Fall Epstein: Journalisten, die fraglos an Selbstmord glauben

Bundesgefängnis Metropolitan Correctional Center in Manhattan, New York, "on a cloudy afternoon". Bild: Jim.henderson/gemeinfrei

Kommentar: Der Fall bietet reichlich Stoff für Spekulationen, deshalb ist ein kritischer Journalismus gefragt

War es Mord oder Selbstmord? Im Fall Jeffrey Epstein zeigt sich wieder einmal eine Medienlandschaft, die sich sehr schnell an den einfachen "Wahrheiten" ausrichtet und die Verlautbarungen der Behörden übernimmt. Am Zeit-Artikel "Jeffrey Epstein - New Yorker Verschwörung" lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie es aussieht, wenn Medien nicht sagen, was "ist", sondern basierend auf ihren Glaubensüberzeugungen sagen, was sein soll.

Der Fall Epstein ist brisant. Das steht fest. Es geht um hochrangige Persönlichkeiten und sexuellen Missbrauch. Dass solch ein Fall reichlich Raum für Spekulationen bietet, ist offensichtlich. Gerade deshalb ist ein kritischer Journalismus gefragt. Was solch ein Fall nicht braucht sind Journalisten, die bereits nach kurzer Zeit vom Schreibtisch aus meinen, "Wahrheiten" festzementieren zu können.

Wer sich als Journalist im Fall Epstein berufen fühlt, ferndiagnostisch zu sagen, was "ist", trägt zur Aufklärung nicht mehr bei als jenes angebliche Geraune aus dem Internet, das gerade Vertreter von Qualitätsmedien so sehr beklagen.

Kaum war Epstein tot, haben sich schon die ersten Verschwörungstheorie ausgebreitet, heißt es in der Berichterstattung großer Medien. Das ist korrekt. Doch sagen sollte man auch: Kaum war Epstein tot, haben sich zahlreiche Journalisten auf eine "Wahrheit" festgelegt, nämlich: Es war Selbstmord!

So schallt es derzeit nicht nur durch deutsche Medien. Um der journalistischen Sorgfaltspflicht gerecht zu werden, dürfen Wörter wie "mutmaßlich" oder "wohl" als Anhängsel mitschallen, doch beim genaueren Hinhören wird schnell deutlich, dass in nicht wenigen Artikel mehr oder weniger offen kommuniziert wird, welche Wahrheit die Berichterstatter favorisieren. Natürlich war es Selbstmord.

Das kann nicht sein, das darf nicht sein?

Die große Verschwörung, deren Arm bis in das Metropolitan Correctional Center reicht? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Nicht bei einer Presse, deren Vertreter geradezu chronisch düstere Machenschaften der Eliten negieren.

Hochrangige Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft sollen in Missbrauch von Minderjährigen verwickelt sein? Einflussreiche, mächtige Kreise sollen dafür gesorgt haben, dass ein inhaftierter Verdächtiger, der zu viel weiß, beseitigt wird?

Bei solchen Äußerungen empören sich Journalisten großer Medien gleich reihenweise. Der naive Glauben an die guten Eliten sitzt tief. Er sitzt so tief, dass zumindest ein Teil der Journalisten geradezu reflexartig eine Art Schutzschild bildet, mit dem publizistisch selbst die größten Sauereien und Verbrechen verdeckt werden.

Dass dieser düstere grundsätzliche Verdacht von Abwehrmechanismen umgeben ist, lässt sich nachvollziehen. Das ist menschlich. Doch wenn gerade Mitglieder jener Berufsgruppe, die sich damit brüsten, die Realität schonungslos zu erfassen, also zu sagen, was "ist", bei solch einem Thema nicht über eine eindimensionale Erfassung der Wirklichkeit hinauskommen, dann versagt Journalismus.

Wie kann man in Anbetracht von Fällen wie Savile , Dutroux , Casa Pia, Franklin Cover-up, Sachsen-Sumpf usw. als Journalist den Tod von Epstein so schnell als Selbstmord einstufen?

"Amerika liebt seine Verschwörungstheorien"

Müsste das Wissen über die Hintergründe von Fällen wie den aufgezählten nicht dazu führen, dass Journalisten mit sehr viel mehr Misstrauen auf die Umstände des Todes von Epstein schauen? Natürlich. Dürfen sich kritische Journalisten im Fall Epstein darauf verlassen, dass die Behörden schon korrekt ermitteln werden? Sollen Medienvertreter von vorneherein jeden Manipulationsverdacht als abwegig abtun? Nein. Im Gegenteil. Ein kritischer Journalismus echauffiert sich bei solch einem Fall nicht über die Vermutung, Epstein könnte ermordet worden sein. Er hält sich mit Meinung zurück, eruiert selbst die Fakten, recherchiert und präsentiert dann, was er rausgefunden hat.

Man kann es aber auch anders machen, nämlich so:

Amerika liebt seine Verschwörungstheorien, und manchmal wirkt es, als könne Amerika ohne dieses ganze konspirative Gestrüpp gar nicht existieren. Die gefälschte Mondlandung, der Massenmord des 11. September 2001 durch Mossad und CIA, das vorgetäuschte und erfundene Schulmassaker von Newtown. Nun, die USA können bisweilen ein kluges Land sein, aber manchmal haben sie halt einen Knall.

Die Zeit

Mit diesen Zeilen beginnt ein Artikel, der auf Zeit Online erschienen ist und von Klaus Brinkbäumer verfasst wurde. Brinkbäumer, das wird auf seinem hinterlegten Profil ersichtlich, war "Redakteur des Jahres" und setzt sich in dem Artikel mit der Causa Epstein auseinander.

Die ersten Zeilen lassen die "mentale Struktur", die dem Artikel zugrunde liegt, erahnen. Mit den Verweisen auf bekannte Verschwörungstheorien und den entsprechenden Signalwörtern "Mossad" und "CIA" ist der Grundtenor des Artikels vorgegeben. Da wird davon geredet, dass Amerika "seine" Verschwörungstheorien liebt, gerade so, als handelte es sich dabei lediglich um ein kulturelles Phänomen, das sich allenfalls auf Ebene einer Geschmacksfrage bewegt. So wie Franzosen eine Liebe zum Wein haben, so haben Amerikaner eben eine Liebe für Verschwörungstheorien. C’est la vie! Oder: That’s life!

Die Sinnwelt, die in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, lässt keinen Raum für eine etwas komplexere Realität. Amerikaner setzen sich nicht etwa mit Verschwörungstheorien auseinander, weil sie erkennen, dass hinter der ein oder anderen "Theorie" möglicherweise eine wahre Realität steckt, sondern einfach nur, weil sie diese Theorien "lieben", ihren Spaß mit ihnen haben. So einfach sieht "Realität" aus, wenn Komplexitätsreduktion dazu benutzt wird, das eigene Weltbild zu bestätigen.

Dass Verschwörungstheorien, oder genauer: heterodoxe Betrachtungsweisen bei einer derart angelagerten Wahrnehmung der Realität nur noch als "Gestrüpp" sprachlich und gedanklich erfasst werden, ist offensichtlich. Ein journalistischer Beitrag kommt, wie so oft in den großen Medien, zum Vorschein, der vorgibt, aus der Sicht des übergeordneten, des alles erblickenden Beobachters verfasst zu sein. Große Verbrechen, Anschläge, historische Ereignisse: Sie werden in ein paar Zeilen zusammengefasst, denn man "weiß" eben, was "ist".

"Einen Knall haben"

Bisweilen, so geht es weiter, seien die USA ein "kluges Land", manchmal aber habe das Land schlicht einen "Knall". Unter Beachtung der in den großen Medien vorherrschenden Sichtweisen, dürfte vermutlich gemeint sein, dass die USA dann "klug" sind, wenn Obama oder die Clintons sprechen, und einen Knall haben, wenn Trump oder seine Anhänger sich zu Wort melden.

Dass Trump-Wähler nicht immer den stereotypen Vorstellungen entsprechen, wie sie in so mancher Redaktion hierzulande zu erkennen sind, davon durfte der Spiegel jüngst ein Liedchen singen, Stichworte: Kleinstadt Fergus Falls und gefälschte Reportage. Strafverteidiger Gerhard Strate spricht, das sei am Rande angemerkt, in dem Fall von "haltungsbesoffenen Redakteuren".

Weiter mit dem Artikel:

Als nun, am Samstag um 10 Uhr morgens, der Fernsehsender ABC die Nachricht in die Welt jagte, dass Jeffrey Epstein, 66 Jahre alt, um 6.30 Uhr tot in seiner Zelle des Metropolitan Correctional Center von New York aufgefunden worden war, ging es wie immer rasend schnell. Hatte er Hilfe gehabt? War er zum Suizid aufgefordert, gedrängt, gezwungen worden? Wer also wollte Jeffrey Epstein lieber tot als vor Gericht sehen? All diese Fragen wurden in den sozialen Medien gestellt, und wenn wir die USA richtig einschätzen, werden diese Fragen nicht wieder verschwinden. Die Wahrheit, so scheint es, ist banaler, wie meistens im Leben.

Die Zeit

Dieser Abschnitt ist von einem geradezu absurd komischen Moment geprägt. Da stellt ein Journalist fest, dass nach dem Tod Epsteins alles "rasend schnell" ging. Das heißt: Dass Bürger in sozialen Medien doch tatsächlich die Frage aufwerfen, was die Todesumstände einer Person sind, die als der wohl "wichtigste Gefängnisinsasse des Landes" bezeichnet werden darf und deren mutmaßliches Wissen über Verbrechen von Eliten und Machteliten nicht ganz ohne Bedeutung sein dürfte.

Nochmal in Zeitlupe: Hier wird allen Ernstes getadelt, dass Nutzer sozialer Medien jene zentralen Fragen stellen, die eigentlich von kritischen Journalisten öffentlich und mit der gebotenen Lautstärke gestellt werden müssten. Unfreiwillig zeigt sich hier, was es mit dem seit Langem andauernden Konflikt zwischen Medien und Rezipienten auf sich hat.

Während das Publikum sehr genaue Vorstellungen davon hat, was ein kritischer Journalismus leisten sollte, nämlich investigativ zu recherchieren, Angaben der Behörden zu hinterfragen, die richtigen Fragen zu stellen usw., sind auf der andere Seite Medienvertreter zu finden, die genau diese Fragen nicht stellen, sondern sich in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit bereits einen Tag nach dem Tod Epsteins, mit den Verlautbarungen der Behörden synchronisieren.

"Die Antwort, so scheint es, ist banaler, wie meistens im Leben", heißt es in dem Zeit-Artikel.

Man darf sich an dieser Stelle durch die Einschränkung "so scheint es" nicht täuschen lassen. In diesem Beitrag ist, im Grunde genommen, kaum noch Raum für eine Alternative, die Wahrheit steht so gut wie fest (das wird besonders durch den Schluss des Artikels noch einmal deutlich). Ein ergebnisoffener Journalismus sieht anders aus. Doch das verwundert nicht.

Schnelle Antworten

Wenn, wie oft im Journalismus der Mainstreammedien zu beobachten, der stark ausgeprägte Hang zur orthodoxen Betrachtung der Realität zum Vorschein kommt, dann ist meistens alles "banal". Die Antwort auf die Frage, ob es sein kann, dass einer der renommiertesten Reformpädagogen des Landes (Stichwort: Odenwaldschule) jahrelang Kinder missbraucht hat, vermag ein derart ausgerichteter Journalismus schnell zu geben: Nein, natürlich kann das nicht sein! Warum?

Weil, wie meistens im Leben, die Dinge "banal" sind… Vermutlich würden solche "Gerüchte" nur auf Wahrnehmungsstörungen und Fehlinterpretationen der Kinder bzw. Ankläger zurückzuführen sein. Könnte es sein, dass Qualitätsmedien jemals berichten würden, ein russischer Journalist - nennen wir ihn Arkadi Babtschenko - sei ermordet worden, obwohl er in Wirklichkeit unter Führung der Behörden seinen Tod mit Schweineblut nur vorgetäuscht, inszeniert hatte?

Um Himmelswillen: nein, auch das kann nicht sein. Könnte es sein, dass die Bundesregierung noch Jahrzehnte nach dem Anschlag auf das Oktoberfestattentat nicht willens ist, dem Bundestag wichtige Fragen zu dem Verbrechen zu beantworten und gar das Bundesverfassungsgericht auf den Plan gerufen wird? Nein, das kann nicht sein! Kann es sein, dass eine Neonazizelle jahrelang mordend durch das Land zieht und der Staat in dem Fall, auf welche Weise auch immer, eine ziemlich dreckige Rolle spielt?

Nein, auch das ist - wohl, vermutlich, mit ziemlicher Sicherheit usw. - völlig abwegig. Warum? Weil es sich dabei um Verschwörungstheorien handelt. Nichts dergleichen hat es jemals gegeben. Nichts dergleichen wird es jemals geben. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Da ist er, der Weltbildjournalismus, dessen Vertreter kritischen Fragesteller gerne mal ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild attestiert und dabei nicht erkennt, wie eingeschränkt ihr eigener Blick doch ist.

Die Ermittlungen laufen. Am späten Samstag aber sah es so aus, als sei den Justizbehörden schlicht ein Fehler unterlaufen. Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben, leider. Vor drei Wochen war Epstein erstmals mit Wunden am Hals in seiner Zelle entdeckt worden. Jene Ermittlungen - Suizidversuch, Mordversuch, Körperverletzung? - dauerten an und solange sie andauerten, gab es für Epstein zwar erhöhten Schutz vor anderen Häftlingen, aber die ständige Beobachtung Epsteins, jene "suicide watch", die auch das Entfernen von Schnürsenkeln einschließt, war nach sechs Tagen vorerst aufgehoben worden. Wie bizarr. Wie fahrlässig.

Die Zeit

"So sah es aus", schreibt der Autor und liefert damit ein anschauliches Beispiel, wie ein naiver Journalismus funktioniert. Was heißt: "So sah es aus"? Aus wessen Perspektive "sah es so aus"? Wer sagt hier, wie etwas "aussah"? Wer spricht, wer gibt die "Fakten" vor? Anders gesagt: Wie sind diejenigen, die sprechen im Hinblick auf ihre Hintergründe, Interessen, Interessenskonflikte und auch Kompetenzen einzuordnen? Wer sind die, die den ersten Entwurf der Wirklichkeit liefern? Oder soll man sagen: Das "Narrativ"?

Natürlich: Der ZEIT-Artikel bezieht sich auf die Behörden, auf offizielle Stellen. Diese geben Informationen raus und bekunden, wie etwas "aussieht". Nun könnte man als kritischer Journalist wissen, dass gerade bei solch einem Fall Informationen (Desinformationen?) mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Nur weil Behörden sagen, dass etwas "so aussieht", heißt das noch lange nicht, dass "es" auch tatsächlich so "ist". Im Grunde genommen bewegen wir uns mit dieser Feststellung im Bereich des Grundlagenwissens Journalismus, erstes Semester (zur Staatsgläubigkeit von Journalisten siehe: hier).

Die Sicht der Behörden

Natürlich muss man als Journalist anführen, wie etwas (aus Sicht der Behörden) "aussieht", aber das geschieht in diesem Artikel eben nicht distanziert, sondern mehr oder weniger offen mit einer bestätigenden Haltung. Im nächsten Satz heißt es nämlich: "Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben, leider". Diese Aussage verdeutlicht, dass hier journalistisch unterstützend in das Behördennarrativ eingeschwungen wird. Wir haben es mit einer Erklärung zu tun, die den bekannten gegenwärtigen Stand der Dinge plausibel machen möchte.

Zuerst hieß in dem Artikel: "Die Wahrheit ist banaler, wie meistens im Leben." Nun ist zu lesen: "Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben". Was sind das für Aussagen? Ja, wir bewegen uns mit ihnen auf der Ebene der "Alltagsweisheit". Die Wahrheit im Leben ist oft banal. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Und anfügen ließe sich noch: Nachts ist es kalt.

Dem Fall Epstein, mit all seiner Komplexität, begegnet ein Qualitätsmedium mit Aussagen, die aufgrund ihrer Banalität nicht einmal als Spruch für einen schlechten Kalender taugen würden. Schauen wir, wie diese Art von Journalismus nun der Tatsache, dass bei einem derart hochkarätigen Gefangenen die "ständige Beobachtung" aufgehoben wurde, begegnet: "Wie bizarr. Wie fahrlässig."

In dem Wort "fahrlässig" kommt zum Vorschein, was bereits angesprochen wurde: Das ist kein ergebnisoffener Journalismus. Hier steht es. Schwarz auf weiß. Dass die ständige Beobachtung Epsteins aufgehoben wurde, war "fahrlässig". Damit ist der Verdacht, dass aus anderen Gründen die Beobachtung aufgehoben wurde, vom Tisch - das heißt: im Wirklichkeitsuniversum des Artikels. Natürlich nicht im real life.

Im Grunde genommen reicht die Auseinandersetzung mit diesen ersten Zeilen aus, um den gesamten Artikel zu erfassen. Im Sinne einer objektiven Hermeneutik könnte man den Beitrag analysieren, Satz für Satz, Wort für Wort. Doch das ist nicht nötig. Für das Offensichtliche bedarf es keiner Hermeneutik.

Hier folgt noch ein bisschen Betroffenheit ("Wie brutal auch gegenüber den Opfern, die sich vom Prozess gegen diesen Mann Erklärungen, Gerechtigkeit und Genugtuung erhofft hatten"), da noch der Hinweis, das in den Akten durchaus deutlich wird, welche Trageweite der Fall hat ("Von Prostitution, Menschenhandel und von der vielfachen Vergewaltigung Minderjähriger ist in den Ermittlungsakten die Rede") und zum Schluss noch ein wenig Autosuggestion oder die alte Methode der Wiederholung ("Nach allem, was bislang bekannt wurde, haben die Aufseher im Gefängnis nicht aufgepasst. Ein mutmaßlicher Täter hat sich wohl deshalb erhängt, um der Scham des Prozesses zu entkommen."), getreu dem Motto: Man muss etwas nur oft genug sagen, dann wird es zur "Wahrheit".

Bemerkenswert ist, dass nicht nur einige wenige Artikel wie der hier besprochene in den großen Medien erscheinen. Nahezu alle bisher gesichteten Beiträge ähneln sich im Tenor. Journalisten stoßen sich (wie immer) an geäußerten Verschwörungstheorien und vertreten die Auffassung, dass Epstein mit ziemlicher Sicherheit Selbstmord begangen hat. Manche Medien haben gar bereits kurz nach dem Tod Epsteins in der Überschrift die Selbstmordthese als Tatsache dargestellt ("Nach Missbrauchsvorwürfen: US-Milliardär Jeffrey Epstein begeht in Zelle Suizid".

Zum staatsoffiziellen-journalistischen Gleichklang senden dann auch noch Vertreter aus dem akademischen Feld den ein oder anderen passenden Ton . Auf Zeit Online äußert sich der Philosoph Jan Skudlarek zum Fall Epstein mit der hehren Absicht, aufklären zu wollen.

"Symptom für die Erosion der Glaubwürdigkeit im digitalen Zeitalter"

Unter der Überschrift "Verschwörungstheorien: Epstein, Epstein, alles muss versteckt sein" wird der Versuch unternommen, den Lesern aufzuzeigen, was es mit den Stimmen aus dem Netz, die eher an ein Mordkomplott als an einen Suizid glauben, auf sich hat.

Wie zu erwarten folgt keine nüchterne Analyse der vom medialen Mainstream abweichenden Ansichten. Gleich zu Beginn heißt es, dass, obwohl die "Leiche noch nicht kalt", bereits im Netz Gewissheiten "wuchern". Da ist sie, die Sprache des Kampfes. Wenn etwas "wuchert", dann ist das selten gut. Der Krebs, der sich durch den menschlichen Körper frisst, "wuchert", das Unkraut im Garten "wuchert". Wie begegnet man Krebs und Unkraut? Den Krebs gilt es zu bekämpfen, das Unkraut auszujäten.

Auch an dieser Stelle sei nochmal die "Zeitlupentaste" gedrückt.

Wenn sich Bürger in sozialen Medien im Hinblick auf den Tod Epsteins gewiss sind, dass es sich dabei um Mord handelt, dann erfasst ein "Zeit-Philosoph" gedanklich diese Meinungsäußerungen als eine Art Krebsgeschwür oder als Unkraut?

Etwas verdreht heißt es, dass Äußerungen wie diese "nicht weniger als ein Symptom für die Erosion der Glaubwürdigkeit im digitalen Zeitalter" seien. So sieht es heutzutage aus, wenn "große" Gesellschaftsdiagnosen ausgesprochen werden. Garniert wird der Befund mit den bekannten, abgenutzten, aber im Ohr der eigenen Peergroup noch immer wohlklingenden Begrifflichkeiten und Formulierungen.

Da wird wieder einmal von "Fake-News" gesprochen, da versteht sich der Autor als "Vertreter einer evidenzbasierten Weltanschauung" und betitelt im besten Sinne der Kampfrhetorik Bürger, die an Mord im Fall Epstein glauben als "Internet-Verschwörungstheoretiker". Umrahmt wird all das von Aussagen, die nahtlos in "Tiefe" und "Qualität" an den zuvor besprochenen Zeit-Artikel anknüpfen. Da heißt es:

  • Wer eine Aussage in den Raum stellt, muss liefern. Argumente. Belege. Beweise.
  • Heute, in der Epoche des Antifaktischen, gelten Belege und Beweise nicht etwa als abgewertet (schon das wäre schlimm genug), nein, oft sind sie schlichtweg schnurzpiepegal.
  • Manchmal sind die Dinge genau so, wie sie scheinen.
  • Oft genug gibt es keine tiefere Wahrheit.
  • So nachvollziehbar der Wunsch nach Auf- und Erlösung sein mag: Die Welt ist in der Regel banaler.

Wie soll man dieser Art "Diskursbeitrag" begegnen?

Ja, es stimmt: Wer etwas behauptet, sollte Argumente haben. Wer A sagt, muss auch B sagen. "Oft" sind die Dinge so, "manchmal" anders. Es gibt "nachvollziehbare" "Wünsche", die Welt ist "in der Regel" "banal", der Erklärbär ist großartig.

In den angeführten Aussagen zeigt sich anschaulich, wie einfach gestrickt "Objektivierung" in großen Medien oftmals ist. Da wird von der "Epoche des Antifaktischen" gesprochen, als ob das "Antifaktische" nicht schon immer ein fester Bestandteil der öffentlichen Kommunikation war.

"Lassen wir die Profis ihre Arbeit machen"

Auch dieser Zeit-Artikel ist von einem unfreiwillig komischen Moment geprägt. Viele der Äußerungen, die in Richtung derjenigen gerichtet sind, die heterodoxe Ansichten vertreten, lassen sich genauso all jenen unter die Nase reiben, die mit diesen Ansichten ihre Probleme haben.

Um das an einem Beispiel zu demonstrieren:

Fakt ist: Wir wissen es nicht. Noch (!) nicht. Wahrscheinlich wird sich das ändern. Diejenigen jedoch, die sich schon jetzt in den Glauben an die ganz große Verschwörung und Vertuschung flüchten, wird kein noch so logischer Abschlussbericht je erreichen können. Weil die konspirative Mentalität eher Ideologie ist. Weil Verschwörungsglauben mit der Wahrheit nichts am Hut hat. Weil der Verschwörungsdenker das faktische Weltbild längst verlassen hat und einfach glaubt, was er will. Fakten hin oder her.

Jan Skudlarek, Die Zeit

Umgekehrt lässt sich sagen: Diejenigen, die von Anfang an Selbstmord geglaubt haben, werden sich, egal wie groß berechtigte Zweifel auch sein mögen, nie von ihrer Meinung abbringen lassen. Weil der naive Glaube an die orthodoxen Wahrheiten übermächtig ist. Weil der Hang zur Anerkennung der vorherrschenden Weltbilder, zu stark ausgeprägt ist. Weil es an der Bereitschaft fehlt, die Standortgebundenheit des eigenen Denkens zu erkennen. Weil die "Halter des Monopols auf öffentliche Meinung" (Pierre Bourdieu) das faktische Weltbild längst verlassen haben (siehe beispielsweise Ukraine-Krise) und glauben, was sie glauben wollen. Fakten hin oder her. Geradezu antiaufklärerisch lassen sich die folgenden Gedanken verstehen:

Lassen wir die Profis ihre Arbeit machen. Mal sind die Profis Wissenschaftler. In diesem Fall sind die Profis Ermittlungsbehörden - die übrigens aus gutem Grund nicht "Spekulationsbehörden" heißen. Weil sie wirklich ermitteln. Vor Ort, in Teams und mit überindividuellen Erkenntnisgewinnungsprozessen. Kurz: mit Beweisen.

Jan Skudlarek, Die Zeit

Hier kommt er zum Vorschein, der eigene Glauben. "Weil sie wirklich ermitteln". Wie lässt sich eine derartige Aussage noch reinen Gewissens tätigen, wenn man weiß, was sich Ermittlungsbehörden alleine im Fall NSU geleistet haben?

Woher weiß der Autor, dass wirklich ermittelt wird? War er bei den Ermittlungen dabei? Hat er den Ermittlern über die Schulter geschaut? Konnte er sich von den Ermittlungen überzeugen? Wäre es gerade in Anbetracht des Fall Relotius nicht angebracht, dass Redakteure, die solch einen Artikel freigeben, ein wenig sensibler mit derlei wirklichkeitserzeugenden Aussagen umgehen?

An dieser Stelle des Artikels offenbart sich, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu als "Doxa" bezeichnet. Etwas vereinfacht: Der Glauben an die natürliche Ordnung der Dinge. In der doxischen Wahrnehmung ist die Realität naiv-natürlich angelegt: Natürlich "ermitteln" Ermittlungsbehörden. Selbst ein Dummkopf weiß das.

Deshalb reden wir von "Ermittlungsbehörden", also Behörden, die "ermitteln" (Tenor: Bitte stören Sie keine doxischen Überzeugungen) Dass Vertreter von Ermittlungsbehörden absichtlich Ermittlungen sabotieren, also beispielsweise nicht richtig ermitteln, das scheint in den angeführten Zeilen geradezu unvorstellbar.

Das Traurige an dieser Stelle ist: Im Fall Epstein geht es um viel. Um sehr viel. Wenn die Anschuldigungen stimmen, dann geht es unter anderem auch um furchtbares Leid. Es spricht für den Niedergag des so genannten Qualitätsjournalismus, wenn er auf einem Fall, bei dem es um sexuellen Missbrauch von Minderjährigen geht, seine (selbstverständlich reine) Glaubenslehre ausbreiten möchte. Während Bürger, die in sozialen Medien ihre Sicht der Dinge veröffentlichen, nicht der Objektivität verpflichtet sind, darf und muss man von Journalisten und ja: auch von Akademikern, die meinen, sich zu Wort melden zu müssen, ein echtes Erkenntnisinteresse erwarten.

Wer bei einem derartigen Fall als "vollprofessioneller" Bestimmer der Wirklichkeit erkennen lässt, dass er eine "Lieblingswahrheit" hat und andere Meinungen abwertet, weil sie als Angriff auf den eigenen Wirklichkeitshorizont erfasst werden, sollte sich besser mit einem Thema auseinandersetzen, bei dem der Verstand weniger durch die persönliche Meinung getrübt ist.

Im Fall Epstein gilt es grundsätzlich misstrauisch zu sein - auch nachdem nun die Ergebnisse der Autopsie vorliegen. Wo sind eigentlich die Interviews mit den Anwälten von Epstein? Wo sind eigentlich die Interviews mit denjenigen, die davon ausgehen, dass Epstein ermordet wurde? Wo ist das vorurteilsfreie journalistische Erkenntnisinteresse?

Wäre es nicht angebracht, dass Journalisten mit jenen Personen sprechen, die von einem Komplott ausgehen, um zu erfahren, warum sie glauben, was sie glauben? Sicher, Fragen wie diese sind zwar angebracht, aber sie sind auch naiv. Die Vertreter eines Weltbildjournalismus müssen nicht mit der anderen Seite sprechen. Sie brauchen keine zwei unterschiedlichen Ansichten, um ausgewogen zu berichten. Wozu auch? Wenn es um Verschwörungstheorien geht, wenn es um Eliten geht, die Schlimmes verbrochen haben sollen, dann "wissen" diese Journalisten von vorneherein, wie die Wahrheit lautet.

So wie in schlechten Krimis der Mörder immer der Gärtner ist, so sind im Mainstreamjournalismus "die da oben" grundsätzlich nicht an einem Komplott beteiligt. War der fehlende Bezug zur Realität in unseren Medien jemals so groß wie heute?

Nachtrag

Die New York Times hat am Sonntag einen umfangreichen Beitrag veröffentlicht, worin sich drei Reporter mit den Hintergründen von Epsteins Tod auseinandersetzen. Der Artikel, der erfrischend sachlich geschrieben ist, legt nahe, dass Epstein Selbstmord begangen hat. Logische Brüche bleiben dem Leser dennoch nicht erspart.

Das Problem allerdings ist: Nahezu alle Hinweise (außerhalb der behördlichen Statements), die sich so interpretieren lassen, dass Epstein Selbstmord begangen hat, sind anonymen Quellen zugeschrieben. In dem Artikel heißt es: "Die Personen, die ihre Begegnungen mit Mister Epstein und die Bedingungen im Gefängnis beschrieben, sprachen fast alle nur unter der Bedingung, dass sie anonym bleiben. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, dass der Tod Epsteins nun die Angelegenheit von mindestens zwei bundesstaatlichen Ermittlungen sind, bei denen es um Mängel bei der Aufsicht eines derart wichtigen Gefängnisinsassen geht." ("The people who described their interactions with Mr. Epstein and the conditions in the jail almost all spoke only on condition of anonymity, in large part because Epstein’s death is now the subject of at least two major federal inquiries into the failure to closely monitor such a high-profile prisoner.")