Fakten oder Fake News?

In Deutschland gibt es viel weniger Arbeitslose als in Österreich - auf dem Papier

Als für Dezember 2016 die offizielle Arbeitslosenquote von 10,3 Prozent vermeldet wurde, sprach Johannes Kopf, Vorstandsmitglied des österreichischen Arbeitsmarktservice (AMS), von einer "weiterhin sehr schlechten" Lage auf dem Arbeitsmarkt. Wie der Tageszeitung "Der Standard" weiter zu entnehmen ist, war die Arbeitslosigkeit in Österreich im November und Dezember leicht zurückgegangen. Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) sagte, dies sei "überhaupt kein Anlass, sich auf Lorbeeren auszuruhen. Arbeitsplätze haben auch 2017 oberste Priorität für die Arbeit der gesamten Bundesregierung."

Ähnliche Töne hat man in Deutschland schon lange nicht mehr von Regierungspolitikern vernommen. Was zunächst einmal nachvollziehbar erscheint, sehen die Zahlen hier doch deutlich besser aus. In Deutschland lag die offizielle Arbeitslosenquote im Dezember 2016 bei 5,8 Prozent. Den saisonüblichen Anstieg auf 6,3 Prozent im Januar 2017 bezeichnete der damalige Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, als "guten Start ins neue Jahr". Denn zwar stieg die offizielle Zahl der Arbeitslosen um 209.000 auf 2,78 Millionen, lag damit aber unter den für Januar 2016 vermeldeten 2,92 Millionen.

Dass die Zahl der "Unterbeschäftigten" im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 49.000 auf 3,73 Millionen stieg, war den deutschen Qualitätsmedien wie üblich nicht zu entnehmen, wohl aber der Pressemitteilung der BA. Es mutet zunächst ein wenig seltsam an, dass die Kategorie "Unterbeschäftigte" Arbeitslose mit einschließt. Nach dem allgemeinen Sprachgebrauch könnte man meinen, "Unterbeschäftigte" seien beschäftigt, würden aber gerne mehr arbeiten. Doch weit gefehlt, solche Menschen werden als "Stille Reserve" bezeichnet.

Zu den sogenannten Unterbeschäftigten hingegen gehören neben den Arbeitslosen im engeren Sinne die "Maßnahmeteilnehmer", die zum Zeitpunkt der Erfassung Krankgeschriebenen und die über 58-Jährigen, denen ihr Arbeitsvermittler oder Fallmanager seit einem Jahr kein Stellenangebot mehr ausgedruckt hat. Die meisten Zeitgenossen würden solche Menschen vermutlich einfach als arbeitslos bezeichnen. Die deutschen Leitmedien folgen indes brav den Vorlagen, die ihnen die BA in Form von Pressemitteilungen liefert. Nur selten erwähnen sie die Unterbeschäftigten überhaupt einmal. So konnten sie auch diesmal wieder von einem "Rekordtief" fabulieren und ihren Konsumenten ein gutes Gefühl vermitteln.

Die österreichischen Medien vermelden dagegen auch die Gesamtzahl der Arbeitslosen inklusive Schulungsteilnehmern. Diese lag im Januar 2017 bei rund 494.000. Bei der Ermittlung der Arbeitslosenquote nach "nationaler Definition" rechnet der AMS, wie auch die BA, Schulungsteilnehmer heraus. Die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition lag im Januar bei 10,6 Prozent, inklusive Schulungsteilnehmern bei 12,2 Prozent.

Mit 6,3 Prozent steht Deutschland im Vergleich dazu scheinbar recht gut da. Betrachtet man statt der offiziell Arbeitslosen die 3,73 Millionen "Unterbeschäftigten", so kommt man für Deutschland auf 8,3 Prozent. 8,3 zu 12,2; das ist immer noch eine stattliche Differenz. Rechnet man fairerweise die zum Zeitpunkt der Erfassung Krankgeschriebenen heraus, die in Österreich auch nach der erweiterten Definition nicht als arbeitslos gezählt werden, sind es 8,2 zu 12,2 Prozent.

Nur ergibt auch dieser Vergleich keinen Sinn, denn die Bezugsgröße ist jeweils eine andere. In Österreich wird bei der Berechnung der Arbeitslosenquote die Zahl der Arbeitslosen in Beziehung zum Arbeitskräftepotenzial gesetzt. Dieses wiederum ist definiert als "die Summe aus Arbeitslosenbestand und unselbständig beschäftigten Personen". In Deutschland dagegen werden Äpfel mit Birnen verglichen, indem die Arbeitslosen ins Verhältnis zu den zivilen Erwerbspersonen (Erwerbstätige plus Arbeitslose) gesetzt werden, was nach Auffassung der BA "die relative Unterauslastung des Arbeitskräfteangebots" zeigen soll.

Quellen: Statistisches Bundesamt, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (von den Nachdenkseiten archivierte lange Zeitreihe); Eigene Darstellung.

Tatsächlich befinden sich unter den Erwerbstätigen diverse Personengruppen, die per definitionem gar nicht arbeitslos sein können, schon wegen ihres Alters. Als erwerbstätig definiert das Statistische Bundesamt nämlich alle Personen im Alter von 15 bis 74 Jahren, die mindestens eine Stunde pro Woche bezahlte Arbeit verrichten. So zählt etwa ein Jugendlicher auf Ausbildungsplatzsuche, der ein paar Stunden pro Woche Zeitungen austrägt, nicht als arbeitslos. Ebenso wenig ein Aufstocker, der mindestens 15 Stunden pro Woche arbeitet, oder eine Studienabsolventin, die sich als schlecht bezahlte Praktikantin verdingt. Allen diesen Personengruppen, wie auch Kurzarbeitern oder Personen in Altersteilzeit, ist gemein, dass sie die Statistik gleich in zweifacher Hinsicht aufhübschen helfen, denn sie gelten nicht als arbeitslos oder unterbeschäftigt, sondern als erwerbstätig.

Für Dezember 2016 vermeldete das Statistische Bundesamt 43,5 Millionen Erwerbstätige. Darunter waren 31,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 7,4 Millionen geringfügig Beschäftigte und 4,3 Millionen Selbstständige oder mithelfende Familienangehörige. Rechnet man, wie in Österreich üblich, die Selbstständigen und die geringfügig Beschäftigten heraus und setzt die Arbeitslosen, inklusive der "Unterbeschäftigten", ins Verhältnis zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, dann kommen 3,73 Millionen Arbeitslose auf 31,7 Millionen Beschäftigte, was einer Arbeitslosenquote von 11,8 Prozent entspricht. Für Österreich hatten wir 12,2 Prozent ermittelt.

Die genannten Zahlen stellen letztlich nur eine Annäherung an die Wirklichkeit dar. Für beide Länder müssten unter anderem noch die von Sanktionen betroffenen Arbeitslosen, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sowie Personen hinzuaddiert werden, denen wegen Überschreitung des Vermögensfreibetrags oder Einkommensanrechnung des Partners keine Leistungen zustehen. Sicher erscheint indes, dass die realen Arbeitslosenquoten in Deutschland und Österreich nicht allzu weit auseinanderliegen. Frappierend ist, wie unterschiedlich Politik und Medien damit umgehen.

(Hans-Dieter Rieveler)

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