Fall Epstein: Journalisten, die fraglos an Selbstmord glauben

Schnelle Antworten

Wenn, wie oft im Journalismus der Mainstreammedien zu beobachten, der stark ausgeprägte Hang zur orthodoxen Betrachtung der Realität zum Vorschein kommt, dann ist meistens alles "banal". Die Antwort auf die Frage, ob es sein kann, dass einer der renommiertesten Reformpädagogen des Landes (Stichwort: Odenwaldschule) jahrelang Kinder missbraucht hat, vermag ein derart ausgerichteter Journalismus schnell zu geben: Nein, natürlich kann das nicht sein! Warum?

Weil, wie meistens im Leben, die Dinge "banal" sind… Vermutlich würden solche "Gerüchte" nur auf Wahrnehmungsstörungen und Fehlinterpretationen der Kinder bzw. Ankläger zurückzuführen sein. Könnte es sein, dass Qualitätsmedien jemals berichten würden, ein russischer Journalist - nennen wir ihn Arkadi Babtschenko - sei ermordet worden, obwohl er in Wirklichkeit unter Führung der Behörden seinen Tod mit Schweineblut nur vorgetäuscht, inszeniert hatte?

Um Himmelswillen: nein, auch das kann nicht sein. Könnte es sein, dass die Bundesregierung noch Jahrzehnte nach dem Anschlag auf das Oktoberfestattentat nicht willens ist, dem Bundestag wichtige Fragen zu dem Verbrechen zu beantworten und gar das Bundesverfassungsgericht auf den Plan gerufen wird? Nein, das kann nicht sein! Kann es sein, dass eine Neonazizelle jahrelang mordend durch das Land zieht und der Staat in dem Fall, auf welche Weise auch immer, eine ziemlich dreckige Rolle spielt?

Nein, auch das ist - wohl, vermutlich, mit ziemlicher Sicherheit usw. - völlig abwegig. Warum? Weil es sich dabei um Verschwörungstheorien handelt. Nichts dergleichen hat es jemals gegeben. Nichts dergleichen wird es jemals geben. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Da ist er, der Weltbildjournalismus, dessen Vertreter kritischen Fragesteller gerne mal ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild attestiert und dabei nicht erkennt, wie eingeschränkt ihr eigener Blick doch ist.

Die Ermittlungen laufen. Am späten Samstag aber sah es so aus, als sei den Justizbehörden schlicht ein Fehler unterlaufen. Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben, leider. Vor drei Wochen war Epstein erstmals mit Wunden am Hals in seiner Zelle entdeckt worden. Jene Ermittlungen - Suizidversuch, Mordversuch, Körperverletzung? - dauerten an und solange sie andauerten, gab es für Epstein zwar erhöhten Schutz vor anderen Häftlingen, aber die ständige Beobachtung Epsteins, jene "suicide watch", die auch das Entfernen von Schnürsenkeln einschließt, war nach sechs Tagen vorerst aufgehoben worden. Wie bizarr. Wie fahrlässig.

Die Zeit

"So sah es aus", schreibt der Autor und liefert damit ein anschauliches Beispiel, wie ein naiver Journalismus funktioniert. Was heißt: "So sah es aus"? Aus wessen Perspektive "sah es so aus"? Wer sagt hier, wie etwas "aussah"? Wer spricht, wer gibt die "Fakten" vor? Anders gesagt: Wie sind diejenigen, die sprechen im Hinblick auf ihre Hintergründe, Interessen, Interessenskonflikte und auch Kompetenzen einzuordnen? Wer sind die, die den ersten Entwurf der Wirklichkeit liefern? Oder soll man sagen: Das "Narrativ"?

Natürlich: Der ZEIT-Artikel bezieht sich auf die Behörden, auf offizielle Stellen. Diese geben Informationen raus und bekunden, wie etwas "aussieht". Nun könnte man als kritischer Journalist wissen, dass gerade bei solch einem Fall Informationen (Desinformationen?) mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Nur weil Behörden sagen, dass etwas "so aussieht", heißt das noch lange nicht, dass "es" auch tatsächlich so "ist". Im Grunde genommen bewegen wir uns mit dieser Feststellung im Bereich des Grundlagenwissens Journalismus, erstes Semester (zur Staatsgläubigkeit von Journalisten siehe: hier).

Die Sicht der Behörden

Natürlich muss man als Journalist anführen, wie etwas (aus Sicht der Behörden) "aussieht", aber das geschieht in diesem Artikel eben nicht distanziert, sondern mehr oder weniger offen mit einer bestätigenden Haltung. Im nächsten Satz heißt es nämlich: "Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben, leider". Diese Aussage verdeutlicht, dass hier journalistisch unterstützend in das Behördennarrativ eingeschwungen wird. Wir haben es mit einer Erklärung zu tun, die den bekannten gegenwärtigen Stand der Dinge plausibel machen möchte.

Zuerst hieß in dem Artikel: "Die Wahrheit ist banaler, wie meistens im Leben." Nun ist zu lesen: "Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben". Was sind das für Aussagen? Ja, wir bewegen uns mit ihnen auf der Ebene der "Alltagsweisheit". Die Wahrheit im Leben ist oft banal. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Und anfügen ließe sich noch: Nachts ist es kalt.

Dem Fall Epstein, mit all seiner Komplexität, begegnet ein Qualitätsmedium mit Aussagen, die aufgrund ihrer Banalität nicht einmal als Spruch für einen schlechten Kalender taugen würden. Schauen wir, wie diese Art von Journalismus nun der Tatsache, dass bei einem derart hochkarätigen Gefangenen die "ständige Beobachtung" aufgehoben wurde, begegnet: "Wie bizarr. Wie fahrlässig."

In dem Wort "fahrlässig" kommt zum Vorschein, was bereits angesprochen wurde: Das ist kein ergebnisoffener Journalismus. Hier steht es. Schwarz auf weiß. Dass die ständige Beobachtung Epsteins aufgehoben wurde, war "fahrlässig". Damit ist der Verdacht, dass aus anderen Gründen die Beobachtung aufgehoben wurde, vom Tisch - das heißt: im Wirklichkeitsuniversum des Artikels. Natürlich nicht im real life.

Im Grunde genommen reicht die Auseinandersetzung mit diesen ersten Zeilen aus, um den gesamten Artikel zu erfassen. Im Sinne einer objektiven Hermeneutik könnte man den Beitrag analysieren, Satz für Satz, Wort für Wort. Doch das ist nicht nötig. Für das Offensichtliche bedarf es keiner Hermeneutik.

Hier folgt noch ein bisschen Betroffenheit ("Wie brutal auch gegenüber den Opfern, die sich vom Prozess gegen diesen Mann Erklärungen, Gerechtigkeit und Genugtuung erhofft hatten"), da noch der Hinweis, das in den Akten durchaus deutlich wird, welche Trageweite der Fall hat ("Von Prostitution, Menschenhandel und von der vielfachen Vergewaltigung Minderjähriger ist in den Ermittlungsakten die Rede") und zum Schluss noch ein wenig Autosuggestion oder die alte Methode der Wiederholung ("Nach allem, was bislang bekannt wurde, haben die Aufseher im Gefängnis nicht aufgepasst. Ein mutmaßlicher Täter hat sich wohl deshalb erhängt, um der Scham des Prozesses zu entkommen."), getreu dem Motto: Man muss etwas nur oft genug sagen, dann wird es zur "Wahrheit".

Bemerkenswert ist, dass nicht nur einige wenige Artikel wie der hier besprochene in den großen Medien erscheinen. Nahezu alle bisher gesichteten Beiträge ähneln sich im Tenor. Journalisten stoßen sich (wie immer) an geäußerten Verschwörungstheorien und vertreten die Auffassung, dass Epstein mit ziemlicher Sicherheit Selbstmord begangen hat. Manche Medien haben gar bereits kurz nach dem Tod Epsteins in der Überschrift die Selbstmordthese als Tatsache dargestellt ("Nach Missbrauchsvorwürfen: US-Milliardär Jeffrey Epstein begeht in Zelle Suizid".

Zum staatsoffiziellen-journalistischen Gleichklang senden dann auch noch Vertreter aus dem akademischen Feld den ein oder anderen passenden Ton . Auf Zeit Online äußert sich der Philosoph Jan Skudlarek zum Fall Epstein mit der hehren Absicht, aufklären zu wollen.

"Symptom für die Erosion der Glaubwürdigkeit im digitalen Zeitalter"

Unter der Überschrift "Verschwörungstheorien: Epstein, Epstein, alles muss versteckt sein" wird der Versuch unternommen, den Lesern aufzuzeigen, was es mit den Stimmen aus dem Netz, die eher an ein Mordkomplott als an einen Suizid glauben, auf sich hat.

Wie zu erwarten folgt keine nüchterne Analyse der vom medialen Mainstream abweichenden Ansichten. Gleich zu Beginn heißt es, dass, obwohl die "Leiche noch nicht kalt", bereits im Netz Gewissheiten "wuchern". Da ist sie, die Sprache des Kampfes. Wenn etwas "wuchert", dann ist das selten gut. Der Krebs, der sich durch den menschlichen Körper frisst, "wuchert", das Unkraut im Garten "wuchert". Wie begegnet man Krebs und Unkraut? Den Krebs gilt es zu bekämpfen, das Unkraut auszujäten.

Auch an dieser Stelle sei nochmal die "Zeitlupentaste" gedrückt.

Wenn sich Bürger in sozialen Medien im Hinblick auf den Tod Epsteins gewiss sind, dass es sich dabei um Mord handelt, dann erfasst ein "Zeit-Philosoph" gedanklich diese Meinungsäußerungen als eine Art Krebsgeschwür oder als Unkraut?

Etwas verdreht heißt es, dass Äußerungen wie diese "nicht weniger als ein Symptom für die Erosion der Glaubwürdigkeit im digitalen Zeitalter" seien. So sieht es heutzutage aus, wenn "große" Gesellschaftsdiagnosen ausgesprochen werden. Garniert wird der Befund mit den bekannten, abgenutzten, aber im Ohr der eigenen Peergroup noch immer wohlklingenden Begrifflichkeiten und Formulierungen.

Da wird wieder einmal von "Fake-News" gesprochen, da versteht sich der Autor als "Vertreter einer evidenzbasierten Weltanschauung" und betitelt im besten Sinne der Kampfrhetorik Bürger, die an Mord im Fall Epstein glauben als "Internet-Verschwörungstheoretiker". Umrahmt wird all das von Aussagen, die nahtlos in "Tiefe" und "Qualität" an den zuvor besprochenen Zeit-Artikel anknüpfen. Da heißt es:

  • Wer eine Aussage in den Raum stellt, muss liefern. Argumente. Belege. Beweise.
  • Heute, in der Epoche des Antifaktischen, gelten Belege und Beweise nicht etwa als abgewertet (schon das wäre schlimm genug), nein, oft sind sie schlichtweg schnurzpiepegal.
  • Manchmal sind die Dinge genau so, wie sie scheinen.
  • Oft genug gibt es keine tiefere Wahrheit.
  • So nachvollziehbar der Wunsch nach Auf- und Erlösung sein mag: Die Welt ist in der Regel banaler.

Wie soll man dieser Art "Diskursbeitrag" begegnen?

Ja, es stimmt: Wer etwas behauptet, sollte Argumente haben. Wer A sagt, muss auch B sagen. "Oft" sind die Dinge so, "manchmal" anders. Es gibt "nachvollziehbare" "Wünsche", die Welt ist "in der Regel" "banal", der Erklärbär ist großartig.

In den angeführten Aussagen zeigt sich anschaulich, wie einfach gestrickt "Objektivierung" in großen Medien oftmals ist. Da wird von der "Epoche des Antifaktischen" gesprochen, als ob das "Antifaktische" nicht schon immer ein fester Bestandteil der öffentlichen Kommunikation war.