Fall Khashoggi: US-Geheimdienste sollen von saudischen Gefangennahmeplänen gewusst haben

Jamal Khashoggi. Foto: Pomed. Lizenz: CC BY 2.0

Riad erlaubt Ankara die Durchsuchung des Istanbuler Konsulats

Die Washington Post will aus US-Geheimdienstkreisen erfahren haben, dass man dort bereits vor dem mysteriösen Verschwinden des kronprinzkritischen saudischen Journalisten Dschamal Chaschukdschi (den auch deutsche Medien meist in der gängigeren englischen Transkription "Jamal Khashoggi schreiben) von Plänen saudischer Staatsakteure wusste, ihn zu "fangen". Von diesen Vorhaben sollen die amerikanischen Geheimdienstler aus abgehörten Gesprächen erfahren haben.

Khashoggi war bis zur faktischen Machtübernahme des saudischen Kronprinzen bin Salman ein Vertreter der dortigen Medienelite. Auf Twitter folgte ihm bereits vor seinem Verschwinden über eine Million Menschen. Am 2. Oktober suchte der 59-Jährige den Aussagen von Familienangehörigen nach das saudische Konsulat in Istanbul auf, um sich Dokumente für eine geplante Hochzeit mit einer Türkin zu holen. Eine Überwachungskamera zeichnete auf, wie er das Gebäude um 13 Uhr 14 betrat. Seither hat man ihn in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen. (vgl. Khashoggi und der Kronprinz).

Türkische Medien berichteten am Wochenende unter Berufung auf Polizei- und Regierungskreise, dass die Ermittler von seiner Verschleppung oder Ermordung ausgehen. Im Verdacht, damit zu tun zu haben, sollen 15 Personen stehen, die AirNavRadarBox nach am 2. Oktober mit zwei zweimotorigen Gulfstream-IV-Privatflugzeugen der saudischen Firma Sky Prime Aviation Services aus der saudischen Hauptstadt Riad kommend in Istanbul eintrafen. Das erste Flugzeug landete um 3 Uhr 15 früh in istanbul, das zweite um 17 Uhr 15.

Nach einer Stunde und 15 Minuten verließ dieses zweite Flugzeug Istanbul wieder und kehrte via Kairo nach Riad zurück. Das erste Flugzeug blieb bis um 22 Uhr 45 in der Bosporusmetropole und flog über die anatolische Stadt Nallihan, den Irak (an der Grenze zum Iran) und Dubai zurück in die saudische Hauptstadt.

Außerdem wollen türkische Medien von Ermittlern erfahren haben, dass am 2. Oktober gegen 15 Uhr zwei Fahrzeuge die nicht kameraüberwachte Garage des Konsulats in Richtung der knappe 500 Meter entfernten Residenz des saudischen Konsuls Mohammed al-Otaibi verließen. Einer davon, ein Mercedes Vito mit getönten Scheiben, wurde kurz danach dort automatisch gefilmt. Ein Teil der türkischen Medien mutmaßt, dass Khashoggi tot oder betäubt in einem der Autos und einem der Flugzeuge saß. Ein anderer vertritt die etwas reißererische (aber angesichts anderer Bräuche und Traditionen im Wahhabitenstaat auch nicht ausgeschlossene Theorie), dass man 59-Jährigen in kleine Stücke zerteilt und in Diplomatenkoffern abtransportiert hat.

Saudische Staatsführungsvertreter bestreiten bislang sowohl, von den 15 Mann und den zwei Flugzeugen zu wissen, als auch, irgend etwas mit Khashoggis Verschwinden zu tun zu haben. Die einzigen offiziellen Vertreter, die man nach Istanbul geschickt habe, seien Beamte, die den türkischen Behörden bei den Ermittlungen helfen würden. Trotz fehlender Präsenz auf den Überwachungskameraaufnahmen und trotz der Aussage von Khashoggis Braut, die nach eigenen Angaben elf Stunden lang vergeblich vor dem Konsulat wartete, beharrt das Ölkönigreich außerdem darauf, dass ihr Staatsbürger außerhalb ihrer Vertretung verschwunden sein müsse.

Dass sich Khashoggi noch dort auffällt, ist unter anderem deshalb unwahrscheinlich, weil die saudischen Behörden heute einer "Untersuchung" des Gebäudes durch türkische Ermittler zustimmten, wie der türkische Außenamtssprecher Hami Aksoy heute mitteilte. Vorher hatte es lediglich einen "Ortstermin" gegeben. Ob diese Bereitschaft auch für eine Untersuchung der Residenz al-Otaibis gilt, ist unklar. In beiden Gebäuden dürften die seit dem 2. Oktober vergangenen acht Tage aber professionellen "Fixern" mehr als genug Zeit gegeben haben, eventuell vorhandene Spuren zu beseitigen.

Inzwischen gibt es vor dem Konsulat anti-saudische Proteste, denen sich unter anderem die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman angeschlossen hat. In Saudi-Arabien hat sich derweil der Khashoggis Erstgeborener dafür ausgesprochen, dass der Fall seines verschwundenen Vaters "nicht politisiert" wird.

Politische Bezüge drängen sich hier allerdings geradezu auf: Außer der Feindschaft zwischen Khashoggi und dem Kronprinzen (der sich durch sein militärisches Vorgehen im Jemen und beim vom französischen Staatspräsident Emmanuel Macron bestätigten Festhalten des libanesischen Ministerpräsidenten Hariri unter anderem beim deutschen Bundesnachrichtendienst den Ruf erwarb, äußerlich verbindlich, aber in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich zu sein) gibt es kein sichtbares Motiv für eine Entführung, einen Mord oder ein Untertauchen. (Peter Mühlbauer)

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