Fall Skripal: Wenn Fakten zu "Narrativen" werden

Einige Gedanken zu russischer und westlicher Propaganda, sowie einer zunehmenden Eintrübung des Denkvermögens in Wissenschaft und Medien

Am angesehenen Londoner King's College, einer der größten und ältesten Universitäten Großbritanniens, wurde jüngst eine 140 Seiten umfassende Studie zu "gezielter Desinformation" durch russische Staatsmedien veröffentlicht. Der Untersuchung zufolge machen RT und Sputnik "Nachrichten zur Waffe" und verbreiten insbesondere im Fall Skripal unzählige, teils widersprüchliche Narrative, also Erzählungen.

Tenor des Papiers: Die Russen wollen uns täuschen und verwirren. Der ARD Faktenfinder präsentierte die Studie dem deutschen Publikum und schloss sich den britischen Analysen weitgehend an. Soweit nichts Neues.

Dennoch birgt die Untersuchung Interessantes. Denn schaut man sich die 138 von den Forschern akribisch zusammengestellten russischen "Narrative" einmal im Einzelnen an - sie befinden sich etwas versteckt im "Anhang 3" des Papiers -, dann findet man dort unter anderem folgende Aussagen nummeriert aufgelistet:

  • Großbritannien hat Russland überstürzt beschuldigt, ohne Fakten vorzulegen
  • keine Beweise für Russlands Schuld
  • einseitige westliche Medien befeuern die Spannungen
  • britische Reaktionen sind illegal bzw. nicht ordentlichem Verfahren entsprechend
  • britische Verwendung des Wortes "wahrscheinlich" bedeutet: kein Beweis
  • Großbritannien hindert russische Behörden illegal daran, eigene Staatsbürger zu sehen
  • Ausweisung der Diplomaten durch die USA verstößt gegen internationales Recht
  • USA wollen Gelegenheit nutzen, um europäischen Gasmarkt zu übernehmen
  • Großbritannien hat kein Interesse daran, Spannungen mit Russland abzubauen
  • Russland verlangt Zugang zu Julia Skripal, den Großbritannien verweigert
  • Großbritannien versteckt die Skripals
  • Russland hat kein Motiv für die Vergiftung
  • das verwendete Nowitschok könnte aus einem westlichen Land stammen
  • Großbritannien führt einen Propagandakrieg
  • Großbritannien nutzt die Skripal-Vergiftung, um die Aufmerksamkeit von innenpolitischen Problemen abzulenken

Um es noch einmal deutlich zu wiederholen: All diese Aussagen listet die Studie als "desinformierende Narrative", mit denen russische Staatsmedien versuchen würden, die westliche Öffentlichkeit zu verwirren und zu täuschen. Das Problem dabei ist offenkundig: Die sogenannten "Narrative" sind zum Teil unstrittige Fakten. Es handelt sich um Tatsachen, die der offiziellen westlichen Seite unangenehm sind, und gegen die man nur wenige oder gar keine Argumente vorbringen kann, da es sich eben großteils um offensichtliche und für jeden erkennbare Wahrheiten handelt. Wer nun solche Wahrheiten zu "Narrativen" erklärt und mit Spekulationen gleichsetzt, dessen Denkvermögen scheint ernsthaft getrübt.

Ähnliches zeigte jüngst eine Twitter-Korrespondenz mit einem Redakteur der ARD-Faktenfinder-Redaktion. In der Methode, unangenehme Fakten zu "Narrativen" umzudeuten, liegt dabei ein ernster Angriff auf die Grundlagen logischer Kommunikation. Fakten sind keine Meinungen. Die (traurige) Ironie besteht darin, dass die gleichen Leitmedien und Wissenschaftler, die solch eine willkürliche Vermischung regelmäßig Putin, Trump & Co. ankreiden, dem Reiz eben dieser Vermischung selbst erliegen.

"Injizierte Narrative" und "poröse Medien"

Natürlich beschränken sich Medien in ihrer Berichterstattung über ungeklärte Verbrechen nicht auf unstrittige Wahrheiten, sondern ergänzen diese mit mehr oder weniger gut begründeten Mutmaßungen - so tun es BBC, CNN, ARD und auch russische Staatsmedien. Die Narrativ-Liste der Forscher enthält daher durchaus auch russische Spekulationen. Wer kommt als Täter in Frage, welche Motive gibt es, wie lassen sich die vorliegenden Indizien deuten? All das gehört zu einer polizeilichen Ermittlung und auch zur zugehörigen Berichterstattung.

Die implizite Annahme, in den Medien dürften keine Mutmaßungen geäußert werden, die dem Beschuldigten (Russland) nützen, da der Beschuldigte ja nun mal schuldig sei, was die eigene Regierung schließlich laut und deutlich angedeutet habe, ist in ihrer Skurrilität, Naivität und Servilität kaum zu steigern.

Das King's College ist dabei nicht irgendwer. Hier werden die Besten der Reichsten ausgebildet. Die Uni zählt zu den Top-Adressen weltweit, Haupteinnahmequelle sind die Studiengebühren, die Eltern aus der Oberschicht für ihre Sprösslinge überweisen. Zu einem Drittel wird die Hochschule von der britischen Regierung finanziert. Aktive Politiker wie Stephen Lovegrove, derzeit Staatssekretär im britischen Verteidigungsministerium (und vorher Banker bei der Deutschen Bank), halten hier Reden im kleinen Kreis. Wer an dieser Universität unterwegs ist, wer hier forscht und veröffentlicht, der repräsentiert die Elite des Landes.

Doch Teile dieser Elite zeigen ein zunehmend verqueres Weltbild, was sich insbesondere in der Sprache zeigt. So heißt es in der Studie, "prorussische Narrative" würden in westliche Medien "eingeschleust" und "injiziert", die westliche Medienlandschaft sei "porös". Aus solchen Worten spricht die Vorstellung eines abgeschlossenen Körpers, der sich gegen virenhafte Eindringlinge zur Wehr setzt. Die Russen, soviel scheint klar, sind kein Teil dieses Organismus. Sie befinden sich draußen, sind der Andere, Fremdartige, Gefährliche, gegen dessen Ansichten man sich verschließen muss.

Es ist eine weitere Ironie, dass diese Studie mit ihrem Aufruf zur medialen Abschottung von der "Open Society Foundation" des Milliardärs George Soros finanziert wurde, wie auf einer der ersten Seiten dezent vermerkt ist. Die Autoren der Untersuchung verwenden viel Mühe darauf zu zeigen, wie russische Sichtweisen trotz aller Vorsicht immer noch in britische Medien gelangten. So seien während der Skripal-Affäre "Behauptungen" russischer Regierungsvertreter wie etwa von Außenminister Lawrow, Regierungssprecher Peskow oder Außenamtssprecherin Sacharowa in britischen Medien "ausführlich zitiert" worden, "wohl aufgrund ihres Elitenstatus". Infolgedessen sei die britische Öffentlichkeit deren "Narrativen ausgesetzt gewesen". Die Abschottung ist aus Sicht dieses Teils der britischen Elite also offenbar noch nicht umfassend genug.

Dass es hingegen keiner Russen bedarf, um kritische Fragen zu stellen, beweist im Fall Skripal ein ums andere Mal der britische Ex-Botschafter Craig Murray, der aktuell eine neue 10-Punkte-Liste mit Fakten vorlegte, die die offizielle Version der Regierung in hohem Maße unglaubwürdig erscheinen lassen: 10 Tatsachen, die für die Forscher des King's College und Journalisten der ARD aber wohl auch bloß "Narrative" sind. (Paul Schreyer)

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