Faktencheck Textilboykott: Auswertung

Helfen Boykotts von Marken oder Handelsketten und das Umschwenken auf Fair-Trade-Produkte, die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern?

Vom 29. bis zum 31. Januar haben wir auf Telepolis (Faktencheck: Textil-Boykott), faz.net und Freitag.de einen "Faktencheck" mit dem Titel "Textilboykott" durchgeführt. Thema war vor allem, ob Zertifikate (wie FairTrade oder FairWear) helfen könnten, die Situation von Textilarbeiterinnen in Bangladesch und anderswo zu verbessern. Leser haben sich mit über 150 Kommentaren beteiligt. Zusätzlich haben drei eingeladene Experten zu der Debatte und der Recherche beigetragen. Die Kommentare wurden fortlaufend in eine Argumentkarte übertragen. Die Karte zeigt auf, wo die Meinungsfronten verlaufen, wie Ablehnung von und Zustimmung zu den diskutierten Thesen und Vorschlägen gerechtfertigt werden und wo Lücken in der Begründungskette bestehen. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Vorab: Thema der Debatte ist nicht ein Total-Boykott. Vielmehr geht es ein moralisches Anliegen, wie es in Fragen wie dieser zum Ausdruck kommt.

Wir wollten wissen: Kann man, zum Beispiel durch den Kauf von fair erzeugter Kleidung, wirklich etwas bewirken? Sind Konsumenten und Unternehmen in Deutschland moralisch in der Pflicht, "fair" zu handeln? Wie kaum bei anderen Thema, prallen in dieser Frage die Meinungen von Experten (hier: Wirtschaftsforschern) und Laien aufeinander. Wirtschaftsforscher behaupten: "faire" Produktion führt leicht zu kontraproduktiven Ergebnissen - so dass Arbeiterinnen in Bangladesch und anderswo in Folge des moralischen Engagements von Konsumenten hierzulande am Ende nicht besser dastehen, sondern schlechter. Ist das wirklich plausibel? An der Debatte beteiligt hat sich auch ein Expertenteam, bestehend aus:

  • Dr. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von FemNet. FemNet ist Mitglied im Trägerkreis der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign). Das Ziel der Kampagne ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. Hierzu werden Endverbraucher informiert, wird mit Unternehmen verhandelt, werden Organisationen der ArbeiterInnen unterstützt und öffentliche Kampagnen durchgeführt.
  • Dr. Ulrich Thielemann. Privatdozent an der Universität St. Gallen, Stellvertretender Beiratsvorsitzender des Ökosozialen Forums Deutschland und Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik Me’M. Das Me’M bearbeitet ökonomische Fragen unserer Zeit aus einer paradigmatisch neuartigen, ethisch-integrierten Sicht auf das Wirtschaften. Es möchte praktische Orientierungen bieten und Perspektiven eröffnen für eine Menschliche Marktwirtschaft.
  • Prof. Dr. Matthias Lücke, Honorarprofessor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel; wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich "Armutsminderung und Entwicklung" am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er meint: "Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass absolute Armut vor allem dort zurückgegangen ist, wo es Wirtschaftswachstum gab - typischerweise verbunden mit wachsenden Industriegüterexporten. Gerade neue, im internationalen Geschäft unerfahrene Firmen können sich zunächst nur durch günstige Preise den Zugang zum Exportmarkt verschaffen. Vor diesem Hintergrund wären sehr hohe soziale und ökologische Standards für die gesamte Bekleidungs-Wertschöpfungskette entweder nicht durchzusetzen oder kontraproduktiv."

Alle drei Experten haben während des Faktenchecks Kommentare beigetragen. Außerdem war es Aufgabe der Experten, abschließend die im Zuge der Debatte generierte Argumentkarte auf ihre Vollständigkeit hin zu überprüfen. Hier ist das Ergebnis:



  • Mindmap größer anzeigen? Geht auch hier! Bei allen anderen Abbildungen auch auf das Bild zum Vergrößern klicken.
  • Tipp: Die Zweige der Karte lassen sich auf- und zuklappen. Das erleichtert die Lektüre.
  • Knotenpunkte, hinter denen sich Kommentare oder andere Details verbergen, sind entsprechend markiert:

Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die vollständige Darstellung der im Verlaufe der drei Tage zusammen getragenen Argumente so aus:

Für eine hochauflösende Darstellung hier klicken (der Link öffnet nicht die oben im Text platzierte interaktive Karte, sondern eine einfache Bilddatei). Durch diese lässt sich - mit Verwendung der "Lupe" - leichter navigieren.) Die Diskussion gliedert sich in drei große Blöcke. Zunächst wird der der zur Diskussion stehende Ausgangsvorschlag ("Billig-Textilien made in Bangladesh sollte man gar nicht erst kaufen") heruntergebrochen in zwei Einzelthesen. Nur dann, wenn beide Thesen sich als wahr erweisen, kann der Ausgangsvorschlag begründet werden. Die beiden Thesen lauten:

  1. In den Textilfabriken in Bangladesch und anderswo herrschen unakzeptable Arbeitsbedingungen
  2. Durch den Kauf billiger Textilien macht man sich mitschuldig daran, dass Textilarbeiterinnen in Bangladesh (und anderswo) unter unakzeptablen Bedingungen arbeiten müssen

Ein dritter Block behandelt mögliche Handlungsoptionen. Im Zentrum steht hier die Frage: Ist es besser, zertifizierte Textilien (die mit Siegeln wie "FairTrade" ausgezeichnet sind) zu kaufen?

Verschiedene Indizien belegen die generelle Behauptung, dass "in Bangladesch und anderswo" Arbeitsbedingungen herrschen, die "nicht akzeptabel" sind. Neben übermäßig langen Arbeitszeiten und fehlenden Arbeitsschutzbestimmungen stehen hier vor allem zwei Aspekte im Vordergrund: die "lächerlich geringen", weil nicht existenzsichernden Löhne sowie die Behauptung, dass die Textilarbeiterinnen ausgebeutet werden.

Die Lohnfrage: In Veröffentlichungen in wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften ist immer wieder zu lesen: Dass Menschen, vor allem in Süd- und Südostasien, zu sehr geringen Löhnen arbeiten, ist bedauerlich. Aber wenn die Löhne - durch Druck aus dem Westen - erhöht würden, dann wäre damit nicht viel gewonnen. Den Gesetzen der Wirtschaft folgend, würden in den Produktionsländern in diesem Fall nämlich Arbeitsplätze abgebaut werden. Die Begründung:

"(i) In der Bekleidungsindustrie werden Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt. Das geht in der Bekleidungsindustrie nur in Grenzen, weil Roboter nicht nähen können. Aber selbst dort gibt es Hilfstätigkeiten (Verpacken etc.), wo Maschinen Menschen ersetzen können. Wenn wir die Textilindustrie anschauen (Spinnerei, Weberei, Maschenware, Heimtextilien), gibt es noch viel mehr Möglichkeiten für Maschineneinsatz.

(ii) Steigende Preise ab Fabrik können dazu führen, dass die internationalen Kunden abwandern. Dass Bangladesch vielleicht weltweit die niedrigsten Löhne hat, verhindert das nicht. Obwohl die Löhne in China und Indien und Thailand vermutlich um eine Mehrfaches höher sind, sind auch diese Länder erfolgreiche Exporteure - es sind dort halt andere Kosten niedriger als in Bangladesh (Transport, öffentliche Dienstleistungen usw.). Die Firmen würden also entweder in Länder mit höheren Löhnen, aber niedrigeren sonstigen Kosten weiter ziehen (oder in China aufs flache Land) - oder in Länder mit ebenfalls niedrigen Löhnen, von denen es schon noch einige gibt (Kambodscha, Laos, vielleicht Vietnam).

(iii) Die Arbeitskräfte, die zum höheren Mindestlohn in der Textilindustrie nicht mehr beschäftigt werden, drängen in andere Sektoren (sonst würden sie verhungern), dort sinken die Löhne und letztlich die Güterpreise." (Matthias Lücke)

Diesem Argument konnte in der Diskussion kein schlagender Einwand entgegengebracht werden (abgesehen von dem in dem Zitat bereits aufgegriffenen Einwand, dass Bangladesch, was Löhne betrifft, sich bereits am unteren Ende der Fahnenstange und von daher dort keine Abwanderung in noch billigere Produktionsländer möglich ist). Wer's nicht glauben mag: hier noch einmal der Link zur Karte mit den Details. Auch wenn höhere Löhne - zumindest sehr viel höhere Löhne - aus dem Stand heraus nicht möglich zu sein scheinen, ohne dass dies mit nachteiligen Wirkungen für die Textilarbeiterinnen verbunden ist, stellt sich dennoch die Frage, ob wir als Konsumenten nicht in ungerechtfertiger Weise von den Niedriglöhnen profitieren. "Ausbeutung" könnte man das nennen.

Ausbeutung: Werden die Textilarbeiter in Süd- und Südostasien ausgebeutet? So etwas sagt sich leicht. Aber lässt es sich auch begründen? Ein Vorschlag, den Tatbestand der Ausbeutung zu definieren (wir haben ihn übernommen von dem Wirtschaftsethiker Benjamin Powell fasst als exemplarische Situation der Ausbeutung den Fall eines Ertrinkenden ins Auge. Dem Ertrinkenden wird Rettung angeboten - für eine sehr hohe Summe. Die Frage ist: nutzt der Retter auf unfaire Weise den Vorteil aus, der ihm durch die Notsituation entsteht? Eine Position (zu der sich auch Powell bekennt) meint:

Ausbeutung liegt nur dann vor, wenn der Retter einen Preis verlangt, der weit über dem üblichem liegt.

Auf die Textilbranche übertragen heißt das: Ausbeutung liegt nur dann vor, wenn hier Gewinnmargen erzielt werden, die höher sind als in anderen Branchen und wenn mehr als in anderen Branchen auf Outsourcing in Billiglohnländer zurückgegriffen wird. Beides jedoch, konstatiert Powell, ist nicht der Fall. Ergo: Keine Ausbeutung! Das einzige, was man den Textilunternehmen anlasten kann, ist, salopp gesagt, dieses: Zuweilen profitieren sie davon, dass korrupte Regierungen in den Produktionsländern mit ihrer Politik die Not der unteren Einkommen verstärken - und diese somit den Textilfabrikanten quasi in die Arme treiben. Anders gesagt: die Unternehmen sind Nutznießer einer "Hintergrund-Ungerechtigkeit", für die sie selbst jedoch keine Verantwortung tragen.

Ob man auch darüber hinaus von "Ausbeutung" sprechen mag, ist in hohem Maße Ansichtssache. Hier geht es um die Frage, ob nicht auch das, was gängige Praxis ist, als Ausbeutung aufgefasst werden kann. Nur, weil auch andere Branchen und Unternehmen hohe Gewinnmargen anstreben und deshalb geringe Löhne zahlen, muss es ja nicht okay sein, wenn dies in der Textilindustrie geschieht. Soweit zur Beschreibung der Ausgangslage in den Produktionsländern wie Bangladesch.

Zwischenfazit: Dass Textilarbeiter in Bangladesch und in anderes südasiatischen und südostasiatischen Ländern zu haarsträubenden Bedingungen arbeiten (30 Euro Monatslohn; Arbeitszeiten von 8 bis 20 Uhr, zuzüglich Überstunden; fehlender Sicherheitsstandards in den Fabriken; kein Recht auf Gründung von Gewerkschaften) - darüber besteht wohl kaum ein Zweifel. Die Frage ist aber: sind diese Bedingungen unakzeptabel? Tatsächlich akzeptieren ja die Textilarbeiterinnen die geringen Löhne. (Und es gibt sogar Stimmen in der Diskussion, die behaupten, dass sie auch geringe Sicherheitsstandards akzeptieren - weil höhere Standards Geld kosten würden und die Arbeiter dieses Geld im Zweifel lieber Cash ausgezahlt bekommen würden.) Wir haben uns auf die Frage konzentriert, ob die geringen Löhne unakzeptabel sind. Hinter der Frage steckt folgende Überlegung:

(...) Die Arbeitskosten betragen im Textilsektor üblicherweise 2% des Endverkaufspreise, also bei einer Hose für 50 Dollar kommt man da auf 1 Dollar. Es wäre also möglich das Einkommen der Beschäftigten locker zu verfünffachen ohne, daß der Endverbraucher das groß merken würde.

Hooliganschubser,Telepolis

Wäre es nicht eine schöne Geste, wenn wir in Deutschland einfach einen kleinen Aufpreis auf unsere Jeans bezahlen würden, und die Arbeiterinnen in Bangladesch auf diese Weise von ihrem Joch erlöst würden? Die Frage ist aber: wie soll das geschehen? Wir können den Arbeiterinnen ja nicht das Geld direkt zustecken. Was bleibt, sind recht komplizierte Maßnahmen, die zugleich einen Eingriff ins Wirtschaftssystem darstellen. Hier kommt der Einwand der Ökonomen zum Zuge: Würden die Löhne (etwa in Folge staatlich verordneter Mindestlöhne) rapide steigen, dann hätte dies zu Folge, dass die Fabriken viele Arbeiterinnen entlassen müssten.

Trotz eingehender Prüfung haben wir keine wirklich schlüssigen Einwände gefunden, welche der Argumentation, welche die These "Höhere Löhne, weniger Arbeitsplätze" stützt, den Boden entziehen würden. Lohnsteigerungen, wie immer wünschenswert, scheinen von daher nur in einem bestimmten Maß oder in einem bestimmten Tempo realisierbar zu sein, ohne dass es zu kontraproduktiven Effekten kommt. Wie sieht es angesichts dieses Ergebnisses mit der moralischen Verpflichtung von Konsumenten und Unternehmen in den Industrieländern aus?

Im Fokus hier steht eine provokante These, die die Schlussfolgerung aus der im Abschnitt "(1) In den Textilfabriken..." diskutierten Auffassung ergibt, dass es kontraproduktiv wäre, auf eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen hinzuwirken:

Eigentlich tun wir den Textilarbeitern schon damit einen Gefallen, wenn wir T-Shirts für 4,99 kaufen - weil wir damit die Beschäftigung sichern und diese, langfristig, zu wirtschaftlichen Wachstum und besserer Entlohnung in den Produktionsländern beiträgt.

Die Frage ist:

Wer sagt, dass auf lange Sicht Wirtschaftswachstum dazu führt, dass die Entlohnung der Fabrikarbeiterinnen sich verbessert?

Die Antwort darauf:

Höhere Löhne setzen letztlich eine höhere Arbeitsproduktivität voraus. Dazu können Exporte und die daraus resultierenden vielfältigen Kontakte mit internationalen Unternehmen beitragen. Hilfreich wäre auch eine bessere Regierungsführung in vielen armen Ländern, so dass die vorhandenen Ressourcen stärker produktiv genutzt werden können und nicht für das Überwinden bürokratischer Hemmnisse. Außerdem würde ein besseres Investitionsklima im Laufe der Zeit den Kapitalbestand je Arbeitskraft und damit die Arbeitsproduktivität erhöhen.

Soweit die allgemeine Plausibilisierung der These "Eigentlich tun wir den Textilarbeitern schon damit einen Gefallen...". Wie verhält es sich im Detail: Gibt es empirische Evidenzen, dass die prognostizierten Entwicklungen auch tatsächlich stattfinden? Auch wenn es 'harte' Zahlen gibt, welche die Sachlage beschreiben, kann man sich über die Interpretation dieser Zahlen immer noch streiten.

Zunächst: In Bangladesch, um beim Beispiel zu bleiben, sind in den vergangenen zehn Jahren mit den Exporten auch die Pro-Kopf Einkommen gestiegen. Die Armutsquote hat abgenommen. Sollte dies nicht bereits als Beleg ausreichend sein?

Nicht überall wird diese Ansicht geteilt. Denn trotz Wirtschaftswachstum gibt es Anzeichen dafür, dass mittel- oder langfristig die Kluft zwischen Entwicklungs- und Schwellenländern und den Industrienationen zunimmt. Anders gesagt: die Industrienationen profitieren mehr vom Export! Ob dies der Fall ist oder nicht, ist jedoch strittig. Ein (fiktives) Beispiel zeigt, weshalb:

Wenn die Einkommen in den reichen Ländern mit 3% wachsen und in den armen Länder mit 5%, nimmt die absolute Differenz der Einkommen zu! Jedenfalls solange 3% des hohen Einkommens mehr ist als 5% des niedrigen Einkommens. Es kommt hier also auf die betrachtete Zeitspanne an. Fasst man den zeitlichen Horizont sehr weit oder legt man mehr Gewicht auf Tendenzen denn auf absolute Zahlen, fällt das Urteil zu Gunsten der These, dass das Wirtschaftswachstum langfristig zu mehr Gleichheit führt, günster aus. Denn: Das Verhältnis der Einkommen verbessert sich, solange die Armen schneller wachsen als die Reichen.

Auf einem ganz anderen Blatt steht freilich, ob Gleichheit oder Annäherung der Einkommen überhaupt ein Ziel ist, welches Priorität hat. Ein Ökonom würde hier entgegnen: Mich interessiert zunächst nur die absolute Armut. Wenn diese behoben ist, dann können wir uns auch dem Problem der ungleichen Einkommen zuwenden!

Wiederum auf einem anderen Blatt steht, welche konkrete Realität sich hinter den statistischen Zahlen verbirgt. Bedeutet eine sinkende Armutsquote wirklich, dass es jenen Leuten (vor allem Frauen), die in den Textilfabriken arbeiten, heute besser geht als vor zehn Jahren?

Wie man sieht, bietet die Debatte ausreichend Gelegenheit für Meinungsverschiedenheiten, die nicht durch den Verweis auf empirische Belege oder jedermann unmittelbar einsichtige Beweisgründe aus der Welt geräumt werden können. Auf der anderen Seite wird aber auch deutlich, welche Werturteile der als "wissenschaftlich" akkreditierten Auffassung des ökonomischen Mainstreams zu Grunde liegen.

Zwischenfazit: Ob man von einer "Mitschuld" der Konsumenten hierzulande sprechen kann, hängt zunächst von den kausalen Zusammenhänge ab: Was bewirkt unser Konsumverhalten? Was würden es bewirken, wenn Konsumenten Handelsketten wie KiK oder C&A, die in Kontext der Fabrikbrände in Bangladesch in die Kritik geraten sind, meiden würden?

Die Antwort auf diese Frage ist nur zum Teil eine Sache wirtschaftswissenschaftlicher Prognosen (die selbst schon umstritten sind). Letztendlich hängt vieles davon, welchen Maßstab man ansetzt, um ökonomische Fortschritte in den Produktionsländern zu beurteilen. Dabei spielt auch eine Rolle, wie stark moralische Urteile mit konkreten Handlungsoptionen verknüpft werden. Denn auch, wenn es zuträfe, dass zunehmende Exporte langfristig zu einer Verringerung der Armut führen: Diejenigen Frauen, die heute in den Fabriken arbeiten, spüren aktuell von dieser möglicherweise in zukünftigen Statistiken erscheinenden Veränderung wenig. Deshalb trifft die Behauptung zu, dass das Wirtschaftswachstum auf dem Rücken dieser Frauen ausgetragen wird - auch wenn andere Textilarbeiterinnen (in der Zukunft) vom Wachstum profitieren mögen.

Trotz dieser vielen Wenns und Abers drängt sich eine einfache Schlussfolgerung auf: Wenn es so ungewiss ist, ob wir allein durch den Kauf von Billig-Jeans und T-Shirts den Textilarbeiterinnen schon einen Gefallen tun, dann sollten wir uns nach Alternativen umschauen. Können wir besseres tun, als T-Shirts für 4,99 EUR zu kaufen?

Anders als im Lebensmittelbereich, wo einzelne Produkte mit dem Siegel "FairTrade" ausgezeichnet werden, hat sich Textilbereich eine Form der Zertifizierung bewährt, bei welcher ganze Unternehmen sich einem Siegel anschließen (wie etwa "FairWear"). (Anzumerken ist hier: die meisten Markenhersteller haben sich bislang nicht einem solchen Siegel angeschlossen. Ebensowenig wie sie ein von internationalen Gewerkschaften udn Arbeitsrechtsorganisationen entwickeltes Brandschutzabkommen unterzeichnet haben.)

Darüber, wie gut sich auf dem Wege der Zertifizierung ganzer Unternehmen die Produktionskette kontrollieren lässt und sich Arbeitsbedingungen von Textilarbeiterinnen verbessern lassen, wurde im Laufe des Faktenchecks nur wenig Konkretes zusammen getragen. Dies ist bedauerlich vor allem deshalb, weil sich in den Kommentaren viele Teilnehmer sehr skeptisch gegenüber 'fair' erzeugten Produkten äußern. Die Befürchtung ist: Hier wird nur unter einem anderen Label das gleiche verkauft wie andeswo auch.

Zwar kenne ich FairWear (noch) nicht, aber wenn Sie ansonsten mal hinter das "Fair" sehen, finden Sie dort sehr schnell alte Bekannte wieder, die über den Umweg der Finanzierung Leibeigenschaft begründen. In der Werbung macht sich "Fair" etc. jedenfalls immer gut. Lagerfeld und Co. haben gute Gründe, über ihre Produktionsstandorte keine Auskunft zu geben. Was man dort wohl finden würde?

Otto Meier, faz.net. 30.01.2013, 19:13 Uhr

Interessant wäre es gewesen, ob es gelingt, solche Befürchtungen zu entkräften. Auch darüber, inwiefern bessere Arbeitsbedingungen an einigen Orten einen Impuls dafür setzen können, dass sich in der gesamten Industrie etwas bewegt, war wenig in Erfahrung zu bringen.

Mehr Aufmerksamkeit lag auf der Frage von Regulierungen. Verschiedene Vorschläge wurden in die Diskussion eingebracht: von Verpflichtungen zu mehr Transparenz (etwa in Form von Nachweisen auf den Produktetiketten), einer Sozial-Ausgleichssteuer für 'unfair' erzeugte Produkte sowie der Einführung einer juristischen Haftungspflicht für Unternehmen, die es zum Beispiel Opfern von Textilfabrik-Bränden in Bangladesch ermöglichen würde, in Deutschland gegen eine Textilkette zu klagen.

Auch hier wurden Bedenken vorgebracht, dass einige der Vorschläge sich als kontraproduktiv erweisen könnten oder dass sie schlechtere Ergebnisse hervorbringen wie verfügbare Alternativen. Ebenso verhält es sich mit Bedenken, was die Realisierbarkeit der einzelnen Vorhaben betrifft. Die Debatte ist in diesen Punkten jedoch noch nicht eindeutig entschieden.

Zwischenfazit: Viele ungeklärte Fragen auch in diesem Abschnitt. Auf der anderen Seite: die frühere Diskussion hatte ja auch gezeigt, dass allein durch den Kauf von T-Shirts zu 4,99 Euro sich das Los der Textilarbeiterinnen nicht mit Sicherheit zum besseren wendet. Von daher erschiene es als nicht richtig, Alternativen, die schwierig zu realisieren sind oder in ihren Folgen nicht überschaubar, einfach abzutun.

Zumindest eines lässt sich wohl mit Sicherheit sagen: T-Shirts zu 4,99 sind nicht ohne Alternative. Als Konsumenten haben wir die Wahl ('fair' erzeugte sind über die unter andem bei FemNet aufgelisteten Quellen erhältlich und zuweilen bereits ab 12 Euro zu haben). Was politische Maßnahmen betrifft, scheint es eine ganze Reihe von zumindest erwägenswerten Optionen zu geben.

Egal, welchen Weg man beschreitet: Zumindest kurzfristig, das zeigte die Diskussion, wird es nicht möglich sein, den Textilarbeiterinnen in Bangladesch und anderen Ländern zu einem sehr viel höherem Lohn zu verhelfen, ohne dass dies kontroproduktive Effekte hat. An der Situation, dass im einen Teil der Welt Menschen für wenig Geld arbeiten, während anderswo Menschen mit üppigem Einkommen von dieser Arbeit profitieren, wird sich somit in absehbarer Zeit nicht viel ändern. Damit ist aber auch ein Einwand entkräftet, der aus vielen der Kommentare spricht:

Dem Geringverdiener hier hilft es wenig, wenn es fair produzierte Waren gibt, er sie sich aber nicht leisten kann. Und dem Arbeiter in Bangladesch hilft nur die Billigproduktion, da diese sonst nicht in Bangladesch stattfände.

Otto Meier, faz.net,31.01.2013 18:52 Uhr

Nicht notwendig besteht zwischen Geringverdienern hier in Deutschland und Billigtextilien der beschriebene Zusammenhang. Denn wenn ausschließlich geringfügige und kleinschrittige Verbesserungen der Produktionsbedingungen ökonomisch sinnvoll sind, dann werden sich diese Verbesserungen auch im Geldbeutel der Konsumenten hierzulande nur geringfügig auswirken. Praktisch betrachtet, stimmt es natürlich, dass Geringverdiener es sich nicht leisten können, ihre Kleidung von Nischen-Marken aus dem FearWear-Sektor beziehen. Ändern würde sich das vermutlich, wenn die großen Handelsketten einsteigen würden: Dann würden - in Maßen - 'faire' Produkte auch für Geringverdiener erschwinglich.

Bislang hat sich in der dieser Richtung jedoch erstaunlich wenig bewegt. Selbst Forderungen, die sich nicht auf höhere Löhne richten, sondern allein auf besseren Schutz vor Bränden in den Fabriken, werden von KiK, H&M und C&A bislang nicht unterstützt. Das von der EU-unterstützte bangladeschische Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit wurde bislang ausschließlich von Tschibo mit unterzeichnet. Man wagt sich sicherlich nicht zu weit vor, wenn man behauptet, dass hier noch Spielraum besteht. Alles in allem - die Welt bleibt komplex. Das Schlusswort hat Twister2009:

(...) Globalisierung hat eben nicht nur positive Seiten und irgendeiner kriegt halt immer ein Bummerl. letztendlich können z.B. viele hier auch nur mitdiskutieren weil sie an Geld für Kleidung sparen und sich deshalb Internet leisten können, weil sie auf einem günstigen Rechner, der sonstwo zusammengesetzt wurde, schreiben können usw. usf.

Twister2009, via Telepolis

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Das Projekt Faktencheck wird gefördert durch die Robert Bosch Stiftung. Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de.

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