Fall Khashoggi: "Saudi-Arabien ist viel besser als sein Ruf"

US-Präsident Trump und der saudi-arabische Kronprinz Mohammad Bin Salman. Foto: Weißes Haus / gemeinfrei

Der Mann, der das Regime liebte, und der Versuch, mit politischer PR-Arbeit sehr viele wichtige Gesichter vor dem Entgleisen zu retten

Saudischen Fachkräften soll bei ihrer investigativen Arbeit am Körper von Jamal Khashoggi ein Fehler unterlaufen sein, der dazu führte, dass dieser verstarb. Darauf läuft, wie gleich drei große US-Medien - CNN, Wall Street Journal und die New York Times - berichten, ein Erklärungsmodell hinaus, das angeblich in Riad erwogen wird.

Wie es aussieht, wird Jamal Khashoggi nicht wieder lebendig auftauchen. Die gruslige türkische Version, wonach der Mann die saudi-arabische Vertretung in Istanbul in Form von Leichenteilen verlassen hat, scheint mehr mit der Wahrheit zu tun zu haben, als es vielen Staats- und Konzernführern in der Welt behagen kann. Jetzt wird eine Lösung gesucht.

Selbstverständlich nennt keine der drei US-Medien die Quelle ihrer Nachricht, wonach man in Saudi-Arabien eine offizielle Erklärung erwäge, die erzählt, dass schurkische ("rogue") Agenten Jamal Khashoggi versehentlich umbrachten - dabei sollten sie den Mann nur befragen und zurück nach Saudi-Arabien bringen - und dies kein Auftragsmord war, den Riad angeordnet hat.

Es ist nicht sicher, ob diese Erklärung, die den Medien von "Personen berichtet wurde, die mit der Sache befasst sind" überhaupt offiziell abgegeben wird. Nichts ist sicher, weil der Einsatz sehr hoch ist. Man stelle sich vor, wie sie alle reagieren werden, wenn es heißt, dass Saudi-Arabien für den Tod Khashoggis in der saudischen Vertretung in Istanbul verantwortlich ist: Trump, Merkel, Netanjahu, zum Beispiel, oder Iran und Katar.

Was wird Carsten Kühntopp vom ARD-Studio Kairo sagen, der Anfang Mai noch davon ausging, dass Saudi-Arabien dank des Kronprinzen Mohammad Bin Salman "viel besser ist als sein Ruf"? Kühntopp war einer unter sehr vielen, die so denken wollten.

Die Geschäfte, die Saudi-Arabien verspricht, sind immer großartig (amerikanisch: "Bigger than life"). Der Druck in der westlichen Öffentlichkeit, dass der Nahe Osten so sein soll, wie er zu den Geschäften und zu den politischen Interessen passt, ist hoch. Als die unpassende Einschätzung vom BND ("Der Kronprinz ist zu impulsiv") kam, ruderte die Regierung zurück. Nicht zuvergessen ist auch die Ölpreisschraube, an der Saudi-Arabien drehen kann.

Nun kann man den US-Medien und insbesondere der Washington Post dabei zusehen, wie sie an der nächsten Legende stricken: der Dissident Jamal Khashoggi, der unbeugsame, kritische Journalist, der es mit dem mächtigen Kronprinzen aufnahm.

Sein ehemaliger Arbeitskollege bei den saudischen Arab News, der Buchautor und Journalist John R. Bradley, gibt am Ende seines Buches "Saudi Arabia Exposed" Einblick in die Wandlungsfähigkeit des unabhängigen Journalisten Jamal Khashoggi und in dessen Treue zur königlichen Familie.

Khashoggi war 2003 als Chefredakteur von al-Watan entlassen worden, weil er dort einen Meinungsartikel erscheinen ließ, der die Lehren von Ibn Taymiyya aus dem 13. Jahrhundert als nicht so wichtig und verbindlich für Individuen im 21. Jahrhundert werten wollte wie die Wahhabisten, die das saudische Königshaus auf keinen Fall beunruhigen wollte.

Der "Dissident" wurde als PR-Mann für den saudischen Prinzen Turki al-Faisal nach London geschickt (dem er später nach New York folgte). Dort erklärte er, wie Bradley schildert, der BBC, dass in Saudi-Arabien keine Schiiten verfolgt und dort niemand gefoltert würde.

Bemerkenswert ist das nicht nur wegen der makabren Pointe, sondern auch weil Bradley auch in seinem aktuellen Artikel das Bild des Journalisten Jamal Khashoggi korrigiert. Porträtiert wird Khashoggi als "Dissident", der sich mit dem falschen Reformer-Prinzen Mohammad bin Salman angelegt habe, weil er für mehr liberale Reformen eintritt, exemplarisch wird das so von der Washington Post und natürlich vom immer biedereren Guardian gezeichnet wird. Aber nicht nur das, Bradley korrigiert auch das geschönte Bild von Saudi Arabien.

Um es kurz und grob zusammenzufassen: Das Königshaus agiert nach den langjährigen Erfahrungen, die Bradley im Land gesammelt hat, wie die Mafia. Wer dort ist, darf nicht austreten oder er ist des Todes. Das ist ein Motiv, mit dem Bradley die Ermordung Khashoggis erklärt. Das andere liegt im Engagement Khashoggis für die Muslimbrüder.

In den 1970er Jahren habe sich Khashoggi, der sich niemals wirklich um die westliche pluralistische Demokratie gekümmert habe, den Muslimbrüdern angeschlossen, was unter anderem dazu geführt habe, dass er die "moderate Opposition" in Syrien unterstützte. Da Khashoggi zum "de facto-leader" der Muslimbrüder in Saudi-Arabien wurde, sei er zum "größten politischen Widersacher der Herrschaft der Bin Salmans außerhalb der königlichen Familie" geworden.

Mohammad Bin Salman würde zwar den Wahhabismus in Schranken weisen, was dem Westen gefalle, aber anderseits die Muslimbrüder weiterhin als "hauptsächliche Bedrohung" begreifen, die seine Vision von einem künftigen Saudi-Arabien gefährden könnte. Zumal Khashoggi sich zuletzt für eine neue politische Partei engagierte, genannt "Demokratie für die arabische Welt jetzt", die sich für den politischen Islamismus in demokratischen Wahlen in der Region einsetzen sollte.

Als drittes Mord-Motiv - neben der Abtrünnigkeit vom Mafia-Clan der Sauds und dem Engagement für die Muslimbrüder - deutet Bradley noch das Insiderwissen an, das Khashoggi im Lauf der Zeit mit Geheimdienstkontakten gesammelt hat: "Khashoggi traf sich mit britischen, US-amerikanischen und saudischen Geheimdienstvertretern, er war mehr als jeder andere auf eine einzigartige Weise dazu fähig, wertvolle Insiderinformation zu sammeln."

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