine gedreht hat, gefälscht sind, welche Interviews Lügen verbreiten. Ein solcher Fachmann konnte aber offenbar nicht gefunden werden.

Ich finde es jedenfalls ziemlich auffällig, wie unsere Medien mit Männern wie Jürgen Todenhöfer oder Mark Bartalmai umgehen, die mehrfach ihr Leben riskieren, um in einem Krisengebiet die Seite zu dokumentieren, die von unseren Sendern ganz augenscheinlich zu wenig dargestellt wird. Mit Verbalattacken wie "krude Darstellung" und "abstruse Geschichten" ist da nichts wiederlegt. Und irgendwie ist es immer der Experte im gebügelten Anzug, der seinen Alltag höchstens für Urlaubsreisen und Kongresse verlässt, der es angeblich besser weiß. Da kann ja was nicht stimmen. (Katrin McClean)

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