Falsch geschnitten: Wie Chirurgenfehler passieren

Falscher Patient, falsche Seite, falsche Stelle, falsche OP, falsches Ersatzteil: Eine amerikanische Studie untersucht, welche Fehler im Operationssaal warum passieren

Im Krankenhaus stirbt nicht nur, wer tödlich krank ist. Das Risiko, an einem ärztlichen Fehler das Leben auszuhauchen, ist mittlerweile größer als das, bei einem Verkehrsunfall das Zeitliche zu segnen. Das hat nur zum Teil mit dem Rückgang der Verkehrsopfer-Quote zu tun: Auf der anderen Seite nimmt der Kostendruck im Gesundheitswesen in einer Art und Weise zu, dass Kunstfehler eben nicht ausbleiben. Der unnatürliche Tod im Krankenhaus gehört in Deutschland inzwischen zu den zehn häufigsten Sterbeursachen.

Dazu passt nur zu gut, dass seit September die erste private Krankenversicherung ihren Kunden anbietet, kostenlos im Fall eines Behandlungsfehlers einen Anwalt zu konsultieren. Denn entgegen landläufiger Meinung ist das Risiko, falsch unters Messer zu kommen, für Privatpatienten höher als für Kassenangehörige, weil erstere etwa um ein Viertel öfter operiert werden. In den USA, die ein nennenswertes öffentliches Vorsorgesystem erst noch einführen, sterben jährlich zwischen 50.000 und 100.000 Menschen an den Folgen eines Behandlungsfehlers. 98 Prozent aller Ärzte sahen sich dort im Laufe ihrer Berufstätigkeit mit anwaltlichen Schadenersatzforderungen konfrontiert. In Deutschland haben sich im vergangenen Jahr fast 11.000 Patienten bei Schlichtungsstellen über echte oder vermeintliche Kunstfehler ihres Arztes beschwert.

Die Experten sind aber trotzdem einhellig der Meinung, dass die USA zu den Ländern gehören, die das Thema Kunstfehler am stärksten enttabuisieren. Dort sind Kunstfehler für die Verursacher zum einem mit am teuersten – ein irrtümlich entferntes Körperglied, in Deutschland für einen niedrigen sechsstelligen Betrag zu entschädigen, kostet auf der anderen Seite des großen Teichs gern mal ein paar Millionen. Erst vor zwei Wochen wurde ein Krankenhaus (und zwar ein akademisches Lehrkrankenhaus) in Rhode Island zu einer Strafzahlung von 150.000 Dollar verurteilt, weil die dortigen Chirurgen ihr Skalpell zum fünften Mal in nur drei Jahren an der falschen Stelle angesetzt hatten. Zudem wurde die Einrichtung verpflichtet, in allen OP-Sälen Videokameras anzubringen.

Den meisten Schaden richteten die Ärzte an, wenn sie im Brustraum operierten oder die falsche Seite gewählt hatten

Doch ist das die richtige Maßnahme, um Fehler zu vermeiden? Eine umfangreiche Studie im US-Magazin Archives of Surgery macht sich das amerikanische Reporting-System nun zunutze, um Fehlerarten und -ursachen genauer zu analysieren. Denn die meisten Fehler sind nicht unbedingt spektakulärer Art – aber für den Betroffenen ebenso unangenehm. Die Wissenschaftler klassifizieren in ihrem Paper Kunstfehler im OP zunächst in fünf Kategorien: falscher Patient, falsche Seite, falsche Stelle, falsche OP, falsches Implantat. Etwa die Hälfte der insgesamt 342 untersuchten Events ereignete sich im Operationssaal. Als Quelle dienten hier Krankenhäuser für US-Army-Veteranen – für diese gilt seit 2004 eine umfassende Vorschrift, deren Beachtung die häufigsten Irrtümer im OP eigentlich verhindern sollte.

Am gefährlichsten ging es dabei insgesamt für die Patienten in der Augenheilkunde und der invasiven Radiologie zu. Betrachtet man nur die Vorfälle im OP, lagen stattdessen die Orthopäden knapp hinter den Augenärzten. Den meisten Schaden richteten die Ärzte an, wenn sie im Brustraum operierten oder die falsche Seite gewählt hatten. Bei Operationen der Augenärzte passierte es besonders häufig, dass die falsche Seite behandelt oder das falsche Implantat eingesetzt wurde. Letzterer Fehler ereignete sich auch in der Orthopädie oft. Die invasiven Radiologen verwechselten besonders häufig den Patienten. Zahnärzte kümmerten sich allzu gern um den falschen Zahn.

Spannend ist auch, was die Experten als häufigste Fehlerursache ausmachten: Ein Problem nämlich, das kaum mit mehr Geld aus der Welt zu schaffen ist – mangelnde Kommunikation unter den Beteiligten, etwa bei der Übergabe des Patienten. Dabei zeigte sich, dass Kommunikationsprobleme oft sehr frühzeitig auftreten. Maßnahmen wie ein letztes Innehalten vor dem entscheidenden Schnitt können dann nicht mehr helfen – der Patient schlummert dann schon sanft, die falsche Markierung ist ihm womöglich schon im Krankenzimmer angebracht worden. Der Zeitdruck, von dem viele Operateure berichten, stand überraschenderweise mit etwa drei Prozent ganz am Ende der Liste der Ursachen. (Matthias Gräbner)

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